Klassisch geile Verfolgungsjagden durch die Wiener Kanalisation

Klassisch geile Verfolgungsjagden durch die Wiener Kanalisation

TEILEN

DerDritteMann_004-1Artikelbild

Der Dritte Mann: Ein geiler Klassiker der Filmgeschichte mit Donau Walzer, Sacher Torte und dem charmanten Wiener Schmäh – oder so ähnlich. In Carol Reed’s Krimiklassiker Der Dritte Mann (GB 1949) führt uns der britische Regisseur durch das Wien der Nachkriegszeit. Einem düsteren und zwielichtigen Ort, an dem eigentlich keiner sein will. 

Wir befinden uns in Wien im Jahre 1950: Holly Martins (Joseph Cotten), ein amerikanischer Schriftsteller, ist gerade in der Stadt eingetroffen. Als er beim Haus seines alten Freundes Harry Lime (grandios gespielt von Orson Welles) ankommt, erfährt er von seinem tragischen Schicksal. Sein Freund sei tot; vor wenigen Tagen bei einem Autounfall ums Leben gekommen, erzählt ihm der Portier.

Martins kommt die ganze Geschichte seltsam vor. Er schenkt den dubiosen Erzählungen und Gerüchten rund um den Unfallhergang keinen Glauben und beginnt der Sache im Alleingang auf den Grund zu gehen. Auf seiner Suche nach der Wahrheit, stößt er auf immer mysteriösere Details. Schließlich muss er sich eingestehen, dass er seinen Freund wohl doch nicht so gut kannte, wie er zunächst dachte.

Jetzt aber mal langsam und von Anfang an. Bevor hier gleich das Ende verraten wird, kommen wir zunächst noch zu ein paar filmgeschichtlichen Details: Der Dritte Mann wird 1949, nach nur sieben Drehwochen, veröffentlicht und stellt Reeds ersten Welterfolg als Filmregisseur dar. Die Geschichte geht auf eine Erzählung von Graham Greene, der unter anderem für die Drehbücher zu The Tenth Man (USA 1988), The Quiet American (D/USA/GB/F 2002) und Brighton Rock (GB 2010) verantwortlich ist. Was das Genre betrifft, scheiden sich die filmwissenschaftlichen Geister: Für die einen ist er das Paradebeispiel des Film Noir, für die anderen fehlen aber die typischen Elemente, um ihn dieser Kategorie zuzuordnen. Als typisch für den »schwarzen Films« gelten urbane, labyrinthartige Schauplätze, Themen wie Mord, Überfall, Betrug oder Verschwörung und natürlich die skrupellosen, unmoralischen (Anti)Helden, die sich ihren Lastern ohne zu überlegen hingeben. Wohin dieser Klassiker nun aber tatsächlich gehört, kann dem gewöhnlichen Kriminalfilm-Fan eigentlich egal sein. So nebenbei bemerkt, gibt es nämlich nicht einmal eine eindeutige Definition dieses Genres, was den Versuch einer Einordnung nicht besonders sinnvoll macht.

DerDritteMann_003-1 artikelbild 2

Wie auch immer. Kehren wir zurück zum Wesentlichen. Der Schriftsteller macht sich also fieberhaft auf die Suche nach seinem vermeintlich toten Freund. Das ganze natürlich in herrlichstem Schwarzweiß – der Farbfilm ist zu diesem Zeitpunkt ja erst seit ungefähr 4 Jahrzehnten erfunden. Doch das Weglassen der Farbe wählte der Regisseur ganz bewusst. Denn in Kombination mit der komplexen Kameraführung und den vielen schrägen Bildern, wirken die Schatteneffekte perfekt inszeniert und werden zum Merkmal des Films. Ein Merkmal, für das Carol Reed sehr viel Lob, aber auch krasse Kritik erntet. Sein expressionistischer Kamerastil war für viele Kritiker wohl etwas zu krass. Meiner Meinung nach ist es aber genau das, was den Film so spannend und außergewöhnlich macht. Der Regisseur schafft auf diese Weise nämlich eine Welt, in der sich niemand sicher und schon gar nicht wohl fühlt. Für den Zuschauer scheint alles außer Kontrolle geraten und unberechenbar zu sein. Die Bildkomposition stimmt also genau mit der obskuren Handlung überein und erfüllt so den Anspruch, ein Thriller zu sein.

Und weil wir gerade bei dem sind, was den Film auszeichnet: Ein weiteres Sahnestückchen dieses Streifens ist seine Musik. Wiedererkennen werdet ihr vor allem das Harry Lime Motiv, das spätestens seit es im Film Der Schuh des Manitu verwendet wurde, auch unter uns Jüngeren weltbekannt ist. Anton Karas Zither Melodien, zu denen die Hauptfiguren durch das zerbombte Wien irren, klingen so gemütlich, dass sie die düstere Handlung beinahe ins Lächerliche ziehen. Sie sind wahrscheinlich das Einzige, was in diesem Klassiker an das klischeehaft schöne Wien erinnern, wie man es heute kennt.

Die Musik steht also im krassen Gegensatz zur Handlung, die sich im Laufe des Films immer mehr zuspitzt. Martins findet nämlich heraus, dass Harry Lime mit gestohlenem Penicillin handelt. Um dabei von niemandem gestört zu werden, inszenierte er seinen eigenen Tod und schlüpft in die Rolle des ominösen dritten Mannes. Bizarrer Weise betritt der Titelheld erst nach einer guten Filmstunde zum ersten Mal die Bildfläche. Glaubt man den Gerüchten, war das deshalb so, weil sich der koryphäenhafte Orson Welles erst ein paar Tage nach dem Drehbeginn ans Set bemühte. Carol Reed machte die Not zur Tugend und zeigte bis zu Welles Erscheinen einfach nur seine Schatten. Denn der konnte natürlich auch von anderen einfach und problemlos gemimt werden.

Zu allem Übel – und damit auch die obligatorische Liebesgeschichte eingebaut wird – verliebt sich der Autor in Harry Limes Ex-Geliebte Anna Schmidt (Alida Valli). Die schöne Tschechin, die sich illegal in Österreich aufhält, kann Harry aber nicht vergessen. So kommt eines zum anderen und die Geschichte schwingt sich in dramatische Höhen. Am Ende landen alle Protagonisten in der Wiener Kanalisation. Nach einer spannenden Verfolgungsjagd, die in einem Kriminalfilm natürlich nicht fehlen darf, stehen sich die beiden Freunde plötzlich gegenüber. Was ein wenig an einen Westernfilm erinnert, ist die traurige Schlüsselszene. Harry bittet seinen Freund um einen letzten Gefallen…

Dieser Filmklassiker ist also so, wie man es von ihm erwartet – traurig, bittersüß und, so viel sei schon mal verraten, ohne Happy End. Ein Antiheld geht unter. Der übrig gebliebene Freund muss mit dem schlechten Karma seiner Taten leben. Keine leichte Kost für Zartbesaitete. Und dennoch: klassisch gut und wirklich sehenswert.

Mariella

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT