Little Nightmares 2: Kleine Albträume, großes Grauen

Little Nightmares 2: Kleine Albträume, großes Grauen

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Früh gibt es in Little Nightmares 2 einen Moment, der mich in starrer Ehrfurcht dasitzen ließ. Nach einer elektrisierenden Verfolgungssequenz nahm mir das Spiel erst einmal die Kontrolle aus der Hand und ließ mich, genau wie die kleine Hauptfigur Mono und seine eben erst gefundene, fremde Begleiterin, auf einem Floß kauernd durchatmen.

SLEAZE + Little Nightmares 2
Was geschieht hier nur?

Der wortwörtlich fließende Übergang zum sich anbahnenden nächsten Kapitel ist eine Überfahrt wie in eine neue Welt. Dichter Nebel verdeckt die finstere, ruhige See, während etliche Fernsehgeräte stumm an mir vorbeitreiben. In der Ferne beobachtet eine Boje die wortlose Zweisamkeit.

Langsam aber überkommt das Geschehen eine immer stärker anrollende Stimmungswelle, als sich das die ganze Zeit über so bedrohlich an den Augenblick gewundene Musikstück inbrünstig erhebt. Der Blick der Kamera verlässt bedächtig den intimen Moment seines so verloren wirkenden Duos, das offenbar selbst nicht weiß, was folgt.

Wie Schübe eines Wasserfalls prasselt der ambientische Notenstrom nun auf mich ein und offenbart mir den nächsten Handlungsort, der sich in einem so bizarren wie wuchtvollen Panorama aus dem Dunst schält. In heller Neugier und Furcht staune ich nun wie meine inzwischen aufgestandenen Protagonisten und weiß nicht, was mich erwartet.

Unerwartbarkeit ist eines der großen Motive dieses Nachfolgers des 2017 erschienenen Horrorspiels Little Nightmares. Wie schon im Erstling schicken dich die Macher der schwedischen Spieleschmiede Tarsier Studios auf eine interaktive Reise ins Ungewisse.

Zugleich ist ihr neuster Streich ein Sequel durch und durch. Es knüpft atmosphärisch nahtlos an die bedrückenden Albtraumwelten seines Vorgängers an und nimmt nur wenige Veränderungen am grundlegenden Gameplay des Rätselplatformers vor.

Vor allem aber gießt sich diese Fortsetzung so geschmeidig in das mythologische Fundament von einst ein, das abermals ohne gesprochenes Wort einen Fluss an erinnerungswürdigen Eindrücken entfesselt, dem ich mich kaum entziehen konnte. Es sind Eindrücke, die so menschlich und doch verzerrt, so faszinierend und doch abstoßend erscheinen.

Es ist, als hätten die Schöpfer einmal mehr tief in den nachhallenden Ängsten ihrer und unserer Kindheit gegraben und das in den Abgründen vorgefundene Grauen mit den Möglichkeiten des Videospielmediums zum Leben erweckt.

Ein Spiel wie das Monster unter dem Bett

Wie schon im Original bewegst du dich in einem Mix aus Geschicklichkeitseinlagen, Flucht- und Schleichsequenzen sowie Umgebungsrätseln grundsätzlich zwar von links nach rechts. Allerdings ist auch der zweite Teil ein Spiel mit der Tiefe.

Es verlässt abermals die Zweidimensionalität eher traditioneller Plattformer und lässt dich die Spielwelt dreidimensional erkunden, was zur Bewältigung der vor dir liegenden Herausforderungen auch unbedingt notwendig ist. Gleichzeitig ist Little Nightmares 2 ebenfalls kein schweres, aber ein sehr cleveres Spiel.

Die Interaktion mit der Spielwelt ist eine in erster Linie intuitive, da visuelle Stimuli wie Beleuchtung, Kameraperspektive und farbliche Kontraste sowie der Ton stets Hinweise aufs Weiterkommen liefern. Die immer wieder variierenden Spielmechaniken selbst werden zudem sorgsam, ja geradezu beiläufig in die entsprechende Situation integriert.

Wer nur aufmerksam genug das Geschehen beobachtet, erschließt sich schnell des Rätsels Lösung. Die Designer von Tarsier Studios fügen ihrem Titel somit fortlaufend neue Spielregeln hinzu und unterwandern diese manchmal sogar mit einem Augenzwinkern.

