Kalter Krieg light

Kalter Krieg light

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Bobby Fischer (Tobey Maguire, rechts) gegen Boris Spassky (Liev Schreiber, links) bei der Schach-Weltmeisterschaft 1972

Schon wieder Schach? Erst kürzlich besprachen wir das neuseeländische Drama Das Talent des Genesis Potini um einen gefallenen Schachmeister. In Bauernopfer – Spiel der Könige findet erneut ein Film nicht über Schach, sondern vor dem Hintergrund des beliebten Brettspiels statt. Der dramaturgische Fokus liegt hier somit nicht auf dem Spiel als solches, sondern ist eher als gewolltes Vehikel für den Spannungsaufbau gedacht. Schließlich spielt der Film zur Zeit des Kalten Krieges, in dem die Großmächte der Vereinigten Staaten und Russland sich fortwährend in einer angespannten Auseinandersetzung befanden.

SLEAZE + Schach-Genie Bobby Fisher (Tobey Maguire)

Wie schon The Dark Horse hüllt sich auch Bauernopfer ins Gewand einer auf wahren Begebenheiten basierenden Geschichte, die hier allerdings Not hat, mit ihrem geringen filmischen Lungenvolumen das Ganze größer aufzublasen, als es eigentlich ist. Das Epizentrum des Films ist im Stellvertreter-Duell der Großmächte zwischen dem aufstrebenden, impulsiven Schachwunder Bobby Fisher (USA) zum einen und dem amtierenden Weltmeister Boris Spassky (Sowjetunion) zum anderen aufzufinden. Regisseur Edward Zwick (Blood Diamond) nimmt den Titel beim Worte und inszeniert die beiden antagonistisch aufeinander wirkenden Kräfte als Bauernopfer politischen Geplänkels. Er und sein Autor Steven Knight fahren ihren mit historischer und politischer Ambition versehenen Thriller dabei allerdings vor eine atmosphärische Wand. Denn nie gelingt es ihnen, die Dringlichkeit und Intensität des politischen Tauziehens ihrer geschichtlichen Dimension entsprechend zu vermitteln.

Der Versuch, durch regelmäßigen Einsatz von Farbfiltern und körnigen, kratzigen Bildern ein geschichtliches Porträt zu entwerfen, wirkt dabei eher eher wie das Alibi historischen Anspruchdenkens. Fragmentarisch streut der Regisseur diese an alte TV-Aufnahmen erinnernden Impressionen in seinen Film, ohne wirklich ein Gefühl der Epoche zu vermitteln. Bezeichnend für die historische Distanz auch die kurzen, wirkungslos-erzwungen wirkenden präsidialen Auftritte von Breschnew und seinem amerikanischen Gegenspieler Nixon. Wo andere Filme ihr Setting ausleben und detailreich auferstehen lassen, man denke da etwa an Paul Thomas Andersons in der US-Pornoindustrie der späten 70er spielendem Boogie Nights, verkommt Bauernopfer eher zu einem konventionellen Thriller zwischen zwei Kräften, der genauso auch in einem anderen Setting hätte stattfinden können. Das eigentliche Duell der beiden Schachtalente entwickelt auch durchaus eine eigene Spannung, ohne dabei in neue Höhen aufzusteigen.

Schon der Beginn deutet auf das enge Korsett, in das sich der Film zwängt: Wir SLEAZE + Pawn Sacrificesehen Bobby Fisher in einem abgelegenen Haus, scheinbar von paranoiden Kräften befallen; vor der Auflösung folgt der Cut auf die Anfänge seines Lebens: Edward arbeitet sich an Kindheitsetappen Bobbys ab, zeigt dabei eine klischeeisierte Version eines Genies – wie schon so häufig ges(ch)ehen und hechelt von einem Ereignis, einem Erfolg zum nächsten. Das ist letztlich beliebige, unzusammenhängende Konvention nach ausgefranstem Schema, das seine dramatische Färbung neben seiner Thriller-Elemente durch die obsessiv-paranoide Persönlichkeit Bobby Fishers erfahren soll. Und Tobey Maguire (Brothers) weiß seiner Filmfigur durch Intensität und Explosivität auch gerecht zu werden, nur kommt auch er letztlich nicht gegen das faserige Drehbuch und der einfachen Betrachtung seines Charakters an. Interessanterweise ist es vielmehr Liev Schreiber (Spotlight), der als Schachweltmeister Boris Spassky die Blicke auf sich zieht. Seine einnehmende Präsenz speist sich aus dem ruhigen, minimalistischen Schauspiel Lievs, das ergänzt wird durch die ständig ihn umgebenden Sowjets. Eine unausgesprochene Tragik und Isolation, in Kontrast stehend mit seinem ruhigen, cool wirkenden Erscheinungsbild, lassen so ein bedrückendes Gefühl staatlicher Machtspiele aufblitzen.

Dieser Blitz ist aber nicht mehr als der kleine Eindruck von der eigentlichen Idee hinter dem Film, die ihren Erstickungstod in der Drangsalierung von Gewöhnlichkeit und Zusammenhangslosigkeit der Umsetzung findet. So verpasst es Edward Zwick, den Kalten Krieg und seine Strippenzieher fühl- und greifbar zu machen. Als Light-Version eines großen Themas stellt Bauernopfer so nicht mehr dar als die zerfledderte Collage eines Konfliktes, der immerhin im Dritten Weltkrieg hätte enden können.

Alex Warren

Titel: Bauernopfer – Spiel der Könige (OT: Pawn Sacrifice)
Regie: Edward Zwick
Laufzeit: 115 Min.
VÖ: 28.04.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: STUDIOCANAL

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