Jordan Peeles „Nope“: Oh ja!

Jordan Peeles „Nope“: Oh ja!

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SLEAZE + NopeMit einem Lächeln verlasse ich das Kino und mein Blick schweift an jenem heißen Sommerabend gen Himmel. Immer wieder blickt auch die Kamera in Jordan Peeles neustem Film Nope nach oben auf der Suche nach dem Unbekannten, dem womöglich „schlechten Wunder“, über das Hauptfigur OJ sinniert.

„Gibt es ein Wort dafür?“, fragt er. Vielleicht ist es aber auch der suchende Blick nach Sinn in einer Welt der Dauerunterhaltung, die Blickende regelrecht aufsaugt. Bereits in seinen beiden ersten Werken als Spielfilmregisseur, Get Out und Us, wandelte der zuvor als Komiker bekanntgewordene New Yorker in den Gefilden des Horror-Genres und beschritt eigene und unberechenbare Wege.

Sein jüngster Streifen konfrontiert uns nun mit der potenziellen Existenz außerirdischer Wesen in einem ungemein wilden und eigensinnigen Film, der wieder neue Spuren im Kino hinterlässt und einmal mehr direkt auf uns schaut.

Otis Haywood Senior (Keith David) trainiert auf seiner kalifornischen Ranch Pferde für Film- und Fernsehproduktionen. Eines Tages trifft ihn eine aus dem Himmel gefallene Münze im Auge und tötet den Pferde-Profi.

Sein ruhiger Sohn Otis Jr. aka OJ (Daniel Kaluuya) führt die Arbeit seines Vaters zusammen mit seiner deutlich nach außen gerichteteren Schwester Emerald „Em“ (Keke Palmer) weiter – für sie ist das Ganze aber lediglich ein Job.

Doch dann passieren natürlich Dinge. Und sie sehen sich mit einer seltsamen Himmelserscheinung konfrontiert, die zu einem gefährlichen Spektakel avanciert.

Konfrontierendes Ideenmosaik

„Ich werfe Unrat auf dich, schände dich und mache ein Schauspiel aus dir.“ Mit diesen biblischen Worten (Nahum 3:6) eröffnet Nope und nimmt schon damit eine suggestive Position ein, die sich durch den gesamten Film ziehen wird.

Der erscheint zuweilen wie eine audiovisuelle Assoziationskette erinnert damit durchaus mit einiger Entfernung an die faszinierenden und instinktiven Filmreisen eines David Lynch. Man weiß schlicht nicht, wohin die Erzählung führt und was es mit den merkwürdigen Ereignissen auf sich hat, die sich scheinbar auf und um das Gebiet der Ranch fokussieren. Schon in der Anfangsphase reihen sich Eindrücke aneinander, die für sich genommen zunächst ohne Zusammenhang erscheinen.

Früh sehen wir am Ende eines wabernden Tunnels die weltberühmte Plate 262 aus Eadweard Muybridges Animal Locomotion von 1887 und damit eines der Urmotive des Kinos in Form eines sich bewegenden Pferds, auf dem ein schwarzer Reiter sitzt.

SLEAZE + Nope
Geschwisterpaar am Set am Set: OJ und Em Haywood.

Wie in seinen vorigen Filmen zuvor zeigt sich Jordan Peele auch bei Nope als Stimme für Schwarze, indem er zwischen Reiter und den Haywoods ein Verwandtschaftsverhältnis in Aussicht stellt und die Bedeutung der so lange und nach wie vor unterdrückten Menschen mit dunkler Hautfarbe hier im Kontext der Kinogeburt und des Films an sich betont.

Ein weiteres kryptisches Bild zu Beginn führt durch einen Zeitsprung ins Jahr 1998, in dem ein Schimpanse auf dem Set einer Sitcom in blutige Rage verfällt. Was hat es mit dem aufrecht stehenden Schuh auf sich, der gerne im Zentrum des Bildes steht? Und was haben diese Impressionen überhaupt mit dem Kontext des eigentlichen Films gemein?

Jordans Filme sind von einer ungeheuren und stimulierenden Schaffenskraft, die das Publikum konfrontiert. Auch in Nope verkommt der Zuschauer nicht zum passiven Starrer.

Fest eingebunden prasseln auf ihn so real wie seltsam wirkende Momente ein, die zur alleinigen oder gemeinsamen Reflektion anstacheln. Es ist ein vibrierendes Ideenmosaik mit etwa Spielberg’schen und Hitchcock’schen Echos, das jeder für sich zusammenfügen möge, sofern er denn möchte.

Mit Daniels stoischem Charakter OJ liefert er einen angenehm lässigen Orientierungspunkt in einer aufgescheuchten Welt des Dauerspektakels, denen sich der Film staunenden Auges mit Seitenhieben, Witz und Verweisen annähert.

Das Showbusiness ist hier Realsatire in einem Becken egomanischer sowie teils hölzerner Künstlichkeit, aber an anderer Stelle besonders in Gestalt des grummelig wirkenden Kameramanns Antlers Holst (Michael Wincott) an anderer Stelle auch ein Abbild der Leidenschaft des Kunstschaffenden, der manchmal von leerer Unterhaltung geschluckt wird.

Man kann den Blick nicht abwenden

Der vor allem aus The Walking Dead bekannte Steven Yeun spielt derweil einen ehemaligen Kinderdarsteller, der das einstige Sitcom-Massaker überlebte und dem seine gebrandmarkte Entertainment-Vergangenheit anheftet.

Nun leitet er den etwas albernen Western-Themenpark Jupiter’s Claim, den er einst gründete. Nach und nach spitzen sich die Ereignisse der UFO-Erscheinung zu und das Geschwisterpaar Haywood wagt gemeinsam mit dem uneingeladenen Elektronikmarkt-Angestellten Angel (Brandon Perea) den Versuch, die Himmelerscheinung auf Bild festzuhalten.

Ohnehin nehmen Kameras eine auffallend große Rolle auf der Jagd nach dem mysteriösen Objekt ein und es ergeben sich fortwährend Probleme, wie eine sichtbedeckende Gottesanbeterin (im Englischen auch als praying mantis bekannt), die ihrerseits schon wieder Symbolkraft hat.

Ist die Sucht nach Spektakel nicht auch eine Form religiöser Anbetung, die mancherorts unreflektierte und nahezu blinde Anhänger um sich schart? Der Film liefert reichlich Eindrücke und Raum für den Zuschauer und zieht die Ereignisspirale in einem immer bizarrer und größer werdenden Ausmaß an.

Das im Vergleich zu Get Out (4,5 Millionen) und Us (20 Millionen) noch einmal deutlich höhere Budget von kolportierten 68 Millionen US-Dollar ist sichtbar auch in die brachiale Darstellung seiner wuchtigen UFO-Konfrontation geflossen. Spezialeffekte sind hier effektiv eingesetztes Mittel im Gegensatz zum oft ergebnisschwachen modus operandi so mancher Blockbuster-Produktionen.

Doch das Spektakel über das Spektakel bewahrt sich seine menschlich nuancierte Erdung, wobei den beiden Geschwistern eine tragische wie süße Note aus der gemeinsamen Vergangenheit zukommt, die unterschwellig, teils augenzwinkernd und augenblicklich und damit nie in Form eines aufgezwängt wirkenden Dramas mitschwingt.

SLEAZE + Nope
Hoch zu Ross im Scorpion King Hoodie: Daniel Kaluuya in Nope.

Schrittweise erhebt sich Nope zu einem brummenden Traumtanz, der sich auch dank seiner energischen Charakterriege seine Leichtigkeit bewahrt. Sie geht Hand in Hand mit Momenten Puls erhöhenden Suspenses und magischen Traumgebilden – wie ein roter, über die Farm der Haywoods niedergehender Regenguss, der die Apokalypse einzuläuten scheint.

Erst im letzten Abschnitt setzt er sich ganz klare Ziele und verleiht ihrem Erreichen erklärte Struktur. Doch selbst die torpediert er mit der unwiderstehlichen Kraft des Unberechenbaren. Und am Ende pumpt das Herz, es rattert der Geist und der Blick wandert wieder einmal in den Himmel.

Die Unfähigkeit, die Augen selbst von einer Art faszinierenden, engelhaften Medusa nicht abwenden zu können, wird zum starken Ausdruck unserer Zeit. Einer Zeit, in der es wohl gesünder wäre, dem Dauerreiz omnipräsenter Leerlaufunterhaltung mit einem lässigen „Nope“ zu begegnen. Zu einem Spektakel wie diesem Film sage ich allerdings gerne: oh ja.

Alex

Titel: Nope
Kinostart: 11.08.2022
Dauer: 130 Minuten
Genre: Horror, Mystery, Science Fiction, Thriller
Produktionsland: USA, Japan
Filmverleih: Universal Pictures

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