Letzten Endes führt diese spielerische Abwechslung zu einem angenehmen Rhythmus aus Tempo und Entschleunigung. Eines bleibt aber immer. Die Anspannung.

Es ist unerheblich, ob du dich gerade hoffentlich unbemerkt durch eine vollkommen bizarre Unterrichtsstunde unter Tischen schleichst oder vor einer keuchenden Jägersgestalt in einem Wald fliehst: Little Nightmares 2 ist ein wahres Horrorspiel. Es verzichtet auf die plumpe Aneinanderreihung sich schnell ermüdender Jumpscares und inszeniert stattdessen ein Grauen, das lauert.

SLEAZE + Little Nightmares 2
Prachtvolles Panorama urbanen Horrors.

Bild und Ton verschmelzen zu jenem imaginären Monster unter dem Bett, das dich um den Schlaf bringt. Nicht etwa, weil es dich jede Nacht mit aller Gewalt aus dem Schlaf reißen würde, sondern weil es stets präsent ist.

Eine dauernde Bedrohung, die im Verborgenen brummt und manchmal ihre hässliche Fratze zeigt. Alles an ihr, an diesem Spiel, ist von einer unangenehmen Faszination. Und die zieht ihre atmosphärischen Stellschrauben regelmäßig dermaßen mächtig an, das man nur noch vollständig eingenommen ist von diesen Schrecklichkeiten und seinen Blick nicht abwenden kann und schon gar nicht abwenden will.

Der Trost der Zweisamkeit

Wie schön, dass du große Teile dieser Reise nicht allein erlebst. Mit einer von der KI gesteuerten Begleiterin erhält das Spiel ein kooperatives Element, das den Spielfluss auch im Vergleich zum Vorgänger zumindest auf spielerischer Ebene nicht wesentlich verändert.

Abgesehen von einigen leichteren nur im Doppelpack zu meisternden Aufgaben – darunter das Erklimmen größerer Objekte oder das Überwinden eines ansonsten tödlichen Abgrunds – erwarten dich in Little Nightmares 2 keine komplexen Koopmechaniken.

Diese Einfachheit sowie der fehlende Mehrspielermodus ergeben aber durchaus Sinn, da Tarsier Studios eher daran interessiert zu sein scheint, ein emotionales Band zur Gefährtin zu knüpfen.

Geradezu symbolhaft offenbart sich der Ansatz in der Möglichkeit, ähnlich wie in Fumito Uedas Ico stets Händchen halten zu können. Rein spielerisch macht es keinen wesentlichen Unterschied fürs Weiterkommen, doch allein diese Möglichkeit stellt unmittelbar und ungezwungen ein Band zwischen dir und der Fremden her, mit der du durchs Rufen zudem leicht kommunizieren kannst.

Nach der Hand der irgendwie liebgewonnenen Vertrauten zu greifen hat auch schlicht etwas Tröstliches in einer aus Sicht der Spielfigur überdimensionierten Welt, die dir mit ihren grauenvollen Kreaturen stets an die Gurgel will.

Hilfreich ist zudem, dass sie sich nie wie eine Last, sondern wie ein lebendiges Wesen anfühlt. Sie interagiert nicht nur wie ein neugieriges Kind selbstständig mit der Welt, indem sie etwa einen Ball kickt oder die Umgebung näher betrachtet. Eigenwillig steht sie dir sogar hilfreich zur Seite, wartet an wichtigen Orten oder trägt einen noch zu gebrauchenden Gegenstand, den sie manchmal gleich selbst einsetzt.

Im Großen und Ganzen führt die simple Schönheit der Spielmechaniken zu einem angenehmen Gefühl des Weiterkommens, das manchmal aber in kleinere Fallen tappt. Ähnlich wie im Original führt die perspektivische Tiefe zu manchen Ungenauigkeiten.

Ein Sprung kann schonmal im Tod enden, weil das rettende Ende doch nicht ganz auf einer Linie mit der Bewegung Monos lag. Dem neuen, wenn auch nicht überstrapazierten Kampfsystem fehlt ebenso die letzte Präzision, weil der Hammer eben doch nicht den Kopf des kleinen, wild anstürmenden Porzellankindes traf.

Zudem sind einige Szenen dermaßen eng getaktet, sei es zeitlich oder räumlich, dass manche Spieler hier mehrere Anläufe benötigen könnten. Insgesamt ist das Timing etwa brenzliger Fluchtpassagen aber wichtiger Teil der Inszenierung, die ein ums andere Mal eine gehörige Dosis Adrenalin durch meinen Kreislauf pumpte. Ich kann mir aber vorstellen, dass unerfahrenere Spieler den ein oder anderen Frustmoment erleben könnten.

