The Northman: Ein Film wie ein furioser Walkürenritt

The Northman: Ein Film wie ein furioser Walkürenritt

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Das Publikum ist an Heldentaten gewöhnt. Es tauscht sich mit den Mitteln modernder Technik häufig in virtuellen Räumen über den Erfolg der zahlreichen Heroen aus, die heute in vielerlei, aber sich doch gleichenden Formen die Leinwand bevölkern.

SLEAZE + The Northman
Wer will hier Stress?

Sie zelebrieren den Erfolg ihrer Helden, die doch nicht mehr sind als meist hochtrainierte Sprücheklopfer ohne Tiefe und Bezug zur eigenen Lebensrealität. Die schlussendliche Überwindung des Leidenswegs dieser Figuren ist längst eine Erwartungshaltung unabhängig davon, mit welchen Schmerzen ihr Pfad gepflastert war.

The Northman entzieht sich diesem Hang der unbedingten guten Laune und schickt seinen Protagonisten auf eine brutale Reise der Rache, in der Erlösung wie ein fernes Land im Nebel erscheint.

Das Leben des jungen Wikingerprinzen Amleth (Oscar Novak) erfährt früh eine Erschütterung, die seinen Weg von nun an bestimmen wird. Eines Tages wird er Zeuge eines tödlichen Verrats. Sein gerade erst aus einer Schlacht zurückgekehrter Vater, König Aurvandil (Ethan Hawke), kommt durch die Klinge seines Halbbruders Fjölnir (Claes Bang) ums Leben.

In den Wirren des Umsturzes schlitzt Amleth einem der Verräter noch die Nase vom Gesicht und muss dennoch mit ansehen, wie sein Dorf im Chaos niederzugehen droht. Er sinnt auf Rache und die Befreiung seiner Mutter Gudrún (Nicole Kidman). Jahre später ist aus dem Kind ein Mann (nun dargestellt von Alexander Skarsgård) geworden, der nach seinem Onkel sucht.

Bereits mit seinen vorangegangenen zwei Spielfilmen The Witch (2015) und The Lighthouse (2019) hinterließ Regisseur Robert Eggers klar erkenntliche Spuren im Kino. Er erzählte von psychologisch so aufgeladenen und zwiespältigen und tiefgründigen Figuren vor mythologischem Hintergrund und folkloristischen Motiven.

Es ist schön zu sehen, dass The Northman eine daran erinnernde und nicht minder raue und gewaltsame Richtung eingeschlagen hat, was auch angesichts des deutlich hochgefahrenen Budgets, das jene der vorangegangenen Filme um ein Vielfaches übersteigt, keine Selbstverständlichkeit ist. Seine nordische Rachereise fügt sich konsequent in sein bisheriges Schaffen ein.

Bis an die Schwelle Valhallas

Schon zu Beginn beschwört er den mythologischen Unterbau mit Blick auf einen brummenden Vulkan herauf. Der Nordmann spricht in fremden Zungen von Odin und mündet schließlich in dem Treiben um den jungen Amleth und den Hof seiner Königsfamilie, welche die Rückkehr ihres Herrschers förmlich und zugleich ausgelassen zelebriert.

SLEAZE + The Northman
Visionen und Visionäres: Mythologisches als Lebensalltag.

Die nordische Mythologie wird sich immer wieder als essenziell im Leben der Familie herausstellen. Eine der gleich zu Beginn beeindruckendsten Sequenzen zeigt Vater und Spross bei einem Ritual in Anwesenheit von Heimir (Willem Dafoe), der beide durch ein Ritual leitet. In diesem kommen offenbar Halluzinogene zum Einsatz, der ihre Schicksale symbolhaft verbindet, während sie sich letztlich zu knurrenden Hunden transformieren und aus mit Knochen und Flüssigkeit gefüllten Schalen auf allen Vieren den Inhalt lecken und schlürfen.

Eine entscheidende Qualität besonders immersiver Erzählungen ist es, die in ihr ablaufenden Geschehnisse in eine sich real anfühlende Welt einzubetten. Hierfür nimmt sich The Northman wie in Form des beschriebenen Rituals die notwendige Zeit.

Die sinnstiftende Dimension der nordischen Mythologie wird greifbar und nachvollziehbar. Für den ein oder anderen Zuschauer mag so manches befremdlich wirken, aber mehr als die Tür in eine andere, fremde und zugleich sich doch vertraut und menschlich anfühlende Welt zu öffnen kann ein Film zunächst nicht tun.

