Chivalry 2: Schwerter der Freude

Chivalry 2: Schwerter der Freude

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Köpfe fliegen von bezwungenen Körpern, Blutlachen bedecken die urigen Pfade eines Dorfes und vor mir versucht ein längst verlorener Feind mit nur noch einem Arm, auf mich einzuprügeln. Die rote Klinge meines Langschwertes erhebt sich zum finalen Hieb. Kurz darauf erlebe ich inmitten des brutalen Kriegstreibens den nächsten Slapstick-Moment, als ich mich per Katapult gen Frontlinie schleudern lasse.

Das Anfang Juni erschienene Mittelalterspiel Chivalry 2 zeigt sich als schnörkelloser Mehrspielertitel, der Massenschlachten mit Wucht, Witz und Tiefgang zu inszenieren weiß.SLEAZE + Chivalry 2

Bis zu 64 Spieler krachen aus der Ego- oder Third-Person-Perspektive in zwei auf Wunsch plattformübergreifenden Teams auf den aktuell acht Karten aufeinander. Es steht zudem eine Variante mit bis zu 40 Teilnehmern sowie ein Free-for-All-Modus für einige Maps, also klassisches Deathmatch, zur Verfügung. Leere Slots füllt das Spiel mit Bots auf.

Schon der 2014 erschienene Vorgänger erinnerte mit seinem Klassensystem und den je nach Spielmodus teambasierten Aufgaben an ein Battlefield im „dunklen Zeitalter”. Allein schon der Epoche wegen steht aber der dichtgedrängte Nahkampf im Mittelpunkt des Geschehens, der auch im Nachfolger dank dynamischem Kampfsystem unkoordiniertes Buttonmashing in der Regel mit dem Tod bestraft.

Denn wilde Knöpfedrücker sind die frühesten Opfer in Chivalry 2. Verschiedene Schlagvarianten, das Antäuschen und flüssige Wechseln des ausgewählten Hiebs, Spezialschläge, Konter und blockbrechende Tritte servieren ein spielerisch vielfältiges und zugleich leicht zu verinnerlichendes Offensivrepertoire. Dieses stellt im Zusammenspiel mit defensiven Spielarten wie Ausweichen und Blocken eine angenehm variantenreiche Kampfpalette bereit, welche sich im kompakten, launigen Tutorial flott erlernen und dank der unkomplizierten, butterweichen Steuerung leicht umsetzen lässt.

Die vier verschiedenen Grundklassen wie Ritter und Vorhut sind zudem nochmal in je drei überwiegend freispielbare Unterklassen aufgeteilt und unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Grundwerte Lebensenergie, Bewegungsgeschwindigkeit und Ausdauer sowie ihrem Waffen- und Ausrüstungsset deutlich voneinander, wodurch sich in Summe eine vielfältige Dynamik entspinnt.

Standfest sein

Das Aufeinandertreffen zweier oder mehr Krieger auf Augenhöhe kann sich wortwörtlich zu einem Ausdauerkampf hochschwingen. Die Ausdauer deines Charakters ist nämlich zentraler Ankerpunkt der Konfrontationen.

Flinke Ausweichmanöver und Blockhaltung zehren wie die schnelle Abfolge von Angriffen schmerzlich am physischen Durchhaltevermögen, das bei absoluter Erschöpfung in eine fast vollständige Wehrlosigkeit umschwenkt. Die führt etwa dazu, dass dir deine Waffe beim nächsten Feindtreffer aus den Händen geschleudert wird.

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Mittendrin im Mittelalter: Chivalry 2 inszeniert spektakuläre Nahkampf-Action.

Auch bestimmte Bewegungsabläufe wie das Ausweichen sind nicht mehr möglich und du kannst nur darauf hoffen, dass dir deine Kameraden zur Seite stehen oder du irgendwo eine kurze Verschnaufmöglichkeit findest, um Luft zu holen. Dazu zählt auch der wuselige Chaosfaktor bei größeren Ansammlungen, die sich vermehrt in einigen Flaschenhalspassagen bilden und ein kloppendes Durcheinander auslösen.

Dauerhaftes Knöpfedrücken Aug‘ in Aug‘ ist also selten eine sinnvolle Vorgehensweise. Timing ist Trumpf. Daraus ergeben sich teils längere Taktikduelle mit wuchtigem Trefferfeedback. Die Körperlichkeit der Auseinandersetzung manifestiert sich brachial in Bild und Ton bei mindestens flüssigen 60 Bildern pro Sekunde (getestet wurde auf der Xbox Series X), wenn Schwerter, Äxte und Morgensterne klirrend aufeinanderkrachen und sich ihre geschmiedeten Häupter allmählich vom Rot des Feindes und der Freunde gefärbt zeigen.

Der Teamschaden ist standardmäßig in entschärfter Form aktiviert, was sich gerade angesichts der Tendenz von Rudelbildungen als eine sinnvolle Designentscheidung herausstellt. Vor dem Ableben hast du manchmal zudem die Möglichkeit, mit etwa abgetrenntem Arm noch einmal händisch auszuteilen oder auf allen Vieren bei herunterlaufender Lebensanzeige in Sicherheit zu kriechen, damit dich ein Mitglied der eigenen Fraktion wieder auf die Beine stellen kann.

Jeder Kämpfer startet indes mit einer Bandage, die an Versorgungskisten oder durch die Fähigkeit bestimmter Klassen wieder aufgeladen wird. Allerdings wird die Energie bei Einsatz nicht sofort vollständig wiederherstellt, sondern regeneriert sich langsam wieder. Ein sinnvolles und zugleich kein übermäßig starkes Werkzeug, denn es entschleunigt die Gefechte, in denen selbst der stärkste Ritter nur wenige Schläge einstecken kann, zumal sich ohne Heilboosts nur ein kleiner Teil des Lebensbalken langsam regeneriert.

Den Entwicklern der Torn Banner Studios gelingt so ein anspruchsvolles, eher selten frustrierendes Schlachtengemälde für Mehrspieler, das bis auf wenige Ausnahmen im kompetitiven Gleichgewicht ist. Nahezu keine der insgesamt zwölf Klassen ist eine Übermacht, sondern fügt sich je nach Vorliebe bedacht ins Ensemble des mittelalterlichen Kriegsballetts ein. Ein Cooldown bremst dazu den Einsatz charakterspezifischer Spezialfertigkeiten, darunter den Einsatz von Brandbomben und das Aufstellen von heilenden Bannern oder Feuerköchern für Bogenschützen.

Apropos: Die Fernkämpfer sind mir noch ein kleineres Dorn im Auge der Balance. Ich glaube, dass Multiplayermassenschlachten oftmals besser ohne Scharfschützen funktionierten. In Battlefield etwa wird die gesamte Teamdynamik teils spürbar ins Wanken gebracht, wenn ein größerer Teil als Sniper aus der Distanz agiert und somit beim Sturm auf die Ziele nicht zur Verfügung steht.

Dank einer Limitierung der entsprechenden Klassen zieht diese frustrierende Wolke nie über die Schlachtfelder von Chivalry 2, aber besonders der freizuschaltende Armbrustschütze richtet verhältnismäßig großen Schaden mit seinem gespannten Tötungsgerät an. Jedoch muss er das immerhin relativ lange nachladen.

Zudem bieten die Maps oft ausreichend Deckungsmöglichkeiten und Flankenläufe, um den pfeifenden Geschossen auszuweichen, die ansonsten wie andere spitze Flugkörper im Körper steckenbleiben. Sicher abwehren lassen sie sich mit einem Schild, dessen Haltbarkeit aber begrenzt ist.

Erzählter Fokus

Die Schlachtfelder selbst sind narrativ in eine größere Hintergrundgeschichte eingebettet, die in verschiedenen Szenarien vom Konflikt zwischen den Rittern von Agatha und dem Mason-Orden erzählen. Im Menü selbst lässt sich noch viel mehr von der Lore des Spiels in Texten und Videos erfahren.

Diese erzählerische Kontextualisierung gibt dem Geschehen ein Stück weit zusätzliches immersives Gewicht. Auch verstärkt es das Gefühl, in einer größeren Welt für die eine oder andere Seite zu kämpfen, zumal Chivalry 2 seine Konfrontationen mit kleinen Einführungen wie couragierten Ansprachen vor Kampfbeginn in Szene setzt.

