House of Gucci: Haus des Grauens

House of Gucci: Haus des Grauens

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Es ist bitterkalt. Die Oberflächen glatt und abweisend. Die materiellen wie die menschlichen. Mit House of Gucci erzählt Ridley Scott (Alien, Blade Runner) weniger vom Aufstieg als vielmehr vom Fall der namensgebenden Familie hinter dem luxuriösen Modehaus Gucci.

In rund zweieinhalb Stunden zeigt er eine Welt der schillernden Oberflächlichkeiten, in der menschliche Züge sich nur kurz regen und im nächsten Moment im brutalen Geschäftsleben der Marke gefrieren. Es ist die Geschichte einer Liebe, die einen gewaltsamen Höhepunkt erreicht.

SLEAZE + House of Gucci
Ein Traumpaar? Nun…

Ende der 70er lernt die in der Transportfirma ihres Vaters angestellte Patrizia Reggiani (Lady Gaga) den Jurastudenten Maurizio Gucci (Adam Driver) kennen, der einmal die fünfzig Prozent Gucci-Anteile von seinem Vater Rodolfo (Jeremy Irons) erben wird.

Die bald nicht mehr aufzuhaltende Beziehung ist dem strengen Patriarchen ein Dorn im Auge, während er in seinem Anwesen, das einer ebenerdigen Gruft gleicht, in Vergangenem schwelgt. Arrogant blickt er auf die junge Lebefrau herab, die aus seiner Sicht eines Gucci nicht würdig ist und doch nur ans Geld will.

Doch Maurizio stemmt sich gegen seinen Vater und damit auch dem Hause, dem er entstammt. Ihre Heirat ist ein Eklat, der auf Dauer nicht die Befreiung des zurückhaltenden, jungen Mannes aus den familiären Fängen ist. Er selbst wird zu ihnen.

Die Gucci-Karikatur

Die erzählerische Reise dorthin lässt nur kurz eine Phase des Friedens zu. Weitgehend ist sie von innerfamiliären Machtkämpfen geprägt, die der Regisseur geradewegs und ohne Schnörkel vorantreibt.

Es ist kein Krieg der wortwörtlichen Waffen, sondern ein Krieg des Geldes und des Einflusses, der Juristereien und der Männer in Anzügen, die sich mit schmierigem Lächeln umgarnen und, wenn es der Geschäftsweg erfordert, das sprichwörtliche Messer in den Rücken ihres Gegenübers rammen.

Es ist mehr und mehr auch ein Krieg um den letzten Hauch Menschlichkeit, die zuweilen vollkommen aus den entsättigten Bildern herausgesaugt zu sein scheint. Wir betreten eine Welt, die abstößt und gleichermaßen fasziniert und in der Familie manchmal wie ein Zweckbündnis und Geschäftsverhältnis erscheint.

SLEAZE + House of Gucci
In dunklen Bildern: Guccis unter sich.

Da ist es interessant zu sehen, wie all die daraus herausbrechenden Abscheulichkeiten doch einigermaßen gut verträglich daherkommen. House of Gucci ist eine unterhaltsame Niedergangschronik, der es in ihren emotionalen Magenschlägen an Wucht und Nachdruck fehlt.

Vielleicht liegt es schlicht daran, dass der Film wirkt, als bewegten sich seine Figuren zuweilen nah an der Grenze zur Karikatur – und womöglich darüber hinaus. Sie sind tiefenlose Charaktere, die je nach Situation und Lebensphase sprunghaft eine Facette und auch nur diese eine zum Ausdruck bringen. Gewissermaßen wirken sie wie festgemeißelt an den deutlichen Intentionen ihrer charakterlich oft so eindimensional definierten Szenen.

Mit am deutlichsten springt hierbei der von Jared Leto verkörperte Paolo Gucci hervor. Der verkörpert den Sohn von Rodolfos sanftmütigerem Bruder und Mitteilhaber Aldo (Al Pacino) als einen exzentrischen, von niemandem ernst genommenen Dauergag mit fettigem Haar, der sich selbst als Künstler versteht.

Plattes Fassadenspiel

Manch charakterliche Entwicklung geschieht abrupt und fern von einfühlsamen, beobachtenden Momenten. Nur kurz drängen sich helle Augenblicke auf, in denen die kalten Oberflächen aufbrechen und Figuren plötzlich selbst aus ihren starren Rollen ausbrechen.

Wenn ein Vater seinen Sohn liebevoll als Idiot, nämlich sein Idiot, nach einem großen Verrat bezeichnet, zieht plötzlich Rührendes und Menschliches ins Hause Gucci ein. Für die meiste Zeit bleibt die Welt der großen Anwesen und hergerichteten Edelwohnungen aber eine Kulisse für ein oft nuancenloses Fassadenspiel einer schrecklichen und so gar nicht netten Familie, die im Kampf um die Zukunft des Unternehmens endgültig auseinanderzureißen droht.SLEAZE + House of Gucci

Dieser Kampf fügt sich letztlich nicht zu einem größeren Bild einer furchenhaften Familie zusammen. Er ist ein bruchstückhaftes Mosaik aus stereotypischen Schemen, die ein bitterböses und nur selten bittersüßes Verhältnis zueinander pflegen.

In ihrer Spirale der gegenseitigen Selbstzerfleischung liegt etwas trivial und absurd Unterhaltsames, zumal der Film sich keine nennenswerten Pausen gönnt. Seine Wirkkraft aber zerschellt zu großen Teilen an den glatten Oberflächen einer Welt, in der er spielt. Und die oft allzu deutlich nur ein plattes Mit oder Gegen, aber selten ein knisterndes Dazwischen kennt.

Alex

Titel: House of Gucci
Kinostart: 02.12.2021
Dauer: 158 Minuten
Genre: Krimi, Drama
Produktionsland: Kanada, USA
Filmverleih: Universal Pictures

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