Rock am Regenschauer aka Grand Schlamm

Rock am Regenschauer aka Grand Schlamm

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SLEAZE + Gewitter-Und zwischen den Bühnen
Schlamm-Ästhetik

Traurige Bilanz des diesjährigen Rock am Ring-Festivals: 80 Verletzte, zwei, die reanimiert werden müssen und ein vorzeitiges Festivalende einen Tag früher. Hatten die Veranstalter nicht aus dem letzten Jahr gelernt oder war es ein Zeichen höherer Gewalt?

Epische Chormusik ertönt aus den Boxen der Seat Volcano Stage. Ein riesengroßes Plektrum ist aufgebaut, die angekündigte Band (Tenacious D) vermag sich dahinter zu verstecken. Jeden Moment sollte sie die Bühne erstürmen. Doch nach dem Ausklang des Intros: minutenlange Stille. „Irgendwas läuft hier schief.“, stellt einer der Gäste fest. Irgendwas läuft wirklich schief, denn etwa eine Viertelstunde vor dem großen Showdown wird eine Unwetterwarnung bekannt gegeben: „Bitte halten sie sich von Metallzäunen und -türmen fern!“ schallt es aus den Lautsprechern. Die anschließende Bitte, zu den Zelten zurückzukehren, bestenfalls in ein Auto, hören die meisten nicht oder wollen es nicht hören. Bei Sturm und Gewitter ins Zelt verkriechen? Eine Stoffschicht von wenigen Zentimetern sollen sie schützen? Erst drei Minuten vorher kommt die endgültige Ansage, die Gäste sollen sich zurückziehen. Die Masse setzt sich blitzschnell in Bewegung. Keine Panik bricht aus, aber alle suchen rasch den nächsten Unterschlupf, kämpfen sich durch die Schlammmassen und gegen den Regen an. Der Showdown des diesjährigen Rock am Ring ist somit keine allbekannte Topband, sondern ein Unwetter, wie es im Buche steht.

Wenig Vorwarnung

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Blitz direkt einen Menschen auf dem Festival trifft, beläuft sich gegen Null. Trotzdem passierte es und zwei Menschen mussten reanimiert werden.

Wie schnell ein Gewitter vorhergesagt und wie schnell der Veranstalter die Informationen weitergeben konnte, lässt sich schwer sagen. Marek Lieberberg sagt, dass rechtzeitig informiert wurde. Er ist der Hauptveranstalter des Festivals: „Wir haben vor dem Unwetter gewarnt – zu dem Zeitpunkt, wo es uns selbst bekannt war. Das war rund 35 Minuten vorher. Wir haben es entsprechend gepostet und haben es dann über unsere Lautsprecheranlagen kommuniziert.“ Wir, die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, und der Kölner Express (in der Pressekonferenz) geben an, dass sich die Ansage nur auf wenige Minuten vorher belief. Was bei Facebook war, kann kaum jemand auf dem Festival sagen, denn: „Wer benutzt schon Facebook auf einem Festival?“, so eine der Besucherinnen.

Verständnis und Enttäuschung

Nach dem Unwetter am Freitag fiel der Rest des Festivals ins Wasser: Am Samstag wurde der Spielbetrieb für mehrere Stunden unterbrochen und nur noch auf die Mainacts zusammengekürzt. Am Sonntag sollte das Gelände bis 12 Uhr Mittags geräumt sein. Viele Fans sehen die Unwetterlage als höhere Gewalt an, der Veranstalter könne ja nichts dafür. „Das Festival frühzeitig zu beenden ist wahrscheinlich die beste Entscheidung.“, so Mandy aus Halle: „Wenn es das Sicherste für alle Gäste ist.“

Viele sind aber auch erbost: „Wir sind extra von Australien angereist und sind 100% enttäuscht.“, so Jesse und Mandii, die wir am Samstag antreffen: „Gestern lief es besser.“ Sie erklären, dass die Veranstalter und Bands trotz des Unwetters am Samstag noch hätten spielen sollen. So hart im Nehmen wie die Beiden sind nicht viele, viele sehen das Unwetter als geringstes Übel an. Vielmehr werden die Rahmenbedingungen kritisiert: „Parkplätze, Orga: alles Scheiße.“, so Hansen, der im teuren Rock’n’Roll Camping übernachtet: „Nur das Line-up ist geil.“

Schließlich spielen noch (unter anderem) Major Lazer, Volbeat, Panic! at the Disco, Red Hot Chili Peppers, Billy Talent und Boss Hoss. Die Besucher vom Zwillingsfestival Rock im Park genießen hingegen das volle Line-up. Einer der Anwohner gibt die Schuld auch dem Ort: „Jeder hier weiß, dass Mendig ein schlechter Ort ist, um ein Festival zu veranstalten.“ Die Wetterverhältnisse seien meist katastrophal.

Ungetrübte Stimmung

Viele Besucher lassen sich jedoch nicht vom Wetter runterziehen und feiern trotzdem ordentlich mit. So trällern sie „eisgekühlter Bommerlunder“, während es heftig außerhalb des Unterstandes gewittert. Die typischen Festivalverkleidungen lassen sich ebenfalls erhaschen. Dicke Typen in Bierrüstungen oder schlanke in knappen Weihnachtsmannkostümen –für jede(n) ist etwas dabei. Die Mädels hingegen lassen sich zu bunten Blumenkränzen hinreißen oder mit dem Airbrush Einhörner tätowieren.

Letztere hätten sie beim Lidl Rock Shop erhalten, so Tine, eine mit besagtem Tattoo. Sie drehte an dem Glücksrad und gewann das dezente pinke Tattoo als Accessoire. Ebenfalls eingedeckt haben sich dort viele Besucher: Die Schwarz-weißen Tüten mit buntem Lidl-Symbol tauchen überall auf. Sie befeuern die Grillstellen mit ihrer Kohle und füllen die Bäuche mit herben Bier. Dieses kann direkt aus der gekühlten Mietbox im Laden geholt werden. Und obwohl es nicht allzu heiß, vielmehr schwül ist – gegen ein kühles Flüssigbrot sei nichts einzuwenden. Die Festivalbesucher können es für Discounterpreise direkt auf dem Campingplatz einkaufen. Das Portemonnaie wird es ihnen danken, denn das Bier ist um einige Taler günstiger als auf dem Hauptfestivalgelände, auf das sie nur mit kleinen Tetrapacks können.

SLEAZE.gewitter-Grosse lidl-LotterieDas Geld spielt zwar bei der Verpflegung keine große, dafür bei der Rückerstattung eine umso gewaltigere Rolle: Bekommen die Besucher nun die vollen 180€ zurück oder wird es als Zeichen höherer Gewalt beim Veranstalter bleiben? Einen Drittel des Ticketpreises könnte möglich sein, titelt die Rhein-Zeitung im Gespräch mit einem Juristen. Dem Veranstalter blüht allerdings eine schlimmere Strafe: Denn nun wird auf dem Festival für lange Zeit ein dunkler Schatten liegen. Der vorzeitige Entzug der Spielerlaubnis treibt einen großen Keil zwischen Marek Lieberberg und die Gemeinde Mendig. Marek attackierte hinterher die zuständigen Behörden. Fragt sich, wer einem Festival mit solch einer schlechten Publicity einen Platz bieten wird. Auch wenn wir es nicht hoffen: Vielleicht war es das letzte Mal für das Rockfestival mit jahrzehntelanger Tradition.

Lisbeth

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