Für Sammler warten daneben eine Reihe aufzufindender Kopfbedeckungen, die sich fliegend im Pausemenü wechseln lassen. Zum großen Stolperstein dürften die spielerischen Herausforderungen aber nie werden, zumal das Spiel regelmäßig automatisch speichert.

Apokalyptisches Atmosphäremonster

Und das ist auch gut so. Ich bin froh, dass Tarsier Studios einem ähnlichen Ansatz wie beispielsweise das dänische Studio Playdead folgt, das mit Limbo und Inside zwei der intensivsten und flüssigsten Spielerfahrungen überhaupt kreierte.

Zwar erreicht Little Nightmares 2 aus meiner Sicht nicht ganz die letzte Genauigkeit und den finalen Feinschliff der genannten Werke, aber nichtsdestotrotz ist der Titel ein ebenfalls meisterhafter Vertreter einer ungemein immersiven Erzählweise, die sich voll auf die Macht der Bilder und Töne verlässt und auf eher simplere Spielmechaniken im Dienste einer möglichst stolperfreien Erfahrung setzt.

Ich sehe mich immerzu mit neuen Eindrücken konfrontiert, die ich in meinem Kopf zu einer eigenen Welt zusammenbaue. Es ist eine abscheuliche Welt überwiegend urbanen Horrors, die mich abstößt und begeistert.

Wo der Vorgänger vielleicht das Fleisch und das große Fressen desselben zu einer Art Hauptmotiv machte, finden sich auch hier wiederkehrende Motive wieder, die im Zusammenspiel mit den ohnehin liebevoll gestalteten Umgebungen ein für mich zutiefst anziehendes, Assoziationen weckendes Atmosphäremonster beleben.

Es ist ein aus vielen Impressionen wachsendes Bild, das dazu noch fantastisch klingt. Jedes Ereignis und jegliche Handlung haben ein hörbares Gewicht – wenn ich etwa über knarzige Holzböden laufe oder selbst das Anknipsen einer Taschenlampe mit einem befriedigenden Klicken einhergeht.

SLEAZE + Little Nightmares 2
Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren!

Regengüsse peitschen ebenso auf meine Ohren ein wie der markerschütternde Linealschlag einer latent grinsenden Lehrerin, während anfangs noch ein leichter Wind sanft durch einen düsteren Wald weht, durch den ich mich raschelnd zwischen Gras und Blattwerk bewege.

Dazu schleudert dir Komponist Tobias Lilja, der schon für die Musik des ersten Parts verantwortlich zeichnete, verschiedenste Noten um die Ohren. Sie prügeln mal hammerartig auf dich ein und finden ein anderes Mal zur Ruhe, in der sie sich entspannt, drohend und mitfühlend auf die Szenen legen. Es entsteht ein Bild, das in mir immer größer wird und welches meiner Ansicht nach womöglich sogar ganz klare Bezüge zur modernen Gesellschaft und ihre Auseinandersetzung mit Medien insgesamt herstellt.

Sind wir Erlebende oder nur noch Konsumenten? Fühlen wir das Wahrgenommene oder schlucken wir es einfach nur noch herunter? Film für Film, Serie für Serie, Spiel für Spiel. Haben wir es mit einem kreativen, ungebändigten Werk zu tun oder haken wir es mitsamt vorschneller Urteilskategorien als „Content” ab, über den wir mit den immergleichen Plattitüden sprechen?

Little Nightmares 2 ist schon seiner offenen Erzählung wegen ein Spiel, das zur intensiven Auseinandersetzung oder zumindest der Bereitschaft, sich ihm voll hinzugeben, geradezu auffordert. Das dich als Spielenden eben nicht zum nur mechanisch schluckenden Konsumenten degradiert.

Du stehst stattdessen in einem aktiven Austausch mit dem Wahrgenommenen, das dir keine klaren Antworten anbietet. Willenlosigkeit und eine Art mediale Hypnose, die menschliche Wesen sogar in den Selbstmord treibt, sie quasi verschluckt und zu eingefroren scheinenden Fernsehzombies verkommen lässt.

Es sind apokalyptische Bilder, die sich in dem Spiel wiederfinden. Aber kommen sie dir nicht auch irgendwie bekannt vor?

