The Last of Us 2: Die laute Minderheit hat das Spiel versaut,...

The Last of Us 2: Die laute Minderheit hat das Spiel versaut, nicht Naughty Dog

Vorsicht! Ich habe eine Meinung.

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Um Naughty Dogs The Last of Us 2 entstehen momentan hitzige Diskussionen. Enttäuschte Fans verfassen hasserfüllte Kommentare und bombardieren das Spiel auf Metacritic mit 0/10-Wertungen. Und die geschmacklose Presse, die dem Survival-Abenteuer eine volle Punktzahl verleiht, die ist entweder gekauft oder hat schlichtweg keine Ahnung, was The Last of Us ausmacht. Genauso wie das Studio hinter dem Spiel. Deshalb entstand sogar eine Petition, um die Story des Sequels neuzuschreiben beziehungsweise „richtig“ zu schreiben.

SLEAZE + The Last of Us 2Hier läuft einiges schief und ich möchte einmal versuchen, meinen Standpunkt zu vermitteln. Denn die vermeintlichen Fans sind wütend, aber nur selten zu Recht. Ich habe mir viele User-Wertungen durchgelesen und mit den unterschiedlichsten Personen über die sozialen Netzwerke hin- und hergeschrieben. Und das kam dabei heraus!

Punktewertungen sind nur Zahlen

Ich bin kein Freund von Punktewertungen und meide sie. Sie reduzieren eine Kritik auf das Mindeste und spiegeln selten die Meinung des Kritikers zu 100 Prozent wider. Denn eine 5 von 10 ist bei vielen Magazinen keine mittlere oder durchschnittliche Wertung. Deshalb erhalten die meisten Spiele auch eine Punktzahl zwischen 7 und 10. Alles darunter würde für Aufschrei sorgen. Eigentlich müssten sich alle Magazine einheitlich dafür stark machen, solche Punktevergaben zu streichen oder das System einmal vollständig zu überarbeiten.

Wenn du dir meine Kritik oder andere durchliest, erkennst du, dass The Last of Us 2 kein perfektes Spiel ist. Aber es wagt wahnsinnig viel, spielt mit unseren Gefühlen und bleibt nachträglich im Kopf. Deshalb grenzt es sich so sehr ab von anderen AAA-Titel, die gut und gerne in einem jährlichen Rhythmus erscheinen. Naughty Dog versucht mit The Last of Us 2 einen ganz neuen Ansatz – etwas, dass eher Indie-Studios wagen – und der mag nicht jedem schmecken. Und genau darum ist es so essenziell, eine Kritik auch vollständig zu lesen, um zu verstehen, wieso jener Kritiker jene Punktzahl hinklatscht.

Keine Entschuldigung für aggressives Verhalten

Stellen wir eines klar: Die Köpfe hinter Naughty Dog sind die Bestimmer ihrer eigenen Kreation. Wenn Leute unglücklich mit manchen Entscheidungen sind, ist das völlig okay. Aber man kann dem Creative Director Neil Druckmann oder anderen Mitgliedern des Teams nicht vorwerfen, ihr eigenes Werk nicht zu verstehen. Nur weil eine geliebte Figur stirbt, kann man nicht anfangen, das Studio mit Hasskommentaren zuzuschütten, zudem Lügen in die Welt setzen, geschweige denn Naughty Dog zu bedrohen. Das ist inakzeptabel. Aber noch kindischer ist es, das Spiel zu verteufeln, weil eine Frau muskulöse Oberarme hat oder Figuren in einer homosexuellen Beziehung stecken.

SLEAZE + The Last of Us 2
Die kindischen Kommentare könnte man hiermit gleichsetzen.

Ich auf der anderen Seite bin sehr erfreut darüber, wie mutig das Studio an die Geschichte und ihre Figuren im Sequel heranging. Ich habe auch meine Probleme mit dem Spiel, doch ich will sie konstruktiv ausdiskutieren und keinen Unsinn weiterverbreiten, weil mein Stolz gekränkt ist oder die Story nicht so aufgegangen ist, wie ich sie geschrieben hätte. Wir sind hier nämlich weit entfernt von einem Game of Thrones Staffel 8. Es erinnert mich vielmehr an die ersten Staffeln Game of Thrones, wo nicht jede Figur „Plot Armor“ besitzt und die gut geschriebenen Rollen nur kleine Bauern auf dem Schachbrett sind.

Aber Minderheiten sind meist die lautesten im Web und so misfallen einigen Spielern bestimmte Story-Entscheidungen. Jetzt sehen sich diese Personen als die großen Helden, die jeden davor bewahren müssen, ihr Geld für diese total misslungene Erzählung auszugeben, indem sie alles im Netz spoilern. Einige von ihnen haben bloß die Spoiler gelesen. Mit sich diskutieren lassen? Auf keinen Fall. Ihre Meinung ist in Stein gemeißelt und dieser Stein lässt sich nicht brechen.

