Evil Dead: The Game – Taktischer Tanz der Teufel

Evil Dead: The Game – Taktischer Tanz der Teufel

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Evil Dead: The Game ist eine bemerkenswerte Punktlandung. Gut vierzig Jahre nach Erscheinen von Sam Raimis kultigem Slasher-Film bekommt das inzwischen zu einem Franchise angewachsene Blutfest ein Spiel, das ebenfalls ein gewisses Kultpotenzial in sich trägt und lange leben könnte.SLEAZE + Evil Dead - The Game

Die detailvolle Zuneigung zur Vorlage trifft auf eine spielerische Grundlage, die schon zum Start auf ungemein stabilen Säulen steht. Das Gemetzel entpuppt sich als überaus komplexer Tanz der Teufel, der etliche taktische Elemente auffährt und damit in motivierende Tiefen vordringt.

In seinem zentralen Spielmodus übernehmen vier Spieler die Rollen von unterschiedlichen, aus dem gesamten Franchise stammenden Charakteren. Allen voran Ash Williams (Bruce Campbell), der gleich in mehreren Inkarnationen vertreten ist. Ein anderer Spieler (oder die KI) schlüpft in die Rolle eines von drei Dämonen, der versucht, die Überlebenden daran zu hindern, das Böse aus der Welt zu verbannen.

Der wesentliche Spielablauf ist dabei in diverse Phasen aufgeteilt: Zu Beginn müssen Ash, Cheryl & Co. drei Kartenteile finden, um die Fundorte des Kandarischen Dolches und Seiten des Necronomicons aufzudecken.

Diese gilt es zu aktivieren und einzusammeln, indem mindestens ein Spieler des Teams eine gewisse Zeit in einem Radius durchhalten muss. Mit beiden Gegenständen im Gepäck warten die so genannten Dark Ones – eine auf einem Punkt auf der Map anzutreffende Gruppe dunkler Wesen, die nur mit der Macht des Dolches in Form an die Ghostbusters erinnernden Strahlengeschosse besiegt werden können.

Im finalen Akt gilt es nun, das Necronomicon innerhalb eines Zeitlimits zu beschützen, während der Dämonenspieler noch einmal alles daran setzt, die Menschen auszuschalten oder das Buch der Toten zu vernichten.

Solisten haben‘s schwer…und Angst

Evil Dead: The Game ist kein kompliziertes, aber dafür ein komplexes Spiel. Es erfordert eine gewisse Lernbereitschaft, denn die in vier Klassen aufgeteilten Charaktere sowie das Dämonen-Trio kommen mit spezifischen aktiven wie passiven Fertigkeiten und Grundstatistiken daher, von denen sich weitere mit entsprechendem Level-Fortschritt freischalten bzw. verbessern lassen.

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Gemeinsam stark: Das Team der Überlebenden will clever zusammengestellt sein.

Ihr einzigartiges Skill-Set sowie damit einhergehende Stärken und Schwächen gilt es zu verinnerlichen und in Einklang mit der vorliegenden Situation zu bringen. Ein vortrefflicher Nahkämpfer etwa wird nur noch stärker, wenn ihm zusätzlich ein aufmerksamer Heiler zur Seite steht. Oder z.B. ein anderer seine aktive, mit einem Cooldown belegte Fähigkeit zum richtigen Zeitpunkt einsetzt, um ein Amulett für Schildenergie zu erstellen.

Das Spiel belohnt deutlich zwei Dinge: Effektivität im Einsatz und Zusammenspiel der Fähigkeiten. Ein funktionales Team hebt sich sofort erkennbar von einem dysfunktionalen Haufen von Egos ab.

Im Laufe einer Partie werten sich zum einen die Überlebenden mit in Kisten zu findenden Upgrade-Punkten auf und erhalten so etwa mehr Ausdauer oder Stärke. Nebenbei sammeln sie diverse, in unterschiedlichen Seltenheitsstufen daherkommende Nah- und Fernkampfwaffen, darunter Kettensägen, Schwerter und Schrotflinten.

