Zuckerrohr statt Erdöl – Wird LEGO in Zukunft nachhaltig?

Zuckerrohr statt Erdöl – Wird LEGO in Zukunft nachhaltig?

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Geht die Welt bald vor die Hunde? Während im Amazonas, der Lunge der Welt, zehntausende von Bränden herrschen, brettern reiche Konsum-Schnösel in ihren SUVs über die Straßen. Aber wahrscheinlich können sie gar nicht so rasen, weil die Innenstädte sowieso vollgestopft sind.

SLEAZE + Lego-Baum
Das sind keine Quallen!

Aber es ist ja auch nicht so, dass sich nicht was regen würde unter den Menschen. Nur eben sehr langsam. Spätestens seit Fridays for Future wurden wahrscheinlich ein paar mehr aus ihrem egoistischen Kapitalismus-Konsum-Schlaf gerissen.

Wo hakt’s?

Bei der Diskussion über einen nachhaltigeren Lebensstil ist der Verbrauch von Plastik ein großes Thema. Strände und Ozeane ersticken förmlich in Plastikmüll und Meerestiere müssen darunter leiden.

Zahlreiche Länder haben schon reagiert. Laut Spiegel Online haben bereits 61 Staaten ein Verbot von Plastiktüten eingeführt, während in 83 Staaten deren Vertrieb nicht mehr kostenfrei ist. Vorreiter sind afrikanische Länder wie Ruanda, Kenia und Tansania.

Mit dem Verbot von Einwegplastik innerhalb der EU ab 2021 hinken die meisten EU-Länder etwas hinterher. EU-Spitzreiter in der Produktion von Verpackungsmüll ist übrigens Deutschland. Dem Umweltbundesamt zufolge wurden 2016 satte 220,5 Kilo Verpackungsabfall pro Kopf verursacht.

LEGO hat ein großes Ziel

Ergo: weniger Kunststoff! Das hat sich jetzt sogar der weltweit größte Spielzeughersteller zum Vorsatz gemacht. Ja, genau: Lego. Die Firma mit den vielen Plastikbausteinen! Das dänische Unternehmen brachte im August 2018 die ersten Legosteine auf pflanzlicher Basis auf den Markt.

Dabei handelt es sich um Lego-Pflanzenelemente wie Blätter, Büsche und Bäumchen, die aus pflanzlichem Polyethylen angefertigt werden. Das Polyethylen wird aus Ethanol hergestellt, welches wiederum aus Zuckerohr erzeugt wird. Die neuen Legopflanzen sollen der erste Schritt von LEGO sein, bis 2030 alle Produkte aus nachhaltigen Materialien anzufertigen.

Um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, erweitert der Spielzeughersteller die Partnerschaft mit dem WWF und plant die Einstellung von neuen Bio-Lego-Forschern.

„Der Klimawandel ist eine große Herausforderung für unseren Planeten und die LEGO Gruppe ist mit dafür verantwortlich, dass wir unsere Auswirkungen auf den Planeten minimieren.“

(Marjorie Lao, CFO der LEGO Gruppe)

Das LEGO Ideas Baumhaus – nachhaltiger als gewöhnliches Lego?

Das hört sich ja erst mal gut an. Aber nicht nur, dass allein der WWF immer mal wieder in die Kritik gerät – wie realistisch ist dieses Ziel und wie nachhaltig ist bzw. wird LEGO wirklich?

SLEAZE hat sich ein Legoprodukt mit den enthaltenen pflanzlichen Elementen mal genauer angeguckt: Das LEGO Ideas Baumhaus (21318). Auf einer grasgrünen Grundplatte prangt jetzt ein 37 cm hoher Lego-Baum mit beweglichen Ästen und drei Baumhaushütten: Eltern-, Kinder- und Badezimmer.

Zwischen Flaschenzug, Vogelhäuschen, Märchenbüchlein, Kuckucksuhr, Lagerfeuer und Mini-Kompass ist die Liebe zum Detail von Lego-Fan-Designer Kevin Feeser (der im echten Leben übrigens Friseur ist) unübersehbar. Und das merkt man beim Aufbau: Dieses 3.036-teilige Bäumchen aufzubauen, dauerte Stunden.

