Wenn bei Rom-Com nicht viel rumkommt

Wenn bei Rom-Com nicht viel rumkommt

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SLEAZE + Shape of Water

Es sei ein „dringender“ Film, sagte Regisseur Guillermo del Toro im Rahmen des vom US-Blatt Hollywood Reporter ausgerichteten Director’s Roundtable zu seinem vielfach gelobten Shape of Water. Es sei ebenso ein Film des Jetzt und ein Werk über Angst gegenüber dem Fremden. Doch was sich wie ein klares Statement sowie ein filmisches Denkmal der Überwindung von mentalen wie emotionalen Grenzen anhört, erweist sich als oberflächlicher Versuch, der unumstößlichen Liebe Ausdruck zu verleihen.

Das Rom-Com-Märchen

Denn gerade sein im Zentrum stehendes Paar um die in einem Hochsicherheitslabor der 60er als Reinigungskraft arbeitende, stumme Elisa (Sally Hawkins) und die in dem Labor in einem wassergefüllten Glastank gefangen gehaltene Kreatur kommt kaum über die Plattheit einer romantischen Komödie vom Fließband heraus. Guillermo will uns von der innigen Verbindung der beiden erzählen, weiß dem dringenden Empfinden der Sehnsucht nach Nähe und des Zusammenseins aber nicht mehr als klischeeisierte Eindrücke zu vermitteln.

SLEAZE + Shape of Water
Vertieft in Romantik: Elisa

Wahrhaft zärtliche, zumeist auch widersprüchliche, aber stets hochintensive Momente, wie die ersten vorsichtigen Blicke, der ängstliche und gleichsam hoffende Versuch einer Berührung oder auch das sich zuweilen spontan zeigende Wunder des Kusses, werden schmerzlich in Shape of Water vermisst. Überdies inszeniert er den Sex, wenn auch in märchenhaften, überweltlichen Bildern, als ultimativen Höhepunkt, der die behauptete Liebesverbindung nur zusätzlich verwässert. Aus dem Liebes-Monster bleibt nichts als ein Sex-Monster.

Dies ist auch dahingehend überaus lebensfern, da Guillermo seine Handelnden kaum mit inneren Spannungen, sondern künstlich-konstruierten, zumal „altbewährten“ und damit ebenso lebensfernen Konflikten innerhalb seiner historischen Fiktion konfrontiert. Ein wesentliches Problem von generischen romantischen Komödien, so genannten Rom-Coms, ist ja, dass sie eine behauptete Liebesbeziehung mit einem klar definierten narrativen Ziel, dem diverse unwirkliche Hürden vorausgehen, in Verbindung bringen.

Dieses nicht immer ausgesprochene, aber zumindest als Highlight in Szene gesetzte Endziel ist nicht selten Sex als hilfloser, plumper Ausdruck der Gemeinsamkeit, woraufhin sich die hierdurch final und plötzlich in Stein gemeißelte Verbindung noch einmal im letzten Akt beweisen muss. So auch hier.

SLEAZE + Shape of Water
Nicht nur körperlich ein sehr eigener Liebesakt.

Aber ist das wirklich alles? Wo ist der wahre Konflikt? Die Konfrontationen mit sich und seinen Unsicherheiten? Können Beziehungen jemals ein Ziel mit sich tragen? Oder ergeben sie sich nicht vielmehr aus einer unerklärlichen Dynamik zwischen den Beteiligten? Rom-Coms schaffen unerreichbare, vor allem auch unerwünschte, da von unserer Existenz abgekoppelte Beziehungsutopien, die die Wahrnehmung und Erwartungshaltung gefährlich verzerren.

Liebe in Zeiten der Künstlichkeit

Die Liebe zu dem „Monster“ definiert sich in Shape of Water überdies in einer klassischen Ausbruchsgeschichte, im Zuge dessen Elisa ihren Liebsten aus seinem feuchten, auch mit Folter beheimateten Gefängnis befreien will. Dafür bringt der Mexikaner seine dramaturgisch klar definierten Figuren frühzeitig in Stellung, darunter der als Sicherheitschef über die Einrichtung wachende Colones Richard Strickland (Michael Shannon), der lediglich als beinharter, aber platter Gegenspieler fungiert, sowie der von Michael Stuhlbarg verkörperte Dr. Robert Hoffstetler, dessen allzu deutliche Ambivalenz im Wesentlichen bekannte Wendungen erfährt.
Interessanterweise ist es denn auch Elisas Quasi-Mitbewohner Giles (Richard Jenkins), ein sich abmühender Werbeillustrator, der lediglich als Nebenfigur die Schwere seines Lebens in kurzen Momenten aufblitzen und so im Gegensatz der Cartoonhaftigkeit seiner Mitspieler nachwirken lässt. In seinem empathischen Herz brodeln Spannungen des wehmütigen Zurückblickens, der tiefen Melancholie und Perspektivlosigkeit.

Doch auch er agiert lediglich in einem zwar zunächst wunderbar träumerischen und von Alexandre Desplats Soundtrack mit Paris-Flair begleiteten Kalter-Krieg-Baltimore. Die Ostküstenstadt zerfällt mit fortschreitender Laufzeit allerdings zur reinen Studiokulisse. Sie ist dermaßen offenkundig auf Hochglanz poliert mit ihrer „perfekten“ Ausleuchtung und Ausstattung, dass es schwerfällt, sie als lebendigen Kosmos zu erfahren. Es ist das farbenfrohe, märchenhaft-gelackte Postkarten-Bild, dem jeder Funken kantige Wahrheit fehlt und vielmehr Attraktion denn organische Welt darstellt.

SLEAZE + Shape of Water
Hier lernst du, wie man richtig Spaß haben kann.

Zudem wirkt Guillermos Handlungsort als eine Art historischer Nostalgie-Pool, den der Filmemacher sichtlich romantisiert, wenn er etwa in einem Kino Ausschnitte aus der 1960 erschienenen Historien-Romanze The Story of Ruth zeigt. Romantik ist etwas Wundersames, doch verglüht ihre Wirkung hier angesichts allen uns entgegenspringenden Glanz‘, der die Eindrücke nur in seltenen Augenblicken zum kribbelnden Glühen bringt. So verglüht auch Shape of Water zur Gänze trotz seiner herzlichen Intention, von der Grenzen sprengenden Liebe zu erzählen.

Alex

Titel: Shape of Water
Kinostart: 15.02.2018
Dauer: 123 Minuten
Genre: Drama, Fantasy, Thriller, Romanze
Produktionsland: USA
Filmverleih: 20th Century Fox

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