Du hast ein Problem, ich habe die Lösung

Ich habe die größten (und leider auch kindischsten) Kritikpunkte gesammelt und mich damit auseinandergesetzt. Letztlich muss ich sagen, dass vieles nur auf Hass beruht. Als hielte Naughty Dog mit diesem Spiel den lautstarken Internet-Rambos einen Spiegel vors Gesicht. Auf homophobe Kommentare möchte ich erst gar nicht eingehen. Auch die muskulösen Oberarme von Abby sind wohlbegründet und keine ernstzunehmende Kritik am Spiel.

SLEAZE + The Last of Us 2
So müssen Internet-Trolle aussehen, wenn sie einen hasserfüllten Kommentar abschicken.

Es kam einiges bei meinen Gesprächen heraus: Die Reihenfolge und das Tempo der Erzählung ist etwas, was häufig diskutiert wird. Vor allem die zweite Hälfte kann sich etwas ziehen. Vieles davon findet auch in meiner persönlichen Kritik Erwähnung.

Aber hiermit möchte ich eher auf die Argumente eingehen, die ich mir von vielen Leuten anhören musste, die aber kein Verständnis für eine andere Sichtweise hatten. Nur ihre Meinung zählt, aber wie sinnvoll ist ihre Meinung?

Problem 1: Ellie hätte Abby am Ende töten sollen. Sonst ist diese gesamte Reise umsonst gewesen. (Gleichzusetzen mit: Ich verstehe das Finale nicht!)

Ellie sagte einst: „It can’t be for nothing!“ Das ist wahr. Diese Engstirnigkeit hat sie und Joel zertrennt. Trotzdem verbindet sie eine Vater-Tochter-Beziehung. Nach seinem Tod wollte sie nichts weiter als Rache. Von ihrer Obsession verblendet, verliert sie sich in ihrem Rachefeldzug komplett. Nach ihrer ersten gescheiterten Auseinandersetzung hat sie eigentlich mit Abby abgeschlossen, aber posttraumatische Belastungsstörungen lassen sie nicht schlafen und Tommys Vorwurf, dass ihr Aufgeben einem Verrat nahekomme, zwingen sie letztlich dazu, ein letztes Mal alles aufzugeben, um Abby zu töten.

Als sie aber die leidende Abby am Strand sieht, wie sie sich um Lev sorgt, zögert sie zunächst. Joels Tod geht ihr jedoch nicht aus dem Kopf, weshalb es doch zum Kampf kommt. Abby möchte das nicht, denn sie hat bereits abgeschlossen. Jetzt ist Ellie an der Reihe. Kurz bevor sie Abby im Wasser ertränkt hätte, erinnert sie sich an einen ausschlaggebenden Moment. Und dann lässt sie Abby und Lev davonkommen.

Den Gedanken, den sie hat, ist das letzte Gespräch zwischen ihr und Joel. Ellie hat Joel nie vergeben, dass er sie angelogen hat, aber sie wollte es ab diesem Moment versuchen. Ellie hat sich erinnert, dass sie die Fähigkeit zu vergeben hat und Hass den Schmerz nicht stillt.

SLEAZE + The Last of Us 2
The Last of Us 2 ist eben nicht die Wendy.

Problem 2: Die Story ist zu linear und simpel.

Erinnern wir uns an den ersten Teil. Ein Mädchen ist immun, reist durch das halbe Land, erlebt nichts als Leid und Qual, nur um am Ende wieder nach Hause zu fahren. Im Erstling ist die Prämisse einfach, aber die Entwicklung und Beziehung der Figuren ist das, was das Spiel so großartig macht. Auf diesem Fundament fußt auch der Nachfolger. Ob man nun die Figuren genauso sehr mag oder nicht, ist Geschmackssache. In meinen Augen wurde auch hier wieder sehr viel Wert darauf gelegt, realistische Figuren mit komplexen Motiven zu zeichnen. Das alle etwas eine Schippe ernster sind, liegt am Thema Hass.

Problem 3: Wir Spieler haben keine Entscheidungsfreiheit.

Und auch hier noch einmal der Verweis auf den Vorgänger. Naughty Dog erzählt lineare Geschichten mit nur einem definitiven Ende. Entscheidungen würden die Intentionen, die das Studio hat, was wir denken und fühlen sollen, wegnehmen.

Besonders das Ende wird immer wieder heiß diskutiert. Warum überlässt uns Naughty Dog nicht die Wahl, ob wir Abby töten oder nicht? Die letzte Szene würde dann nicht funktionieren. Die Botschaft des Spiels ist letztendlich Vergebung. Mit Abbys Tod hätte Ellie nichts gelernt; hätten wir nichts gelernt.

