Geschwätzige Stille

Geschwätzige Stille

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Stille Hjerte Directed by Bille August SF Film Production Photo Credit:Rolf Konow

Was tust du, wenn du nur noch einen Tag zu leben hast? Eine Frage, die man schon oft in den Medien wahrgenommen und sich selbst vielleicht auch schon mal gestellt hat. Genug schlaue Sprüche gibt es ja definitiv: Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter, Carpe Diem oder Verschiebe nichts auf morgen. Viele Filme, die das thematisieren, gibt es auch schon. Mit „Das Beste kommt zum Schluss“ haben uns Jack Nicholson und Morgan Freeman gezeigt, wie gut das umgesetzt werden kann. Aber was ist, wenn du dir den Tag selbst aussuchst? Wie würdest du deine letzten Tage verbringen? Würdest du alles spontan auf dich zukommen lassen oder bis in kleinste Detail planen?

Stille Hjerte Danica Curcic, Jens Albinus, Pilou Asbæk, Oskar Sælan Halsred, Vigga Bro, Ghita Nørby, Morten Grunwald & Paprika Steen Directed by Bille August SF Film Production Produced by Jesper Morthorst Photo Credit:Rolf Konow

Letzteres tut Esther im dänischen Film „Silent Heart“, da sie nur noch wenige Monate zu leben hat Sie ist um die 70 Jahre alt und leidet an ALS. Bekannt wurde die Krankheit vor allem durch die Ice Bucket Challenge im letzten Jahr (was ja vor einiger Zeit mit der Condom Challenge versucht wurde, zu wiederholen…). Wobei bekannt vielleicht übertrieben ist, da die eigentliche Spendenaktion dabei etwas untergegangen ist.
Die nächste Kontroverse, die im Film behandelt wird, ist Sterbehilfe. Esther will nicht mehr leben, wenn sie nur noch an Schläuchen hängt, nicht schlucken und nicht reden kann. Deshalb möchte sie ihr Leben jetzt beenden, solange es noch wie ein Suizid aussehen kann. Unterstützung erhält sie dabei von ihrem Mann, der Arzt war, und auch ihre Töchter sind einverstanden. Das war die Vereinbarung. Doch am letzten Wochenende, welches die gesamte Familie mit Kindern, Enkelkind und der engsten Freundin gemeinsam verbringen will, plant Tochter Sanne einen Krankenwagen zu rufen, da sie einfach noch nicht genug Zeit mit ihrer Mutter verbracht hat.

Stille Hjerte Danica Curcic and Paprika Steen Directed by Bille August SF Film Production Produced by Jesper Morthorst Photo Credit:Rolf KonowDa sich „Silent Heart“ um zwei aktuelle Angelegenheiten dreht, die viel und gerne in den Medien diskutiert werden, hatte ich die Befürchtung, dass der Film zu schwerfällig wird. In der ersten Hälfte hat sich dies leider auch bestätigt. Die Figuren scheinen Extreme zu sein, für die es nur zwei Seiten gibt. Da wir aber alle wissen, dass es mehr als nur schwarz und weiß gibt, fehlt mir hier der Bezug zur Realität. Erst nach und nach bröckelt das perfekte Beisammensein, das insbesondere Tochter Heidi vermitteln will. So entsteht zum Glück noch Vielschichtigkeit, die diese Themen nun einmal verlangen. Doch leider erst spät. Wenn man den Charakteren dann aber näher gekommen ist, beginnt man aktiv mitzudenken, anstatt nur auf das Finale zu warten. Man entwickelt Verständnis für die Ansichten der Figuren und kann mitlachen, wenn Sannes Freund den Joint auf Bitten von Esther herumreicht. Die offensichtlichen Paarungen wie Mann und Frau, Mutter und Sohn oder Schwester und Schwester bleiben auch nicht unter sich, sondern jeder setzt sich auch mit den Problemen der anderen auseinander und unerwartete Figurenkonstellationen entstehen.

Stille Hjerte Ghita Nørby Directed by Bille August SF Film Production Photo Credit:Rolf KonowLetztendlich handelt es sich also viel mehr um einen Film über Beziehungen. Die Krankheit steht nicht unbedingt im Vordergrund. Sie ist eher der Auslöser der Umstände. Ich muss auch zugeben, dass das Beste am Film die komplexen Charaktere waren, auch wenn es leider viel Zeit braucht, bis diese erkennbar werden. Gelöst wurde das Problem mit den sensiblen Themen ALS und Sterbehilfe, indem sie eben in den Hintergrund gerückt sind. Eine nahe liegende, aber wahrscheinlich sehr gute Entscheidung, die Regisseur Bille August getroffen hat. Man kommt der Krankheit nahe, ohne sich bedrängt zu fühlen und das Gefühl zu haben, es wäre noch so ein Film, den ich als Meisterwerk bezeichnen muss, weil er alle zum Heulen bringt. Vor allem deshalb, weil es in „Silent Heart“ viel mehr zu lachen als zu weinen gibt.

Maurin

Titel: Silent Heart – Mein Leben gehört mir.
Regisseur: Bille August
Länge: 98 Minuten
VÖ: 24.03.2016
Verleih: Movienet Film

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