Black Widow: Marvels Filmmaschine rattert wieder

Black Widow: Marvels Filmmaschine rattert wieder

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Nach zwei Jahren Leinwandabstinenz ist Marvel zurück auf der großen Leinwand. Damals im Frühjahr 2019 avancierte der filmgewordene Kniefall vor der Anhängerschaft in Form von Avengers: Endgame zwischenzeitlich zum kommerziell erfolgreichsten Film überhaupt. Und wenig später unternahm der Spinnenmann seinen Europatrip in Spider-Man: Far From Home.

Es brauchte erst eine Pandemie, um den nicht enden wollenden Strom neuer Produktionen aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU) zu stoppen. Wobei: Zwischenzeitlich erschienen immerhin vier neue Serien des gigantischen Franchises.SLEAZE + Black Widow

Black Widow ist der erste Filmableger aus der inzwischen vierten MCU-Phase, der neben seiner Kinoauswertung auch zeitgleich bei Disneys Streamingdienst Disney+ gebührenpflichtig erscheint. Drei weitere Streifen sollen in diesem Jahr noch auf die Kinos losgelassen werden. Die Maschine der Marvel Studios ist nach Corona bedingter Zwangspause auch auf dem Silver Screen wieder entfesselt. Für die kampferprobte Schwarze Witwe gilt das nur bedingt.

Die Kinoreihe tat sich nie als besonders filmemacheraffiner Ort hervor. Ja, es gab diese zumindest stilistisch etwas herausbrechenden, farbenfrohen Ableger à la Thor 3: Tag der Entscheidung von Taika Waititi oder die unter James Gunn entstandenen beiden Guardians of the Galaxy-Filme.

Letzten Endes waren aber auch sie nur Bausteine in einer Festung, die nicht in Filmen träumt, sondern in Phasen denkt. Charaktere mit Meme-, aber nur geringem Seelenpotenzial verkloppen sich in teils recycleten Actionsequenzen, deren Einstellungen teils einander gleichen. Es ist die Befriedigung der so genannten Fans in besetzten Kinosälen, die eher zum Veranstaltungsort für Events denn Traumorte umfunktioniert werden.

Der Traum der Vergangenheit

Dabei träumt sie zu Beginn, diese schwarze Witwe. Als Ursprungsgeschichte setzt der Film im Ohio des Jahres 1995 an und zeigt die noch kindliche Protagonistin Natasha unbeschwert mit ihrer Schwester Yelena in der Nachbarschaft einer Kleinstadt im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten herumtollen.

Befreit vom Druck einer voranpeitschenden Erzählung erzeugt die Kamera intime und zugleich dahintreibende Stimmungsbilder, in denen Glühwürmchen an einem lauen Sommerabend ins Staunen versetzen. Sich verrenkend transformieren sich die Geschwister denn fast selbst in ein sympathisches Insektenpaar, doch beim Abendessen mit ihren Eltern Melina (Rachel Weisz) und Alexei (David Harbour) kippt die Stimmung. Ihre wortlosen Erscheinungen sagen alles. Sie müssen fliehen.

Wenig später folgt ein 21 Jahre großer Zeitsprung in eine Ära, in der das Superheldengespann der Avengers zersplittert und Black Widow (Scarlett Johansson) nach den Ereignissen in The First Avenger: Civil War auf der Flucht ist.

Für die inzwischen abgelegen in Norwegen lebende Superheldin steht bald aber ein ungewollter Trip gen Osteuropa bevor. Der vereint sie in Budapest zunächst mit ihrer Schwester Yelena (Florence Pugh), die in der Zwischenzeit ebenfalls zur effizienten Mörderin ausgebildet wurde und ihren Auftraggebern während einer Mission den Rücken kehrte.

SLEAZE + Black Widow
Schwesterliches Duo auf der Flucht.

Der Fokus auf das flüchtige Duo wider Willen kommt dem Streifen in Sachen Charakterzeichnung entgegen, denn so umschifft er die Last einer Figurenjonglage großer Superheldenmannschaften. Stattdessen hier ein launiges und zerrüttetes Gespann, das sich besonders in der Annäherungsphase Zeit für seine inneren Spannungen nimmt.

Da mag man zuweilen glatt vergessen, dass sich der Film um eine Superheldin dreht. Black Widow war ja ohnehin immer ein Mitglied aus den Reihen der Avengers, das eher mit hochausgebildeten Kampfkunstfertigkeiten denn mit magieähnlichen Superkräften auftrat.