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Da fliegt sie, die Birne.

Ein epischer Hauch weht über die vom Krieg gezeichneten Felder, Ortschaften und Burgen. Zu ihnen baut man zudem ein räumliches Verhältnis auf. Während einer Belagerung vor den Toren einer Stadt bereits in der Ferne das finale Ziel erspähen zu können, macht die Welt größer und zusammenhängender. Man weiß, wofür man kämpft.

Abgesehen von den auch im Deathmatch verfügbaren Arenakarten wie offenes Feld oder eben eine mit Fallen bestückte Arena, finden die Auseinandersetzungen in verschiedenen Phasen statt. Bevor die blauweißen Ritter Agathas etwa einen Thronerben der Masons töten können, müssen vorher Belagerungstürme an den von Mauern eingeschlossenen Ort geschoben, bestimmte Punkte am Tor eingenommen und Zelte verbrannt werden.

An anderer Stelle stürmen die in Schwarzrot gekleideten Masons über bearbeitete Acker auf ein Dorf zu mit dem Ziel, es zu plündern und ein Massaker unter der Bevölkerung anzurichten, in deren Rolle die Verteidiger zu Beginn in Gestalt von kaum wehrfähigen Bauern sogar selbst schlüpfen.

Es ist also ein ständiges Aufeinanderprallen offensiver und defensiver Absichten, die mit spielerischer Abwechslung somit auch innerhalb der teils langen Runden einhergehen. Diese Runden sind entweder durch das Erreichen des letzten Angreiferziels – bei Team-Deathmach durch ausreichend Tötungen sowie grundsätzlich durch die heruntertickende Zeit – begrenzt, die bei jeder abgeschlossenen Kampfphase zusätzliche Minuten erhält.

Chivalry 2 macht dabei eine verspielte und zugleich aufs Spielerlebnis fokussierte Figur. Trotz Anpassungsmöglichkeiten wie körperliche Veränderungen, freispielbarer Kleidungsstücke und Waffenskins blinkt das Menü nicht bunt auf vor lauter Zusatzinhalte, um die manch andere Multiplayertitel geradezu aggressiv werben.

Stattdessen kommt lediglich die etwas teurere Special Edition mit exklusiven, rein dekorativen Items sowie einem Boost für die Ingamewährung einher. Doch keine Sorge: Schnell kommst du in dem Spiel an ausreichend Geldmittel, um auch abseits der Standardkleidung hie und da etwas der Spielwelt Angemessenes an Helm und Rüstung sowie dem grundsätzlichen Aussehen deiner Figuren zu verändern – sofern du entsprechende Gegenstände und Dekorationen durch Erreichen eines bestimmten Erfahrungslevels freigespielt hast.

Spielerische Vorteile durch Echtgeldeinsatz gibt es ebenso wenig wie die knallbunte Verzierung deiner Recken. Rosafarbene Klingen brauchst du also nicht zu fürchten, keine Sorge.

Die Hinwendung zum spielerischen Kern ergießt sich mit vielen Details in dem Mittelalterspektakel und belohnt Entdecker, da nicht jedes Element via optionaler Tutorialtexte erklärt wird. Die Belohnung ist nicht immer von unmittelbarem oder großem Wettbewerbsvorteil, sondern unterfüttert das atmosphärische Eigenleben des Titels.

Was ist eigentlich mit dem Huhn da vorne? Ich kann es aufheben und mit Druck auf die ihrerseits rein spielerisch vorteilslose Kampfschreitaste sogar gackernd in den Himmel strecken, nur um es wenige Momente später einem Feind um die Ohren zu schmeißen.

Das geht im Übrigen mit nahezu allem, was sich im Kriegstreiben so finden lässt: Abgeschlagene Köpfe fliegen ebenfalls weit, dicke Fässer dagegen weniger. Alles lässt sich aufheben und als Waffe, Wurfobjekt und Nahrung wie Brot, Fische und Bier sogar als kleine Heilungskits verwenden, Letzteres sogar mit kleinem Alkoholisierungseffekt. Da ist es selbstredend, dass natürlich auch die fallengelassenen Schwerter, Bögen & Co. von Freund und Feind wiederverwendbar sind.