Verzerrte Realität

Und das ist nur ein Teil der Grässlichkeiten, denen du hier begegnest. Das morbide Gruselkabinett mit seinem wahrlich albtraumhaften Ensemble bietet einige der unheimlichsten Gestalten, die ich seit Langem in einer Geschichte erlebt habe.

Ob Lehrerin, Schüler oder Dauerglotzer: Tarsier Studios unterzieht der uns bekannten Realität eine furchteinflößende Albtraumkur, die es in sich hat. Gelegentlich kribbelte mein ganzer Körper beim bloßen Anblick der Feinde, die teils nur in Gestalt maschinenhafter Schemata oder furchtbarer Zerrbilder daherkommen.

Ihre Form reicht vom unnatürlich schlacksigen „Slender Man” bis hin zum massigen Fleischhaufen, vom winzigen Puppenkind bis hin zum ausgestopft scheinenden Stoffjäger, um nur einige zu nennen.

Sie alle erfordern im Zusammenspiel mit der Umgebung eine klar definierte Verhaltensweise, die sich instinktiv rasch erfassen lässt. Grundsätzlich kann es nicht schaden, leise voranzuschreiten, zumal das Leveldesign dir stets ausreichend Ausweichmöglichkeiten beispielsweise in Kisten oder unter Betten bietet.

Alles Verstecken und Fliehen findet in einer nicht minder beeindruckenden Kulisse statt. Mit großen, furchterfüllten Augen tapse ich Meter um Meter durch die gekrümmten Häuserschluchten und verschiedenste Gebäude einer verlassenen Stadt.

Es ist eine dunkle, feuchte Hölle, in der wie in der famosen HBO-Serie „The Leftovers” von einem Moment auf den anderen ein großes Verschwinden stattgefunden haben muss. Glaube ich. Fast nichts mehr als tote Überreste zeugen von einem vergangenen Leben.

Überall finde ich nur mit Blick auf die Umgebung Geschichten von Verfolgung, Zusammenleben und Zerfall und bekomme ein Gefühl für diese fremdartige und doch vertraute Welt der Merkwürdigkeiten. Es sind ebenso erschreckende Impressionen von Tod und Schöpfung, vom Verschwundenen und Erschienenden.

Währenddessen wacht in der Ferne ein gigantischer Turm, von dem eine vereinnahmende Gewalt ausgeht und der womöglich Mitbegründer dieser Dystopie ist. Doch wer weiß das schon mit letzter Gewissheit?

Nach etwa mehr als fünf Stunden war der Horrortrip zumindest mit dem Controller in der Hand für mich zu Ende. Noch immer aber denke ich über Little Nightmares 2 nach, das etwa ein gutes Drittel länger ist als sein Vorgänger. Und ich bin mir sicher, dass es noch eine ganze Weile bei mir bleiben wird.SLEAZE + Little Nightmares 2

Tarsier Studios nimmt an seiner Horrorreihe mit dem Sequel trotz kooperativer Elemente keine größeren Veränderungen am Gameplay vor. Die wortlose Erzählung ist wie schon im Original der brummende Motor in einem Zug des Grauens, der mich bis zum starken Finale mitriss. Ich konnte und wollte nicht aussteigen. Die Neugier trieb mich immer weiter in die Tiefen einer wunderschönen und grausamen Spielwelt, die so viel ohne Worte erzählt und doch keine finalen Antworten liefert.

Das ist eine ihrer größten Stärken: Das Mysterium lebt und mit ihm eine Geschichte, die zu großen Teilen im Spieler selbst gedeiht. Bild und Ton bilden gemeinsam mit den ingesamt flüssigen Spielmechaniken eine Einheit, die mit all ihren Schreckensvisionen Angst macht, Mitgefühl erzeugt und den intuitiven Spieler mit Hirn und Herz packt. Diese kleinen Albträume sind auch in ihrer zweiten Ausgabe in Wahrheit ein großes Erlebnis.

Alex

Titel: Little Nightmares 2
Entwickler / Publisher: Tarsier Studios / Bandai Namco Entertainment
VÖ: 11. Februar 2021
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, Switch, Microsoft Windows, Stadia

Getestet wurde die Xbox One-Version von Little Nightmares 2 durch Abwärtskompatibilität auf der Xbox Series X. Eigene Versionen für die neue Konsolengeneration PlayStation 5 und Xbox Series X/S sollen noch 2021 erscheinen.

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