Raus aus dem Schmuddelmilieu!

Raus aus dem Schmuddelmilieu!

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Akrobatik an der Stange? Stefanie Eroglu

Poledance war lange Zeit verrufen, aber ein Wandel vollzieht sich: Allein seit Jahresanfang eröffneten über 30 Poledance-Studios in Deutschland. „Es werden immer mehr.“, meint Stefanie Eroglu, Leiterin eines Berliner Studios: „Aber der Tanz ist akrobatischer geworden.“ Ein Abrücken vom Klischee, raus aus der Erotikschublade, hin zum energetischen Workout. Kurse für Kinder werden immer beliebter, Polesportmeisterschaften schießen aus dem Boden und im Pole Art Magazine werden Schüler gefragt, ob sie überhaupt auf High Heels tanzen. Auf der nächsten Seite prangt Nadine Rebel, eine kahlköpfige Trainerin. Alle wollen ein neues Bild vermitteln: Wir sind raus aus dem Schmuddelmilieu! Wir wollen uns fit halten, Sport machen und dabei ästhetisch sein. Stefanie fragt gar: „Was ist denn der Unterschied zwischen Polesport und Turnen?“

Über den wahren Ursprung des Poledance wird viel spekuliert. Er liegt tatsächlich nicht fern vom Turnen: Der chinesische Zirkus entdeckte denStangensport“ vor Jahrhunderten für sich – hauptsächlich von Männern ausgeübt und athletisch. Die Inder entdeckten den Tanz an einem Holzpflock. Erst als der Trend nach Amerika schwappte (so ab den vierziger Jahren), sei der Sport sexy geworden. Das erzählt zumindest Stefanie: „Poledance, nicht Polesport, kommt aus der Erotikschiene.“, erklärt sie:sleaze.poledance(7) „Weil die Frauen das Verruchte, das Verbotene interessant fanden und wissen wollten, wie sie ihren Körper einsetzen. Es ging natürlich um die Sexualität. Das war der Grundstein.“ Die Erotik Amerikas und die asiatische Athletik kreierten den Poledance, wie wir ihn heute kennen: Zu welcher Seite er eher tendiert, unterscheidet sich von Trainer zu Trainer, von Studio zu Studio.

Stefanies Studio tendiert eher zum Sport. Sie persönlich möge es nicht, wenn Poledance zu „pornös“ sei: „Da kann ich auch in eine Tabledancebar gehen.“ scherzt sie: „Sicherlich ist das auch eine Hochleistung, die die Frauen dort vollbringen. Für mich ist aber das nichts.“ Sie werde immer wieder mit dem Klischee konfrontiert: Als sie für Sat1 ein Interview gegeben hätte, wären sie sogar enttäuscht gewesen, dass sie nicht im Bikini unterrichte, sondern in Jogginghose. „Ich dachte mir nur: ihr Vollidioten! Sie haben das super klischeebelastet aufgezogen“, schmipft sie. Andere Medien würden aber mehr Licht ins Dunkel bringen. Ein Beispiel sei die Fernsehshow das Supertalent. Neben klischeebelasteten Blondchen zeigen dort auch Männer ihre Künste an der Stange. Die Einbindung in die Varietés, aber auch die Meisterschaften hätten ihr Übriges dazu beigetragen.

„Es trauen sich immer mehr ältere Menschen, dickere, Mamas und Kinder an die Stange. Einfach weil es nicht nur die Erotikschiene ist.“, bestätigt Stefanie. Sie selbst als Mutter hätte selten Probleme, nur ihre Kinder wüssten noch nicht recht damit umzugehen: „Mein Sohn ist nun dreizehn, er hat ein Problem damit. Seine Freunde wären der Meinung, ich sei eine Stripperin.“, erzählt sie: „Sogar meinen Auftritt bei einer Hochzeit im Hoop fand er ganz schlimm.“

„Ich denke das ist ganz pubertär – seine Mama kriegt Aufmerksamkeit. Und er weiß noch nicht, wie er das finden soll, wenn ich nicht wie die anderen voll angezogen auf der Bank sitze, sondern in kürzeren Klamotten turne. Da muss er halt durch.“

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Hier wurde die Stange gegen den Ring getauscht – Stefanies Auftritt im Aerial Hoop.

Was andere über sie denken, sei ihr egal. Wie so vielen in meinem näheren Umfeld, die diesen Tanz / Sport betreiben. Aber steckt nicht unbewusst die Suche nach Bewunderung dahinter? Dieses wow, das die Tanzenden ernten, wenn sie von ihrer Leidenschaft erzählen oder der Neid, der ihnen gebührt? Poledance ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite wollen die Tanzenden raus aus dem Schmuddelmilieu, auf der anderen habe ich gerade das Gefühl, einige hätten gerade deswegen mit dem Sport angefangen. Ja, ich tanze Poledance und ich stehe dazu zeugt von einer Stärke, die selten auf Widerstand stößt.

Lisbeth
Genehmigung der Bilder: Stefanie Eroglu

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