Stumme Mitstreiter

Der Slapstick ergibt sich daraus eben auch in der Interaktion mit der an sich brutalen Spielwelt, deren Gewaltdarstellung durch die nachvollziehbare Körperphysik an Intensität und Komik gewinnt.

Gerade die mächtigen Katapulte und stationären Ballista saugen den Getroffenen gehörig die Schwerkraft aus den Knochen, wobei schon ein beherzter Todestreffer den Feind gewaltsam, je nach Trefferwinkel womöglich leicht überzeichnet gen Jenseits schleudert.

In der englischen Originalsprache klingen die zahlreichen, per Radialmenü auswählbaren und flott geschriebenen Befehle, Beleidigungen und Aussprüche darüber hinaus teils herrlich albern, sodass ein ineinandergreifender Kontrast zwischen mittelalterlichem Gemetzel und skurrilem Witz entsteht.

Die während der Matches manchmal umherwandernden NPCs geben auch immer wieder einige humoristische Spitzen von sich und blubbern vor sich hin, nur um sich im nächsten Moment eine Axt im Kopf einzufangen.

Schade nur, dass man sich aktuell eher alleine darüber freut, denn der fehlende Voice Chat sowie die Abstinenz von Squads führen zu einer gewissen Distanz seiner Mitspieler, die letztlich gesichts- und stimmlose Mitstreiter bleiben.

Der Teamgedanke könnte zudem mehr Belohnung im mannschaftsdienlichen Spiel vertragen. Zwar funktioniert das gemeinsame Voranpreschen insgesamt gut, doch die meisten Punkte gehen eher an besonders tötungsbefähigte Spieler, was nicht zwangsläufig mit dem Erreichen des Ziels einhergeht.

Dabei sind Statistiken völlig egal: Eine Aufzeichnung der Kill-Death-Ratio, also das Verhältnis zwischen getätigten Tötungen und dem eigenen Ableben, fehlt gänzlich. Wie wunderbar. Denn es ist jener K/D-Wert, mit der manche Spieler ihre vollständige Existenz innerhalb und außerhalb der virtuellen Auseinandersetzung zu definieren scheinen. Wer hat den Größten? Wen interessiert‘s, sage ich.SLEAZE + Chivalry 2

Chivalry 2 ist ein brutales wie witziges Multiplayerspiel, das es geradlinig mag. Modernen Versuchungen der Monetarisierung widersteht es ebenso wie ablenkenden Zahlenspielchen. Kommende Inhalte wie neue Karten und Modi gibt es zudem für lau.

In seinem spielerischen Zentrum entfaltet sich ein vielschichtiges, aber nicht überforderndes Nahkampfsystem in einer gewalttätigen wie komödiantischen Mittelalterwelt, die überrascht und stets atmosphärischer Ausdruck eines im Hintergrund schwelenden Konflikts ist.

Aktuell gibt es in der ansehnlichen Kulisse noch einige kleinere technische Stolperer, darunter nicht abgespielte oder bei Katapulttreffern abgehackte Animationen sowie fehlender Ton bei den im Menü zu findenden Videos.

Auch das Respawn-System irritiert mit ungenauen oder zurückgesetzten Einstiegszeiten nach einem Klassenwechsel. Doch das sind vergleichsweise kleine Ungereimtheiten in einer ausgeklügelten Mehrspielergaudi, die im Nahkampf brilliert, herausfordert und doch jeden mit offenen Armen in ihrer faszinierenden Spielwelt empfängt.

Alex

Titel: Chivalry 2
Entwickler / Publisher: Torn Banner Studios / Tripwire Interactive & Deep Silver
VÖ: 08.06.2021
Plattform: PlayStation 4/5, Xbox One, Xbox Series X/S, PC (Microsoft Windows)

Getestet wurde Chivalry 2 auf der Xbox Series X. Näheres zu den Fassungen und ihre technischen Eigenheiten findest du auf der offiziellen Seite des Spiels.

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