Generell nimmt uns das Spiel viele Freiheiten, denn es geht nicht darum, was wir tun würden in dieser Situation. Es geht darum, was Ellie in dieser Situation tut.

SLEAZE + The Last of Us 2
Ellie sucht nach einem Funkkanal, auf dem man vernünftig diskutieren kann.

Problem 4: Die Trailer haben gelogen!

Das ist wahr. Und man darf ruhig etwas verärgert sein. Dass Joel keine so große Rolle wie im ersten Teil spielt, davon war auszugehen. Wer sich das Spiel nur für seine Rolle geholt hat, der hat den Kern von The Last of Us sowieso nie wirklich verstanden. Und auch das ist völlig okay. Welche Beweggründe jemand hat, ein Spiel zu spielen, geht mich sehr wenig an.

Aber genauso wie die Marvel Studios ihre Filmtrailer geschickt mit roten Heringen schmücken, so hat auch Naughty Dog bewusst die Fans manipuliert, um wichtige Plot-Twists niemandem vorwegzunehmen. Dafür bin ich dankbar, denn zu oft breche ich Trailer bei der Hälfte ab, da sie mir das Gefühl geben, ich schaue bereits eine Kurzversion des Films.

Problem 5: Joel und Tommy würden nicht so leichtsinnig handeln.

Tommy und Joel wurden von Infizierten überrannt. Abbys Unterschlupf war die einzige Option. Abby zu retten, daran ist nichts verkehrt. Es würde sogar viel weniger zu Joel passen, ein junges Mädchen im Alter von Ellie einfach so sterben zu lassen. Tagebuch-Einträge und Artefakte informieren, dass Joel und Tommy auch anderen fremden Verirrten geholfen und ihnen Jackson als Unterschlupf gewährt haben.

Und vier Jahre in Frieden verändern einen Menschen. Die meisten Leute mit diesem Problem können nicht nachvollziehen, dass wir hier einen anderen Joel vor uns haben. Aber Joel ist schlichtweg nicht mehr dieser schroffe Schmuggler, der er früher war, als er alles fürs Überleben tun musste.

SLEAZE + The Last of Us 2
The Last of Us 2 ist immer noch nicht die Wendy.

Eine kleine Erinnerung am Rande: Joel wollte auch im Vorgänger mit Henry und Sam zu den anderen Überlebenden stoßen. Warum sollte jetzt Abbys Truppe eine ganz andere Gefahr darstellen?

Letzten Endes hat Tommy Joels Namen vorher verraten. Und da könnte man weiter argumentieren, dass wir gar nicht genau wissen, wie vorsichtig Tommy ist. Schließlich weiß man sehr wenig über seine Vergangenheit.

Problem 6: Joel hätte nicht so sterben dürfen.

Der häufigste Kritikpunkt und leider auch der lächerlichste. Nichts hätte Ellie zu so einem Selbstmordkommando bewegt, wenn nicht Joels Tod. Joel hätte nicht so früh sterben sollen? Wie hätte die Geschichte sonst Fahrt aufnehmen sollen? Einen heldenhaften Tod hätte er sterben müssen? Das wäre klischeebehaftet und langweilig.

Man muss sich von einer Figur auch trennen können. Das war für Naughty Dog und sämtliche Akteure genauso schwer, wenn nicht sogar schwerer. Aber diese Geschichte musste auf diese mutige Weise erzählt werden. Und Joel ist weiterhin der Kern der Handlung (auf einer philosophischen Ebene) und jede Rückblende ist mit einer wichtigen Bedeutung versehen. Ihm wurde genügend Tribut gezollt.

Wer eine Geschichte hasst, nur weil er sich von seiner Figur nicht trennen kann, der ist für diese Art Spiel nicht gemacht. Denn The Last of Us lebt nicht nur von Joel und Ellie, es lebt von seiner realen, brutalen Welt.

Lautes Mundwerk und alles nur heiße Luft

The Last of Us 2 ist mutig und wagt es, kontrovers zu sein. Doch die Minderheit der „Fans“, die ich eigentlich nicht als Fans bezeichnen möchte, fokussiert sich nicht auf die eigentlichen Probleme des Spiels, sondern auf Story-Entscheidungen, auf die sie sich nicht einlassen oder verstehen wollen. Sie halten fest am Glauben, sie würden die Figuren besser verstehen als jeder andere und könnten die Geschichte „richtig“ schreiben.

Und genau diese lautstarke Minderheit versaut anderen Leuten das Spiel. Personen, die aufgeschlossen sind und vermutlich überwältigt wären, wenn solche „Hater“ nicht jegliches Story-Element spoilern und alles als beschissen betiteln würden. Ich kann niemandem versprechen, dass dieses Spiel ihn oder sie vom Hocker hauen wird. Aber ich kann nur empfehlen, sich darauf einzulassen. Cheers.

San L

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