Netflix-Dystopie Awake: Kein Schlaf, viel Schnarch

Netflix-Dystopie Awake: Kein Schlaf, viel Schnarch

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Die Welt, wie wir sie kannten, ist nicht mehr. Dystopische Endzeitszenarien gehören in der Kunst zu den populärsten Motiven der Gegenwart.

SLEAZE + Awake
Das Film-Gesicht der Gegenwart (und vielleicht in der Zukunft auch im realen Leben): dystopisch.

Seit über einer Dekade schon ergründet Filmproduzent AMC mit seiner Fernsehadaption der gleichnamigen und inzwischen beendeten Comicreihe The Walking Dead die menschliche Existenz vor dem Hintergrund einer Zombieseuche. Im vergangenen Jahr gehörte das in einem ähnlichen Setting angelegte The Last of Us Part II zu den größten Videospielblockbustern 2020, bei HBO entsteht derzeit eine Serienumsetzung.

Fasziniert schauen wir ihnen zu, den gebeutelten und von Brutalität und Zerfall bis aufs Gerippe entblößten Seelen, die mal selbst zu den Zerstörern in einer neuen Weltordnung aus den Fugen gehören oder verzweifelt versuchen, die letzten Funken Menschlichkeit und Hoffnung im Auge eines verlustreichen Todessturms zu bewahren.

Mit dem Streifen Awake hat Streamingriese Netflix jüngst selbst ein neues dystopisches Drama veröffentlicht, das einen Ausbruch der anderen Art zeigt: Schlaflosigkeit. Seit einem unerklärlichen Ereignis sind die Menschen nicht mehr in der Lage, zu schlafen.

Unter Hochdruck suchen Wissenschaftler nach einem Mittel, denn die Zeit rennt. Komapatienten wachen reihenweise auf. Und eine Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit, kognitive Störungen und letztlich der Tod sind drauf und dran, die Zivilisation niederzureißen.

Der von Mark Raso (Kodachrome) inszenierte Film legt seinen Fokus auf die problemgebeutelte Wachfrau Jill (Gina Rodriguez) und ihre zwei Kinder, die junge Matilda (Ariana Greenblatt) und der Jugendliche Noah (Lucius Hoyos), die dem Recht nach bei Großmutter Doris (Frances Fisher) leben.

Als die Insomnie um sich greift, stellen sie fest: Matilda kann schlafen. Damit zieht das Mädchen nicht nur die Aufmerksamkeit der Wissenschaft auf sich.

Dystopie in Schwarzweiß

Ein Stück weit bemüht sich Awake trotz seines familiendynamischen Fokus‘ darauf, gesellschaftliche Folgen in den Blick zu rücken. Das Chaos bricht schon kurze Zeit nach dem seltsamen Vorfall los. Leute gehen aufeinander los in den von Hysterie und Panik regierten Straßen. Alte Sitten sind nicht mehr.

In seiner Bruchstückartigkeit findet die Erzählung aber nie zu einem zusammenhängenden Fluss, sondern stellt Bild an Bild im Stile einer spröde ausgeleuchteten Fernsehproduktion billigerer Art aneinander. Diese Einzelteile ergeben nur einen extrem oberflächlichen Querschnitt der Gesellschaft, der im Überfluss von Klischees zerberstet.

SLEAZE + Awakex
„Angst“ aus jeder Ecke…

Typischerweise ist es die lokale religiöse Gemeinde, die dem Pastor (Barry Pepper) schon bald entgleitet. Das schlafende Mädchen solle geopfert werden, fordern da einige und ein anwesender Polizist fuchtelt aufgeregt mit der Dienstwaffe herum. Das ist nicht unser wahres Wesen, betont der blutverschmierte Gemeindevorsteher mit schwerer Vergangenheit sichtlich verzweifelt gegenüber der besorgten Mutter in einer flüchtigen Begegnung.

Damit spricht er einen zentralen Satz des Films aus, denn ja, man kann es nur hoffen, dass wir diese in diesem Streifen gezeigte Menschheit tatsächlich nicht sind. Im Wesentlichen zeigt er nämlich keine vibrierenden Kreaturen mit elektrisiertem Innenleben, eine Spezies mit Widersprüchen bis in die tiefste Zelle.

Es gibt einzig die im Drehbuch platzierten Stellschrauben einer Holzhammerdramaturgie, die charakterliche Mehrschichtigkeit mit versteiften Monologen der Exposition verwechseln, vorgetragen von Figuren klar erkennbaren Schemas. Sie dienen nur dem Zweck der überdeutlichen Gegenüberstellung, in der leise Grautöne im Krach von Schwarz und Weiß, Gut und Böse fast komplett untergehen.

