Jurassic World Dominion: Wirres Dino-Spektakel

Jurassic World Dominion: Wirres Dino-Spektakel

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Vor fast dreißig Jahren öffneten sich auf der großen Leinwand erstmals die Pforten in den Jurassic Park. Steven Spielbergs 1993 erschienene Verfilmung des gleichnamigen Buches von Michael Crichton war und ist ein Film des Staunens.SLEAZE + Jurassic World Dominion

Des Staunens über die darin vorkommenden Dinosaurier ebenso wie über das Staunen selbst im Angesicht der Begegnung mit den faszinierenden Wesen und den Möglichkeiten des Kinos. Zugleich zeichnet er ein zuweilen düsteres Bild des Menschen, dessen Hybris keine Grenzen kennt. Der Mensch, der selbsternannte Schöpfer.

Jurassic World Dominion ist der inzwischen sechste Spielfilm des Franchises und dritter Hauptteil der 2015 angelaufenen Reihe Jurassic World. Nach den vorangegangenen Ereignissen leben Dinosaurier inzwischen Seite an Seite mit dem Homo sapiens (und anderen Tieren).

Tiefgründige Fragen nach einem friedlichen Miteinander drängen sich auf. Dieser auch mit Blick auf unser grundsätzliches Verhältnis zur Welt interessante Ansatz bleibt letztlich ein versandeter, der seine Idee in einem chaotischen Spektakel aus den Augen verliert.

In diesem Durcheinander finden sich die jüngere Charakterriege um Owen Grady (Chris Pratt) und Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) mit dem älteren Trio aus dem Original, Dr. Alan Grant (Sam Neill), Dr. Ellie Sattler (Laura Dern) und Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) Seite an Seite wieder – und sie finden doch nicht zusammen.

Dino-Abenteuer in Einzelteilen

So vieles findet in dem Film nicht zusammen, der abermals von einer Organisation erzählt, deren Absichten letztlich in einem erneuten Desaster zu enden drohen. Nachdem er schon den ersten Jurassic World in Szene setzte und dem Franchise immerhin einige interessante, neue Ideen einverleibte, übernahm Colin Trevorrow erneut das Ruder. Ihm fehlte offenbar aber der Kompass.

Dominion ist ein Film zwischen Vergangenheit und Moderne ohne den wummernden Motor einer treibenden Vision. Motive aus dem Original knallen mit einem lauten Spektakel zusammen. Dieses stolpert von einem Moment und einem Ort in den nächsten und hat kaum die Zeit, eine Szene, Sequenz und originäre Idee wirklich auszuloten.

Sein Weltenbau hat dabei durchaus interessante Ideen. Doch sind sie lediglich Augenblicke, die nur flüchtig zeigen, wie wunderschön und zugleich düster ein alltägliches Aufeinandertreffen zwischen Dino und Mensch aussehen könnte.

Der Film unterwirft sich rasch einer lauten, überbordenden Actionfilm-Logik, die sich längst vom recht geerdeten Überlebenskampf von einst verabschiedet hat. Besonders in einem Abschnitt erinnert er etwa an einen flotten Agentenfilm. Eine Einstellung aus The Bourne Ultimatum hat lediglich den Unterschied, dass sich hier nicht Matt Damon, sondern ein Velociraptor durch eine Scheibe wuchtet inmitten einer urbanen Verfolgungsjagd zwischen flinken Sauriern und einer Hauptfigur, die mit einem Motorrad durch Straßenschluchten rast.

Zaghafte Schritte führen Dominion ferner in Motive des Horrors, wenn beispielsweise riesige, ohrenbetäubende Heuschrecken zwei Kinder furchterfüllt in eine Scheune treiben. Oder Claire einem Dinosaurier mit riesigen Klauen begegnet und dieser ihr unheimlich leise bis in einen Tümpel folgt, in dem sie sich letztlich gezwungen sieht, abzutauchen und so ihre Fährte zu verwischen.

SLEAZE + Jurassic World Dominion
Der Dino-Cowboy: Chris Pratt spielt abermals den zähmenden Owen Grady.