SLEAZE + Lego-Baum
Selbst das Baumhaus ist beeindruckend detailliert

Und was ist mit den Zuckerrohr-Steinchen? Die gibt‘s auch. Das Set ist bisher die „größte Sammlung von LEGO Elementen aus nachhaltigen Rohstoffen.“ (LEGO) Über 180 Teile, das Blattwerk (das auch in gold-brauner Herbstedition enthalten ist) und Pflänzchen sind auf pflanzlicher Basis hergestellt worden.

Das mag erst mal viel klingen, aber im Vergleich zu den insgesamt 3036 Teilen ist es echt wenig. Um genau zu sein rund 6%. Der Rest sind also herkömmliche Lego-Steinchen. Hinzu kommt, dass die einzelnen Teile in mehreren Plastiktüten verpackt sind. Manchmal auch in Plastiktüten in Plastiktüten, was schon ziemlich unnötig ist.

Was steckt hinter dem Zuckerrohr-Lego?

Naja, es ist ja trotzdem ein Anfang, oder? So eine Umstellung braucht ja schließlich Zeit, nicht wahr? Also, was grundsätzlich gut ist: LEGO verwendet zur Herstellung der neuen Steine eine Alternative zu Erdöl, aus dem das Plastik sonst hergestellt wird und dessen Förderung und Verbrennung sehr umweltschädlich ist.

Wenn man tiefer buddelt, findet man jedoch viele negative Aspekte: In der Süddeutschen Zeitung stellt Sandra Schöttner, Expertin für Meere und Biodiversität bei Greenpeace, Tacheles:

„Nur weil ein Kunststoff aus einer organisch nachwachsenden Rohstoffquelle gewonnen wird, heißt es nicht, dass er biologisch abbaubar und damit auch besser für die Umwelt ist.“

Na gut, das Spielzeug soll ja auch nicht im Kinderzimmer verrotten, aber „viele Jahrhunderte“ (Sandra Schöttner) muss so ein Legostein wirklich nicht leben. Darüber, wo genau das Zuckerrohr für die Legosteine angebaut wird und wie die Nachhaltigkeit garantiert wird, macht LEGO keine genauen Angaben.

Im Allgemeinen wird Zuckerrohr auf riesigen Feldern angebaut, vor allem in Brasilien, dem weltweit größten Zuckerexporteur. Der Anbau braucht massenhaft Platz, mitunter wird zur Vergrößerung der Plantagen auch Regenwald abgeholzt. Damit wird immer mehr zur systematischen Zerstörung des Regenwaldes für wirtschaftliche Zwecke beigetragen.

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro will weiterhin Schutzgebiete der indigenen Bevölkerung zur Abholzung freigeben. Laut Spiegel Online wurden im Juni 2019 „60 Prozent mehr Regenwald gerodet […] als im gleichen Monat des Vorjahres.“ Und wo das hinführt, zeigen neueste Satellitenbilder: über 80.000 Brände in Brasilien, die so schwer wüten wie seit Jahren nicht.

Es lässt sich also infrage stellen, wie nachhaltig die neuen Lego-Steinchen auf Zuckerrohrbasis wirklich sind. Bisher können auch nur weichere Elemente so hergestellt werden, für die üblichen härteren Steinchen ist das Zuckerrohr-Polyethylen keine Alternative.

Alles nur eine Marketing-Strategie?

Also ist alles für die Katz und LEGO ein Möchtegern-nachhaltiges Unternehmen, was eine krasse trendige pseudo-umweltfreundliche Marketingstrategie entwickelt hat? Ein bisschen schon.

SLEAZE + Lego-Baum
Sisyphos-Arbeit – auch für LEGO

Aber man kann LEGO trotzdem nicht durch und durch schlechtreden. In Zusammenarbeit mit dem WWF hat der Spielzeughersteller wirklich schon einige Nachhaltigkeitsziele erreicht. Auf der LEGO-Website heißt es:

„Wir decken unseren Energiebedarf zu 100 Prozent mit Energie aus erneuerbaren Ressourcen, mithilfe […] [von] zwei Offshore-Windparks.“ Das Unternehmen erstrebe eine geringere Umweltbelastung und forsche weiterhin an nachhaltigen Alternativen für Legosteine.

Weitere Ziele seien dabei die Produktionsabfälle und CO2-Emissionen in der Lieferkette zu reduzieren. Machbar sind diese Vorsätze auf jeden Fall.

Doch solange international die bisherige Kapitalismuslogik weiterläuft und die gesellschaftlich ignorierte Überbevölkerung der Menschheit zunimmt, werden so kleine Aktionen wie das Zuckerrohr-Lego kaum etwas bringen.

Nele

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