Berlin Art Week: Phantasievoller Profit?

Berlin Art Week: Phantasievoller Profit?

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Visionen der Zukunft - Halil Altindere: Space Refugee
Visionen der Zukunft – Halil Altindere: Space Refugee

Wir sollten die Flüchtlinge auf den Mars schicken! schlägt Halil Altindere vor. Er drehte für diese Mission gar ein Video, in dem die Möglichkeiten aufgezeigt werden. Dessen grellen Farben erhellen die dunklen Räume des Neuen Berliner Kunstvereins in Mitte. Neben dem Film präsentieren sich die Exponate: eine Kartoffelpflanze in der einen, ein Mars-Rover in der anderen Ecke, in der Mitte steht eine Frau und schaut sich eine Videopräsentation des Marslebens mit einer VR-Brille an. Ein Haufen Ironie paart sich hier mit maßlosen Übertreibungen, verpackt in der Kunstausstellung Space Refugee. Halil will auf die Skurrilität der Flüchtlingsdebatte aufmerksam machen. Seine Ausstellung fand ihren Auftakt in der Berlin Art Week, in der sich neben vielen kleineren Spektakeln die Messen Art Berlin Contemporary (ABC), die Positions und die Berliner Liste präsentieren. Kritik finden wir auch hier, einerseits durch die Exponate, anderseits durch die Besucher.

Enttäuschende ABC

Bei der ABC gehen viele mit einem Fragezeichen heraus: Gurken, die sich in abstrakten Formen übereinanderstapeln, ein Video, in denen sich Sequenzen schamanischer Rituale mit denen einer Schafsherde abwechseln oder ein Bild nur aus Emojis bestehend. Die ABC verkleinerte sich zwar im Laufe der Jahre von drei auf eine Halle, „nun ist es aber konzentrierter“, meint eine ältere Besucherin, die schon seit den Anfängen dabei ist: „Es ist oberflächlicher geworden: Viele Eyecatcher sind dabei, aber nichts dahinter.“ Zwei Künstler sind ebenfalls skeptisch: „Die Leute, die hier ausstellen, zahlen ziemlich viel Geld und hoffen darauf, viele reiche Sammler anzuziehen.“, erzählt eine der beiden: „Sobald es aber um Geld geht, ist kein Platz für Experimente.“ Sehr zu Lasten der Besucher: Die meisten, mit denen wir sprechen, sind enttäuscht, nur einige wenige finden, dass die Messe durch die Jahre besser geworden ist.

Phantasievolle Positions

Die Positions hingegen setzt sich mit leichter, verständlicher Kunst auseinander, wenn auch diese immer noch viel Raum für Phantasie lässt. Da erhebt sich ein Gebilde aus bunten Seilen, Nacht genannt, die an Konstruktionen auf Goa-Partys erinnern. Weiter im Gang findet sich eine riesige Zeichnung, die komplett die Perspektiven verzerrt und einmal um die Ecke ein „normales“ Gemälde, in dem aber einige Punkte dermaßen mit Farbe verwischt wurden. Die Besucher schlendern hindurch wie in einem Traum, begeistert von ihren Visionen.

Embryonen auf der Berliner Liste

Zwischen den grauen Betonwänden eines alten Kraftwerks befinden sich die Ausstellungsräume der Berliner Liste. Irrungen und Wirrungen begegnen uns auch hier, allerdings fast nur im Eingangsbereich: Eine geschwungene Stahlkonstruktion, knapp zwei Meter groß, positioniert sich als eines der ersten Exponate. Harte Stahlseile verbiegen sich zu weichen Formen und sollen einen Embryo formen – das erzählt zumindest der Künstler, Kang Mu Xiang. Durch seine etwas überschaubare Größe und den Rauschebart erinnert er an Ai Weiwei – wäre da nicht das volle Haar und ein wilderes Aussehen. Seine Embryonen symbolisieren Geburt. Kang schließt dabei die Augen, als er von der Erde und ihrer Umwelt erzählt: dass sie Liebe bräuchten. Deswegen fertigte er die Figur aus Materialien, die längst weggeschmissen werden sollten: alten Fahrstuhlseilen aus dem ehemals höchsten Gebäude der Welt, dem Taipei 101. Eine Skulptur steht in Taiwan vor dem Gebäude.

Kangs Kunstwerke passen in das Bild der Berliner Liste: Denn eine ganze Etage zeigte diesmal den asiatischen Bereich. Außerdem soll hier dem Experimentellen ein Rahmen gegeben werden, Kunstwerke, die nicht direkt zur ABC oder Positions passen. Somit finden auch Graffiti oder Pop-Art Einlass. Oder auch Kangs Skulpturen.

Zwischen den Messen

Während sich auf der Positions und ABC die großen Galerien präsentieren, sollen bei der Berliner Liste die Künstler „ein Recht darauf haben, sich selbst vermarkten zu dürfen“, so der Direktor Jörgen Golz. Hier könne fast Jede(r) hin. Das falle aus dem Konzept der Berlin Art Week. Eine Künstlerin findet gerade das an der Berliner Liste so angenehm: „Hier habe ich die Chance, Galeristen und Künstlern auf einer Augenebene zu begegnen.“

Eine Ausnahmesituation? Kunst ist und bleibt ein hartes Gewerbe. Die Künstlerin erzählt weiter, dass man nicht einfach zu einer Galerie hingehen und sich vorstellen könne – „das wäre ja wie Prostitution!“ … zumindest aus der Sicht der Galeristen: „Ich muss durch Zufall bei einer Vernissage oder ähnlichem anwesend sein, einem Galeristen dort von meiner Kunst erzählen – ohne mich natürlich in den Vordergrund zu stellen – und dann muss diesem meine Kunst auch gefallen.“

Unser Resümee

Hält der Betrachter dank einer App auf dem Smartphone dessen Kamera auf ein Bild von Jordan Seiler fängt sein Inhalt sich an zu bewegen (siehe Frau unter dem Schild)
Eine unser wenigen technischen Erfahrungen auf der Art Week: Hält der Betrachter dank einer App die Smartphone-Kamera auf ein Bild von Jordan Seiler, fängt sein Inhalt an, sich zu bewegen (siehe Person unter dem Schild)

Wir bleiben am Ende zwiegespalten zur Berlin Art Week in diesem Jahr: Einerseits sahen wir viele beeindruckende Kunstwerke, anderseits aber die Kluft zwischen Künstlern, die unbedingt auf eine Entdeckung hoffen und welchen, die es schon geschafft haben und ein wahres Business aus ihrer Kunst machten. Letztere bei der ABC, erstere auf der Berliner Liste. Die Positions gestaltet sich als Mix aus ihnen, jedoch eher zu den bekannteren Künstlern tendierend. Bei allen Messen spielt Geld eine maßgebliche Rolle. Wir sagen: Stattdessen gehen da noch mehr Experimente (z.B. mehr Technik wie bei der VR) und noch mehr Phantasie! Ohne Rücksicht auf Verluste.

Fotos und Text: Lisbeth

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