Es sind isolierte, mächtige Bilder ebenso wie die in verschneiten Landschaften heraufbeschworenen Eindrücke, die Owen wie in einem Western hoch zu Ross dabei zeigen, wie er mit einem Lasso einer Gruppe aufgeschreckter Herbivoren hinterhereilt.

Es sind allein Fragmente, die nie zu einem kohärenten Ganzen zusammenfinden, zumal die Action-Unlogik insgesamt die dominierende Kraft darstellt und Menschen- wie Saurierfiguren je nach Belieben die Dominion-Bühne betreten.

Ein Film wie ein zerstreuter Geist

Einige der Saurier nehmen dabei geradezu eindimensionale Rollen von Antagonisten und Protagonisten ein. Das zehrt letztlich auch an der Faszination für sie, mit der die Filmreihe vor drei Dekaden viele Augen und Herzen weit öffnete.

Jede Begegnung mit Brachiosaurus, Tyrannosaurus rex, Velociraptor und anderen waren magische Momente für sich, die eben nicht nur reine Spannungsmomente waren, sondern auch am Mitgefühl und Staunen streichelten.

Nun ist das Beschreiten des eigenen Weges unerlässlich für jeden kreativen Akt und so auch für Regisseur Colin Trevorrow und seine Crew bei Jurassic World Dominion. Nur tut sich hier ein massiver Graben auf zwischen dem Klammern am Damals, das noch heute fasziniert, und der unzusammenhängenden Hektik, die Dominion dominiert.

Es ist bezeichnend, dass es gerade die kurzen, ruhigeren Momente mit diversen Dinosauriern sowie Auftritte des Urtrios mit Komponist John Williams‘ bekannten Jurassic-Park-Klängen sind, die dann doch ein Kribbeln erzeugen.

Der ungeschliffene Charme des Dreiergespanns ist ungebrochen, wenngleich die Geschichte letztlich eine Art Katharsis für sie auffährt, die ihnen final ein gewisses Spannungsfeld nimmt. Die Doktoren Grant, Malcolm und Sattler zeigen sich ansonsten aber launig und kantig wie eh und je.

Diese charakterstarken und einfühlsamen Momente sind letztlich jedoch auch nur kleine Höhepunkte in einem Film, der an einen zerstreuten Geist erinnert und somit gewissermaßen manch moderne Strömungen im Blockbuster-Kino reflektiert.

SLEAZE + Jurassic World Dominion
Ellie Sattler (Laura Dern) und Alan Grant (Sam Neill) kämpften einst
im Jurassic Park ums Überleben.

Das Credo nach Mehr und Immermehr ist ein Trugschluss, dem zunächst die Erzählung selbst zum Opfer fällt. Die Dino-Hatz weiß im Jahre 2022 nicht so recht, wohin mit sich und hat in ihrem Entstehungsprozess scheinbar keinen Pfad gefunden.

Die daraus entstandenen, rund zweieinhalb Stunden sind eher ein holpriges Zusammentragen von filmischen Einflüssen aus der Vergangenheit und der Gegenwart, die in einem apokalyptisch anmutenden Finale münden, das Illustrationen des Dinosaurier-Aussterbens nahekommt.

Wieder aber ist es nur ein flüchtiges Motiv in einem Film ohne inneren Zusammenhang, der einige seiner wundersamsten Eindrücke in den allerletzten Minuten findet, die denn auch nochmal an sein eigentliches Thema erinnern, mit dem er begann.

Dieses aber spielt lange keine Rolle und die Besinnung kommt viel zu spät auf einem Weg, der bis dorthin eine meist laute, zersplitterte Jagd in viele Richtungen ist und damit ziemlich umherirrt.

Das Leben findet einen Weg, heißt es bekanntermaßen. Diesen sucht Jurassic World Dominion oft vergebens.

Alex

Titel: Jurassic World Dominion (dt. Titel: Jurassic World: Ein neues Zeitalter)
Kinostart: 08.06.2022
Dauer: 146 Minuten
Genre: Action, Abenteuer, Science Fiction, Thriller
Produktionsland: USA, Malta
Filmverleih: Universal Pictures

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