Zum anderen erhöht der Dämon sein Bedrohungslevel, was ihm ebenfalls Punkte einbringt und somit immer stärker werden und mehr und mehr von seinen ihm zugrunde liegenden Einheiten rufen lässt, die ihrerseits eigene Fähigkeiten besitzen.

Die meiste Zeit schwebt man als Dämon in Geisterform über die Karte und tut alles, um seine Bedrohung wachsen zu lassen: Geisterenergie in Gestalt roter Orbs dient als Währung, um ortsabhängige Fallen oder freigeschaltete Portale mit Feindestruppen frei im gesamten Gebiet für stetigen Druck zu platzieren – und so die eigene Macht zu vergrößern.

Jede potenzielle oder unmittelbare Aktion gegen das Überlebenden-Quartett hilft dem Dämon dabei, die Angst der Menschen anwachsen zu lassen. Ab einem kritischen Wert und mit ausreichend Geister-Energie ist er gar in der Lage, einen Spieler zu übernehmen und ihn gegen dessen eigenes Team einzusetzen.

Daneben können auch Bäume, Fahrzeuge und eigene Truppen besessen werden, wobei letztere diverse Boni erhalten, sobald sie vom Spieler übernommen werden. Selbst Jumpscare-Attacken mit witzigen, auf Polaroids festgehaltenen Charakter-Reaktionen sind zeitweilen möglich.

Indes können die Menschen Gegenmaßnahmen gegen ein allzu rasches Anschwellen des Angstlevels ergreifen, wobei an erster Stelle die Fortbewegung als Gruppe steht. Auch Lichtquellen und bestimmte Fähigkeiten wirken der sich aufbauenden Furcht entgegen.

Einzelgänger sind in der Regel die schwächsten Glieder eines Vierer-Gespanns, zumal hohe Angstwerte die Position der betroffenen Figur ebenso wie diverse Geräuschquellen oder das Fahren eines Autos preisgeben.

Ein zu Fall gebrachter Spieler blutet zunächst aus. Ihm kann hierbei noch auf die Beine geholfen werden. Gelingt dies nicht, kann seine Seele an bestimmte Punkte gebracht und so wiederbelebt werden. Auch das Abschließen bestimmter Phasen holt einen toten Spieler zurück ins Gefecht.

Ein Spiel im Gleichgewicht und im Geist seiner Vorlage

Evil Dead: The Game überfrachtet sich nicht mit unzähligen Fähigkeiten. Es ist das schon zum Start enorm ineinandergreifende Gleichgewicht der übersichtlichen und klar unterscheidbaren Skill-Sets, die jede Partie definieren.

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Hallo, Ash! Evil-Dead-Veteran Mr. Williams ist gleich mehrfach im Spiel.

Der Tanz aus der Zusammenstellung des Menschenteams und die Reaktion des Dämons mündet in einem taktischen Hack-and-Slay-Ballett, das auch mit Blick auf sein Fortschrittsystem länger motiviert.

Skill-Punkte schaltet man charaktergebunden durch Spielen der entsprechenden Figur frei, während die ebenfalls durchs Spielen gewonnenen Geisterpunkte den Überlebenden und Dämonen frei zugewiesen werden können.

Zu einem Faktor der Spielbalance wird hierbei das Matchmaking, denn höher gelevelte Spieler haben ganz objektiv betrachtet stärkere Charaktere. Meiner Erfahrung nach bestimmt insbesondere das Verhalten der Teilnehmer, in welche Richtung die Runde kippt, was aktuell für eine faire Zusammenstellung der Spieler auch plattformübergreifend spricht.

Als Spiel mit Fokus auf Onlinepartien könnten Einzelspieler indes schnell an ihre Grenzen kommen. Die aktuell fünf Singleplayer-Missionen erzählen kurze, finstere wie absurde Geschichten, die auf den aktuell zwei Karten des Mehrspieler-Herzstücks stattfinden.

Sammelaufgaben, das Bekämpfen von Gegnerhorden in teils begrenzten Gebieten sowie simple Schleichabschnitte erinnern an so manch alte Designschule, die zudem ohne Checkpoints auskommt und so den mitunter knackigen Schwierigkeitsgrad zusätzlich in die Höhe treibt.