Und so erinnern zumindest Teile des Films eher an einen ortswechselnden, vergleichsweise geerdeten Actionfilm als an das weltenzerstörende Spektakel von einst. Die große antagonistische Kraft ist denn auch eine von der eigenen traumatischen Vergangenheit geprägte. Die Weltenrettung muss der Vergangenheitsbewältigung weichen.

Hierfür heftet Regisseurin Cate Shortland den mysteriösen Taskmaster an die Fersen der titelgebenden Spinnenfrau, der durch ausgeprägtes Mimikry sämtliche Kampfstile annehmen kann. Der stumme Gegenspieler mit Maske tritt etwa als Schildwerfer wie ein finsterer Captain-America-Verschnitt in Erscheinung, beweist aber auch, dass er es wohl mit Bogenschießer Hawkeye aufnehmen könnte.

Es wird laut

Er avanciert zu einem stoischen Symbol einer leicht angerauten Entspanntheit des Films, der bis zu manchen Kipppunkten geradlinig unheroisch verläuft. Selbstreferenziell schmettert der Streifen Heldenreden ab und die so angestrengte wie anstrengende Humorparade früherer MCU-Streifen ist auf angenehmer Zimmertemperatur.

Mit fortschreitender Laufzeit übernimmt der Autopilot des Franchises aber zunehmend die Kontrolle. Dann kracht es doch wieder gehörig unter dem Einsatz allzu deutlich aus der Kulisse herausbrechender Spezialeffekte und die sich breit machende Katharsis verwässert die Schwere jahrelanger innerer Zerrissenheiten.

Es ist eben doch ein Film für die leichten Massenmägen, der seine charakterlich existenziellen Hintergründe um Themen wie Familienspaltung, Gedankenkontrolle und des Wertes von Leben an sich der inzwischen wie von selbst laufenden, seichten Unterhaltungsmaschine der Reihe opfert.

Das ist nichts Schlechtes per se. Seichtes Popcornkino steht sein Platz ebenso auf der großen Leinwand zu. Es ist wieder einmal eine Frage des Wie.

Und die gesehene Antwort war eine, die mich ermattet aus dem Kinosaal zurückgelassen hat im Angesicht der erneut zum größten Teil verschnittenen Actioneinlagen, in der die Kameralinse ständig wackelnd aus nahen Winkeln verzweifelt versucht, das Vorgetragene irgendwie zu visualisieren.

Die Handschrift einer Filmemacherin zerberstet erneut unter dem Ballast erzählerischer Abflachung und des Computereinsatzes, der in MCU-Filmen das Spektakel nicht aufwertet, sondern einen Keil zwischen seinem initialen Weltenbau und seiner künstlich dreinblickenden Realität treibt.

Es ist erstaunlich, wie immersionszerstörend die Effekte in einer Produktion mit kolportierten mehr als 200 Millionen US-Dollar aussehen können. Der Film ist zwar nicht komplett verloren, aber die anfangs so verträumte Spinne wird bald handzahm dargereicht.

Der Krach begräbt seine Charaktere, die nur noch als reaktionäre Handlanger im Kampf Gut gegen Böse in Erscheinung treten. Das Böse ist hier wirklich überdeutlich Böse, wenngleich Ray Winstone einen herrlich finsteren Strippenzieher verkörpert, dem noch ein eigener tragischer Fleck aufgedrückt wird, um ihm zumindest einen Hauch von Ambivalenz zuzugestehen.

SLEAZE + Black Widow
Der Taskmaster à la Hawkeye.

Das Potenzial der Vielschichtigkeit zeigt sich prägnanter noch in den von Rachel Weisz und David Harbour gespielten Eltern Black Widows, die nach über zwei Dekaden wie ihre Kinder distanzierte Gegenpole bilden. Wenn sie doch nur mehr Zeit hätten und ihre Spannungen auch in der Hektik funken würden.

Doch wenn das Drehbuch besonders in einer späteren Phase das Tempo mit reichlich Lärm anzieht und Fäden auch mit Hinzunahme von fragwürdigen Abkürzungen zueinander führen will, bleibt nicht mehr viel übrig vom Familiendrama. Am Ende rattert sie lautstark, die Maschine, die am Ende wenig schwere Konsequenzen, sondern kuschligen Konsens ausspuckt.

Alex

Titel: Black Widow
Kinostart: 08.07.2021
Streamingstart: 09.07.2021 (bei Disney+ via gebührenpflichtigem Premier Access; im regulären Abo ab 06.10.2021 für die USA bestätigt, wobei der Termin auch für Deutschland gelten dürfte)
Dauer: 133 Minuten
Genre: Action, Abenteuer, Science-Fiction
Produktionsland: USA
Filmverleih: The Walt Disney Company

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