Robert reißt die Tür in seine so eindringlich dargestellte Wikingerwelt weit auf und setzt anstelle ausgiebiger Erklärungen magische Bilderwelten, die in Begleitung einer Walküre bis an die Schwelle Valhallas reichen und ganze Generationen mit dem Weltenbaum Yggdrasil ausdrucksstark in einem faszinierenden, visionsreichen Entwurf des Kosmos‘ in Einklang bringen.

Die Realität des Films ist eine vielschichtige und eng zusammenhängende, was auch seine äußere Form bestimmt. Bilder sind häufig von natürlichen Lichtquellen ausgeleuchtet und auf den Zungen ihrer Bewohner entrollt sich ein starker Akzent und zuweilen eine altnordische Sprache.

Es ist eine nasse und oft wolkenverhangene Welt in ehrfurchtgebietender und wunderschöner Naturkulisse, die auf handmännische Bauten setzt und digitale Effekte nur im Äußersten nutzt.

Immer wieder ertönen kriegsähnliche Trommeln und schwermütige, teils peitschende Symphonien aus Bläsern und Streichern sowie mysteriöse Stimmen, die dem Geschehen auch musikalisch Nachdruck verleihen und zur atmosphärischen Verdichtung massiv beitragen. Man fühlt sich regelrecht in den Kinositz gedrückt.

Schonungsloses Schlachtengemälde

All dies geschieht in einer kompromisslosen Erzählung, die eben nicht auf eine allumfängliche Erlösung abzielt, um seine Hauptfigur oder das Publikum umschmeichelnd nach Ende des Films aus dem Kinosaal zu führen.

The Northman ist eine Geschichte der scheinbar nicht endenden Gewalt, in der auch der einst so dürre Junge Amleth zu einem Berserker heranwächst, der zuweilen mehr einem wilden Tier auf der Suche nach Blut gleicht. Mit seinem Wolfspack aus Menschen jault er und fletscht die Zähne.

Er ist kein Held und schon gar keiner, der als edel angesehen würde. Für seinen Rachetrieb ist er, so scheint es, zur völligen Vernichtung seiner Widersacher bereit und sein Weg dorthin ist von literweise Blut getränkt.

Die grafische Gewaltdarstellung mit ihren fließenden Körperflüssigkeiten, den abgetrennten Gliedmaßen und den herausquellenden Eingeweiden ist kein Selbstzweck, sondern unterstreicht die Reise ihres gequälten Hauptcharakters ohne Beschönigung.

Amleth ist in einer Welt der Gewalt aufgewachsen und verlor seinen Vater früh durch die Klinge, seine Eltern, sein Königreich. Gewissermaßen ist vieles, was er kannte und kennt, prägende Gewalt.

Es ist nicht nur rein körperliche, sondern auch seelische Gewalt, die sich ebenso im Schlachtengemälde entlädt und oft keinen Trost findet. Sein gesamtes Weltbild scheint ein einziger Abgrund zu sein und dieser violente Kreislauf ist ein tragischer Zirkel, der die Geschichte antreibt.

Die Möglichkeit eines anderen Pfades soll sich ihm zwar eröffnen. Gleichwohl widersteht die Erzählung den Versuchungen einer schalen Wohlfühlkur.

SLEAZE + The Northman
Mit animalischer Wucht: Alexander Skarsgård in The Northman.

The Northman kommt einem furiosen Walkürenritt gleich, den man in dieser Form noch nicht auf der Leinwand gesehen hat. Robert Eggers hat mit dem Film eine apokalyptische Reise geschaffen, die tief in der nordischen Mythologie und den Seelen ihrer Charaktere verwurzelt ist.

Es ist ein Rachepfad der Gewalt und Rituale, eine magische Erzählung von Schicksalen und Visionen, den er konsequent bis ans symbolische Ende der Welt beschreitet.

Er schlägt das Tor auf in eine fantastische und faszinierende Welt der Wikinger, die sich mit einer rasenden Inbrunst entfesselt und von der man sich während und nach der Sichtung kaum abwenden kann. Ein purer, da so konsequenter und schonungsloser Kinofilm, der bleibt.

Alex

Titel: The Northman
Kinostart: 21.04.2022
Dauer: 136 Minuten
Genre: Action, Abenteuer, Drama, Fantasy, Historie, Thriller
Produktionsland: USA
Filmverleih: Universal Pictures

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