Die Präsentation mit ihrer Mixtur aus Slasher-Brutalität und bizarrer Komik, die Einbettung ins Universum der Reihe sowie das Freischalten von weiteren Charakteren und Tonbändern mit Infos zur Hintergrundgeschichte sorgt für die nötige Motivation, sich hier durchzubeißen.

Solisten können den Hauptmodus zudem mit einem KI-Team gegen einen KI-Dämon spielen, doch die Interaktion mit echten Mitspielern ist hier meiner Meinung nach unersetzbar.

Evil Dead: The Game ist dabei nicht frei von Stolperern. Hie und da bleiben sowohl Menschen als auch Dämonen gerne mal etwa an Kanten hängen. Auch fehlt zuweilen dem mit einem Autolock versehenen Nahkampf etwas die Präzision. Gerade in Gebäuden kann es zudem etwas unübersichtlich werden, wenn Menschen und Dämonenschergen aufeinanderprallen.

Es sind jedoch nur kleinere Fehlschritte in einem insgesamt taktischen Tanz der Teufel, der fest verankert in seiner Vorlage ist – darunter die dazugehörigen Filme sowie die Serie Ash vs. Evil Dead.

Seine nie grimmige, sondern saftige wie absurde Brutalität mit ihrem körperlichen Schadensmodell ergießt sich gerade auch in den Finishern, die bei einem entsprechend angeschlagenen Feind eingesetzt werden können und im Zuge derer schon mal Innereien aus dem Körper hängen, Köpfe von selbigen fliegen und Skelette in knochige Einzelteile zerfallen.

Ohnehin fühlt sich gerade der oft vor Blut triefende Nahkampf auch in seiner Begrenzung auf leichten wie starken Angriff und Ausweichmanövern besonders nachdrücklich und befriedigend an.

Das Spiel fährt zudem eine prächtige Kulisse auf, die zu unterschiedlichen Tageszeiten und Witterungen unterschiedliche Stimmungsbilder heraufbeschwört. Die untergehende Sonne taucht alles in ominöse Rottöne, als läute sie die letzten Stunden der Menschheit ein.

Nachts bei donnerndem Gewitter peitschen helle Blitze durch die Szenerie und bei stillem Schneefall legt sich eine unheimliche Ruhe auf düstere Wälder und Ortschaften, in denen Kenner der Vorlage viele Motive und Eindrücke wieder erkennen werden.

Dazu unterstreicht die Musik ein Gefühl wohligen Grusels und dreht dramatisch in Momenten der Konfrontation auf. Stets liegt den Charakteren zudem ein kecker Spruch auf den wohlklingenden Lippen.

Evil Dead: The Game ist zum Start in einer vorbildlichen Verfassung. Das audiovisuell stimmungsvolle Gemetzel steht im Geiste seiner Vorlage und findet in seiner spielmechanischen Komplexität eine taktische Tiefe, die auch für längere Zeit motiviert.

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Licht im Dunkel gegen die Angst.

Ihr Wechselspiel aus charakterspezifischen Fähigkeiten und der sich dabei losbrechende, asymmetrische Konflikt zwischen Menschen und Dämon ist mehr als ein reines Haudrauf-Spektakel. Das Arrangement ineinandergreifender Fertigkeiten und die mannigfaltige Zusammenstellung des Menschen-Teams einerseits und die variantenreiche Ressourcennutzung des Dämons andererseits ermöglicht einen bereits ordentlich ausbalancierten Mehrspielerkampf, der nur mit schlechten Mitspielern zum Krampf werden kann.

Aber auch das zeigt nur, wie funktional das Konzept jetzt schon aufgeht. Mit regelmäßigen, neuen Inhalten und entsprechender Spielerzahl könnte hier möglicherweise ein neues Spiel mit Kultpotenzial geboren sein.

Alex

Titel: Evil Dead: The Game
Entwickler / Publisher: Boss Team Games / Saber Interactive
VÖ: 13. Mai 2022
Plattform: PC (Microsoft Windows), PlayStation 4, PlayStation 5, Xbox One, Xbox Series X/S

Getestet wurde Evil Dead: The Game auf der Xbox Series X.

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