Die Kunst der Grenzüberschreitung

Die Kunst der Grenzüberschreitung

TEILEN

SLEAZE.grenzüberschreitung-HendrikBeikirchSei es in China, Australien, Neuseeland, Thailand, Chile, Argentinien, Mexiko oder den USA – überall Grenzüberschreitung. Hendrik Beikirchs Kunstwerke blicken von den Wänden dieser Welt. Auch unter dem Pseudonym „ECB“ bekannt, in Kassel geboren und in der Nähe von Koblenz zu Hause. Er hat sich seinen Traum, von Street Art zu leben, erfüllt. Und wer schon mal auf dem Melt oder Splash war, ist nicht an ihm vorbeigekommen.

Neben dem klassischen Graffiti prägte und inspirierte ihn besonders die Jugendbewegung nach dem zweiten Weltkrieg. Diese Jugendbewegung, die mit Rock ‘n‘ Roll und den Beatniks in den 50ern und den Hippies in den 60ern begann, gipfelte in diesem Jahrzehnt in einer unabhängigen Jugendkultur mit eigenen Regeln, Moralvorstellungen und Trends.

Damals als Run DMC die Stars waren und Filme wie The Terminator, Batman oder der erste Hip-Hop-Streifen Wild Style in die Kinos kamen, wurden erstmals die vier, eigentlich fünf, Elemente des Hip-Hops (DJing, MCing, Breakdancing, Graffiti, Beatboxing) auf die Filmleinwand gebracht. Ganz besonders beeindruckte Hendrik die Wild-Style-Filmfigur Zoro, ein Graffiti-Künstler, welcher durchs Taggen im Untergrund von New York großen Fame erlangte.SLEAZE.grenzüberschreitung-mural

So nahm auch Hendrik das erste Mal die Sprühdose in die Hand und begann, im Untergrund sein Pseudonym illegal zu taggen. Jedoch war im Gegensatz zu New York, wo sich das langgezogene, schlangenartige Bahnnetz sehr gut fürs Taggen und Ausprobieren eignet, Graffitis in Deutschland eher eine sehr öffentliche Form des Protestes, wo man versuchte, bestehende Strukturen aufzureißen.

Nach einigen wilden Jahren widmete sich Hendrik schließlich voll und ganz der legalen Kunst und tauschte das Metall gegen Leinwand und insbesonderse Hausfassaden ein. Er entschloss sich für Porträts. Jedoch stehen diese im starken Kontrast zu den heute gängigen Porträts. Während ein Porträt in der heutzutage meistens in Orten aufgehängt wird, wo nur Bekannte und Freunde Zugang haben, sind die Konterfeis von Hendrik so platziert, dass niemand, der vorbei geht, sich davon entziehen kann.

Seine monochrome Arbeitsweise verbunden mit dem geschickten Spiel von Grautönen ergeben Kunstwerke, die so natürlich wie abstrakt sind. Seine bis zu 70 Meter großen Bilder, die er oft auf Hausfassaden zaubert, sind freihändig gezeichnet. Er skizziert sie direkt an der Wand und gibt mit den groben Umrandungen eine erste Richtung vor. Danach modelliere er die Räumlichkeit durch Licht und Schatten, wobei er immer mit der dunkelsten Farbe beginnt.

SLEAZE.grenzüberschreitung-umrissHendrik fotografiert die Leute, die er porträtieren will, meistens direkt vor Ort, sieht sich die Fotos an und versucht, die inneren Werte zu erkennen und diese von außen näher an die Person zu bringen. Dadurch entstehen Bilder mit bemerkenswerten Persönlichkeiten. So hat er auch schon einen 50 Meter großen Gandhi an das Hauptquartier der Polizei von Neu Delhi gezeichnet. Sonst setzt er den Fokus eher auf unbekannte Leute, die einerseits einen Bezug zur Gegend haben und die mit dem Gesicht die Geschichte der Region zu erzählen vermögen.

Er versucht eine Verbindung zwischen dem Porträt und seiner Umgebung herzustellen. Diese Interaktion im öffentlichen Raum versteht er so gut, dass der Betrachter des Porträts oft nicht weiß, wer jetzt wen beobachtet. Er gibt dem Raum eine zusätzliche Note an Identität und zeichnet die Porträts so, dass man als Betrachter das Gefühl hat, das der porträtierten Person die Anwesenheit seines Betrachters durchaus bewusst ist. Neben den Bildern, die einen mit einer fast zu ehrlichen Direktheit anschauen, bringen es die weißen Schriftzüge und Titel der Bilder genauso auf den Punkt.

Eindrucksvoll nimmt er den Betrachter mit auf eine sehr persönliche Reise über alle Grenzen der Kunst hinaus. Hinter dem ästhetischen Vergnügen, welches uns die Riesen-Porträts geben, treffen sie direkt auf die Emotionen und verlangen automatisch einen gewisse Selbstreflektion. Besonders für die Leute, die in der Umgebung wohnen und mit der Geschichte und der Message, die das Kunstwerk darstellen soll, vertraut sind.

So hat er auch in Südkorea sein bisher größtes Wandgemälde kreiert. Doch dieses beeindruckt nicht nur wegen seiner Größe von 70 Metern, sondern auch wegen der SLEAZE.grenzüberschreitung-buchcoverMessage: Das Porträt auf der Wand zeigt einen der vielen Fischer, die momentan aus ihrem Hafen in Busan vertrieben werden, um den Platz für neue Hochhauskomplexe zu räumen. Die Fischer können dagegen nichts tun, weil sie nicht gehört werden. Hendrik hat ihnen durch seine Arbeit eine Stimme und Aufmerksamkeit gegeben.

Er sprengt die Grenzen von Graffiti. Seine Kunst ist intensiver, größer und aussagekräftiger als gewöhnliche Street Art. Im Juni brachte Hendrik das Buch BlurringBoundaries heraus. Es dokumentiert auf 208 Seiten seine Werke der letzten Jahre, angefangen von den Arbeiten im Atelier bis hin zu Wandgemälden in Rekord-Dimensionen. Auch wir SLEAZELS sind fasziniert von Hendrik und sind gespannt, welches Gebäude er sich als nächstes vornimmt.

 

Verlag: Publikat
Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
Veröffentlichung: 10. September 2014
Sprache: Englisch
Größe: 30,7 x 24,4 x 2,3 cm

Jonathan

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT