Zero Days: Die Kriege, die da kommen

Zero Days: Die Kriege, die da kommen

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Krieg! Wer gehofft hatte, mit dieser Geißel der Menschheit würde es bald mal ein Ende haben, der schaue sich die neue und sehr informative Doku von Alex Gibney an: Zero Days. In dieser geht es um Perspektiven der Kriegsführung im 21. Jahrhundert und interviewt werden hauptsächlich Geheimdienstler aus den USA und Israel. Ach ja, und ein paar andere Leute, die vielleicht etwas beitragen könnten: Antivirus-Experten von z.B. Kaspersky Lab oder Symantec. Krieg und Geheimdienst: Okay. Aber was hat Krieg mit Antivirus-Labs zu tun? Ganz einfach: Nicht nur dein heimischer PC kann mit einem fiesen Virus infiziert werden, sondern beispielsweise auch Atomanlagen! So bereits geschehen im Iran um das Jahr 2010 herum. Denn in der heutigen digitalisierten Welt wird alles von kleinen Rechnern gesteuert. Und alles, was mit Einsen und Nullen arbeitet, kann auch gehackt werden!

Der Wurm kriecht los
Der Wurm kriecht los

Doch gehen wir einmal ein paar Schritte zurück und verschaffen uns einen kleinen Überblick über beteiligte Player, Hintergründe und Motive. Denn: Die Thematik ist komplex. Israel und die USA wollen verhindern, dass der „Schurkenstaat“ Iran in den Besitz der Atombombe gelangt. Deshalb war Mitte der Nuller Jahre von Israel bereits ein Luftwaffenangriff auf iranische Atomanlagen geplant, was einen großen Krieg hätte auslösen können. Die USA entschieden sich dann aber für eine „elegantere“ Methode und programmierten einen Wurm, den sogenannten Stuxnet-Wurm. Dieser griff die iranische Anlage Natanz an und zerstörte dort Zentrifugen zur Urananreicherung durch die eingangs beschriebene digitale Industrie-Sabotage.

Ein Wurm? Das ist doch das, was mich manchmal auf meinem Computer nervt? Ganz genau, nur ist das höchstwahrscheinlich die Sorte Wurm, die ein kleiner Hacker irgendwo programmiert hat, um dich entweder – zu seiner Belustigung – richtig in den Wahnsinn zu treiben, oder aber es sollen Kreditkarten-Daten oder ähnliches erbeutet werden. Gewöhnliche Kleinkriminelle, die hinter deiner Kohle her sind. Hashtag: lame.

Die verschiedenen Gruppen oder Abstufungen von Hackern werden in der Doku Zero Days schön erklärt. Eine Stufe über dem eben genannten „gemeinen“ Hacker stehen die so genannten Hacktivisten, die hehre Ziele wie die Transparenz bzw. Öffentlichmachung von Informationen verfolgen. Oder aber, diese Leute wollen Chaos stiften auf den Servern großer, böser Konzerne. Solche Sachen. Diese Gruppe Hacker ist schon ein bisschen smarter als deine üblichen Kriminellen. Und gefühlt stehen sie „auf der richtigen Seite“.

Wie geht jetzt aber die amerikanische NSA an solch ein Projekt ran, wie im Stuxnet-Fall geschehen? Naja, die NSA hat zunächst mal riesige Teams und finanzielle Mittel. Da können selbst die besten „privaten“ Hacker nicht mithalten. Diese Teams codeten den sehr komplexen Stuxnet-Wurm. Doch damit nicht genug. Da er eine Atomanlage sabotieren sollte, testeten die NSA-Hacker den Wurm sogar an realen Atomanlagen! Sie beschafften sich außerdem noch sogenannte Zero-Day-Exploits, die den Wurm ganz besonders unaufhaltsam machen. Schwarzmarktpreis: eine halbe Million Dollar. Auch hier würde dein üblicher Hacker wieder in die Röhre schauen bzw. müsste ziemlich viele Kredikarteninfos erbeuten. Ach so, und außerdem war der Wurm auch noch nahezu perfekt versteckt. Er meldete nämlich während der laufenden Sabotage, also während die iranischen Zentrifugen gerade dabei waren, sich auf Befehl des Wurms selbst zu zerlegen, fieser Weise ans Kontrollzentrum immer, dass alles in Ordnung wäre. Die Iraner haben tatsächlich Wissenschaftler rausgeschmissen, weil sie dachten, diese würden schlechte Arbeit leisten, lange bevor sie den Wurm entdeckten.

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Einer der interviewten Geheimdienst-Halbgötter

Hier zeigt sich gleich das ganze Potential der Cyber-Kriegsführung: Während man „früher“ beispielsweise noch reale, physische Kampfverbände zum Kriegsschauplatz verlegen musste, beispielsweise einen Flugzeugträger, von dem aus dann Luftangriffe geflogen werden können, ist das mit einem Wurm gar kein Problem mehr. Du musst gar nicht zum „Tatort“, der Wurm nimmt digital seinen Weg dorthin! Und dazu noch: Wenn du es geschickt anstellst, bleibt der ganze Angriff unentdeckt und erweckt zunächst mal den Anschein einer technischen Fehlfunktion. Auch kannst du anonym angreifen, denn der Wurm erledigt die Drecksarbeit und trägt ja auch nicht Uniform oder Flagge. Hier werden militärische (Alb)Träume wahr!

Dass es ein Angriff war und wer darin verwickelt war, kam natürlich dennoch im Laufe der Zeit raus, besonders durch die Detektivarbeit der Antivirus-Experten. Alex Gibneys Dokumentarfilm ist dabei hochinformativ und auch spannend gemacht. Größtenteils werden Experten interviewt, aber zwischendrin sieht man auch immer mal wieder Zusammenschnitte von Nachrichtensendungen oder anschauliche Info-Animationen, beispielsweise davon, wie sich die Wurm-Infektion über die Erde ausbreitet und ähnliches. Generell wird jede Thematik irgendwie bebildert. Springt die Doku nach Washington, sieht man beispielsweise einen House of Cards-mäßigen Establishing Shot der US-Hauptstadt. Ästhetisch hat sich der Film also nichts vorzuwerfen, bleibt jedoch auch innerhalb eines gewohnten Doku-Stils.

Das Ganze könnte allerdings auch ein bisschen weniger reißerisch gemacht sein. Muss man so viele Sequenzen mit „Spannungs-/ Thrillermusik“ unterlegen und auch noch über das letzte Bild „rüberquatschen“, damit wirklich jeder weiß, was gemeint ist? Gerade bei Dokumentarfilmen kann man den Zuschauern auch ein wenig Raum für eigene Gedanken lassen und nicht alles „vorkauen“. Wirklich gestört, aber das ist persönlich, hat mich auch die endlose Reihe von gelackten Geheimdienstlern, die den größten Spaß daran zu haben scheinen zu sagen: „Darüber kann ich nicht reden, das ist geheim.“ Wesentlich sympathischer sind mir dagegen die nerdigen Computer- und Antivirus-Experten, die bei ihren Nachforschungen in Urheberschaft und Zweck des Wurms teilweise Angst davor hatten, umgebracht zu werden.

Doch von solchen persönlichen Vorlieben einmal abgesehen entwirft Zero Days auch schlicht ein erschreckendes und sehr ernstzunehmendes Zukunftsszenario: Mit Computerwürmern könnte man so ziemlich alles sabotieren, gerade die Infrastruktur in den hochtechnisierten westlichen Ländern: Das gesamte Stromnetz abstellen, an Trinkwasserfilteranlagen rumspielen? Klar! Ein Atomkraftwerk zur Explosion oder Kernschmelze bringen? Auch das ist vorstellbar! Zwar verfügen gerade solche extrem neuralgischen Punkte über vom Internet abgetrennte Netzwerke, doch wie die Experten in Zero Days so treffend bemerken: Nichts ist wirklich abgetrennt. Irgendwann muss ein Techniker doch mal ein Systemupdate durchführen oder einen Patch installieren und so gelangt die Malware hinein ins eigentlich geschlossene System. Teilweise bauen NSA und CIA die fiesen Schädlinge bereits in die Hardware ein, bevor diese vor Ort verbaut wird!

sleaze-zero-days3Aber Wissen ist Macht und den Geheimdiensten können gar nicht genug informierte Menschen auf die Finger schauen. Von daher Zero Days unbedingt gucken, es lohnt sich!

Robert

Titel: Zero Days
Regie: Alex Gibney
Laufzeit: 116 Min.
VÖ: 16.09.2016 (DVD, Blu-ray)
Verleih: DCM Filmdistribution

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