In dieser plakativen Schablone verwundert denn auch nicht, dass ein ausgebrochener Gefängnisinsasse den jugendlichen Noah gerne kurz für sich haben möchte. Am interessantesten tut sich im Wust charakterlicher Plattitüden noch Psychiaterin Murphy (Jennifer Jason Leigh) hervor, die zu den nach einer Antwort suchenden Wissenschaftlern gehört und die mit wenigen Worten von einer getriebenen, zielgerichteten Frau mit großen Familiensorgen erzählt, ohne sie allzu deutlich auszustellen.

Das narrative Zentrum bildet aber das Trio aus Jill, Matilda und Noah, das sich im Brandherd der entfremdeten Beziehung zwischen Mutter und Sohn im Vorgehen uneins ist.

Soll das Kind der Wissenschaft als möglicherweise letzte Rettung der Menschheit zur Verfügung gestellt werden? Was wird man dem Mädchen antun?

Bis auf einige Platzhalterstreitereien entbrennt dieser sich aufdrängende Konflikt im täglichen Überlebenskampf kaum, zumal Awake eher an konfrontativen, isolierten Spannungsmomenten interessiert zu sein scheint – sei es im Angesicht des aufflammenden religiösen Opfergeschwafels oder des Entflohenen mit Vergewaltigungsfantasien.

Kurioserweise rettet sie der ein oder andere Zufall oft genug aus der Not, in der durchaus Spannungspotenzial liegt. Mit seiner nicht ineinandergreifenden Serie an Klischees entsteht aber zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, es hier mit einer in sich logischen Geschichte zu tun zu haben, die mehr kennt als dystopisches Laientheater.

Eine Welt ohne Gefühl

Ohnehin ist es verwunderlich, wie schnell in diesem Film Ereignis auf Ereignis folgt. Schon nach relativ wenigen Stunden und maximal Tagen hat sich offenbar in fast jedem Charakter sein fest definiertes Rollenbild manifestiert.

Die Welt rätselt bis auf die Wissenschaft nicht, sondern verfällt unmittelbar der Resignation. Angst höhlt nicht allmählich das zivilisatorische Fundament aus. Es scheint, als habe dieses nie in dieser dargestellten Filmwelt existiert.

Nun ist es nicht undenkbar, dass eine Massenpanik rasch den ohnehin angreifbaren und fragilen Kern des Miteinanders offenlegt und spaltet. Wir erleben dieser Tage leider selbst, wie teils unsäglich unsolidarisch im Zuge der Corona-Pandemie diskutiert und gehandelt wird. Man denke etwa an die Unart, die Patentfreigabe von Impfstoffen zu blockieren.

Nur findet Awake keinerlei Zwischentöne in seiner Welt, sondern eilt von einem Extrem zum nächsten. Selbst der Verfall des Familengespanns findet in den rund anderthalb Stunden Laufzeit wenig mehr als ein paar aus anderen Geschichten in ähnlicher Form unzählige Male dargestellte Momente des Zweifels und einen mütterlichen Anflug des Aufgebens.

Dazwischen aber passiert charakterlich wenig, wenn das inhärente Drama zugunsten billiger Thrills beiseite geschoben wird oder in jenen Spannungsmomenten keinerlei Ausdruck mehr findet. Und selbstverständlich fehlt denn auch ein kindlicher, geradezu engelsgleicher Offenbarungsmoment nicht.

SLEAZE + Awake
Dystopie schlaucht: Das Familientrio kommt nicht zur Ruhe.

Ich wusste nicht wirklich, in welch eine Welt ich dort geraten bin. Diese Dystopie zeigt bis auf einige schon unzählige Male gesehene Eindrücke des Chaos‘ wenig von sich. Sie ist steriler Hintergrund für den voranpreschenden Plot, der Eigenständigkeit, Geschlossenheit und Lebendigkeit abgeht.

Das macht sie leider nur zu einem endzeitlichen Postkartenmotiv, der jede Ecke und Kante fehlt. Sie regt uns nicht mit faszinierenden, verstörenden und aufsaugenden Eindrücken an und schickt ihre nicht minder gestellten Charaktere als leblose Wesen ins Gefecht um Aufmerksamkeit.

Ja, man kann nur hoffen, dass wir diese Menschheit wirklich nicht sind. Ansonsten bleibt nur zu sagen: Gute Nacht.

Alex

Titel: Awake
Streamingstart: 09.06.2021
Dauer: 97 Minuten
Genre: Drama, Science-Fiction, Thriller
Produktionsland: USA
Filmverleih: Netflix

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