„Dass sie erfahren sollen: Ich sei der Herr“

„Dass sie erfahren sollen: Ich sei der Herr“

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Der Hauptdarsteller. Und zu seiner Rechten: Nicholas Hoult

„…wenn ich meine Rache an ihnen vollstreckt habe.“ Diesen Satz äußert Samuel L. Jacksons Charakter in – klar! – Pulp Fiction. Und genau mit derselben Über-Überheblichkeit hat „Hollywood“ im Sommer ’14 in Köln und Umgebung aufgesetzt, um Collide zu drehen. Wir erinnern uns alle, was in Pulp Fiction dann passierte: John Travoltas und Samuels Figuren wurden von etlichen Kugeln befeuert, von denen jedoch keine traf. Ein Wunder? Womöglich. Geiler Scheiß und ein genialer Film? Klaro! Wie ging‘s danach weiter? Quentin und Samuel waren für immer cool. Auch Johns Karriere ging‘s besser als zuvor. Und wie hat sich diese wundervolle Einstellung auf Collide ausgewirkt? Ganz schlecht! Ich zögere sogar, diesem Streifen das Prädikat trash zu verleihen, denn das würde ihn noch zu gut wegkommen lassen. Und ums Wegkommen geht‘s: Nicholas Hoult (Mad Max: Fury Road) spielt einen amerikanischen Autodieb, der in Deutschland lebt. Er verliebt sich in Felicity Jones (The Theory of Everything) und es ist die ganz große Liebe. Sie wird aber – ganz plötzlich, im Moment des größten Glücks! – schwer krank. Die beiden brauchen also Geld und Nicholas wird wieder kriminell (erst war er für Felicity sauber geworden – das muss Liebe sein!). Als Handlanger des einen Drogenbosses (Ben Kingsley) bestiehlt er den anderen (Anthony Hopkins) und Autoverfolgungsjagden auf der Tempolimit-losen deutschen Autobahn folgen. Dabei kann Nicholas immer wieder entkommen.

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Felicity – hübsch als Gangsterbraut

Aber fangen wir mal ganz von vorne an und versetzen uns in die Macher dieses Films hinein, um zu verstehen, wie es überhaupt zu diesem Desaster kommen konnte. (Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Das Folgende ist informiert-fiktional.) Wir haben: ein beknacktes Script um einen Autodieb und eine Kellnerin, die irgendwo entfernt an Bonnie & Clyde erinnern. Wir haben in Felicity und Nicholas zwei junge heiße Stars, die gerade in vielbeachteten Filmen mitgespielt haben, allerdings in denen auch nicht die Hauptrolle hatten. Solche Sternchen nennt man Commodity. Sie sind jetzt schon was wert, aber die Studiobosse kriegen so richtig Dollarzeichen in den Augen, wenn in Meetings die Sprache auf sie kommt. Denn sie könnten mit etwas Glück in der Zukunft noch viel mehr wert sein!
Eine sichere Bank in jedem Film sind hingegen etablierte Altstars, zum Beispiel eben der gute alte Ben (Sexy Beast, The Wackness). So einen in deinen Film zu hauen zieht immer! Aber hey: Warum nehmen wir nicht gleich zwei von der Sorte? Wen haben wir denn noch? Ach ja, Anthony Hopkins (The Remains of the Day). Mehr ist immer besser. (Hollywood-Logik!) Nein, in Wirklichkeit ist das nicht immer der richtige Weg, aber das wäre ja die Stimme der Vernunft, die kommt in der Traumfabrik gar nicht am Pförtner vorbei. Und wie geben wir diesem „Eintopf“ jetzt noch die richtige Würze? Wir produzieren in Deutschland, dem Land der Autobahnen, der Luxusschlitten à la Porsche, Mercedes und BMW, und der urigen Fachwerkhäuser. Aus innerdeutscher Sicht ist das zwar eher eine Comic Version des Landes, aber egal. Angenehmer Nebeneffekt: Dabei streichen wir (also Hollywood) noch die Filmförderung des Landes Nordrhein-Westfalen ein (Dollarzeichen-Logik).

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Einige deutsche Schauspieler haben auch kleinere Rollen in der Entourage von Anthony abbekommen

Heraus kommt dann eben Collide, ein Film, der etliche Todsünden begeht. Denn das Einzige, was an dem Film wirklich gut ist, ist leider Bens Performance als völlig durchgeknallter Drogenboss, der aber nur Trailer-Trash ist und der Handlanger vom „Gentleman-Gangster“ Anthony, worunter er auch leidet. Die Hauptdarsteller Nicholas und Felicity sind bestenfalls mittelmäßig und Anthony sollte vielleicht mal ein bisschen ruhiger machen, um sein Vermächtnis nicht zu belasten.

Und der Film leidet an so unendlich vielen schwer dämlichen Plot-Points, dass es schon wieder Spaß macht, sie aufzuzählen. (Falls du Collide wirklich noch sehen möchtest, hör jetzt lieber auf zu lesen. Es kommen einige kleinere Spoiler, aber eigentlich kann man diesen Quasi-Trash auch gar nicht spoilern.) Die Handlung kommt ins Rollen, weil Felicity schwer krank ist. Dann braucht das Pärchen Geld, um ihre OP zu bezahlen. Aber, aber Hollywood: Euch hat wohl niemand gesagt, dass wir hier in Deutschland sind (zumindest laut Guido Westerwelle) und nicht in den „Turn-back-Obamacare“-USA. Hier werden Kranke auch behandelt! Aber noch besser ist: Nicholas nimmt dann zum Tatort des Verbrechens persönliche Infos über seine Freundin mit, so dass die Gangster sie leicht finden und ihn mit ihr erpressen können. Ähm, ja. Ich kann mir buchstäblich den extrem gelangweilten Script-Doktor vorstellen, wahrscheinlich den fünften, der über dieses Fiasko drüberschreiben durfte. Er oder sie war vermutlich gerade am Überlegen, wie man den dritten Akt des Films vorantreiben könnte, dann kam allerdings was anderes dazwischen und deshalb wurde diese extrem faule Lösung genommen. Ich meine, welcher Gangster, egal wie amateurhaft, macht so was denn? Klar, Actionfilme sind nie so super-glaubhaft. Ich möchte als Zuschauer aber auch nicht komplett in meiner Intelligenz beleidigt werden! Wo wir schon dabei sind, kann mir auch mal jemand erklären, wie beide Drogenbosse dann aus einer von der Polizei umzingelten Bar wieder herauskommen. Dieses Entkommen wird auch nie gezeigt im Film…

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Schön trashig: Ben als einziger Lichtblick

Man könnte ewig so weitermachen. Und irgendwo ist das miese Niveau von Collide auch bedauerlich. Der Film könnte besser sein, die Actionszenen sind teilweise hübsch energiegeladen. Aber die Story ist einfach so lahm: Entkommen mit der Beute, flüchten. Immer wieder den Häschern durch die Finger schlüpfen… Und auch Anthony könnte vielleicht besser rüberkommen, wenn sein Charakter denn mal richtig etabliert worden wäre. Wir kriegen als Zuschauende aber nur eine Voice-Over-Erzählung, dass er so krass wäre. Das ist wieder: richtig schlampiges und faules Filmemachen. Auch die Autoverfolungsjagden sind teilweise gut gemacht. Doch auch hier lässt wieder schmunzeln: Der „Money Shot“ ist eine öfter wiederholte Einstelllung, wie die Tachonadel auf über 200 km/h geht. Juchuh, der Film sollte auch ursprünglich einfach Autobahn heißen, bevor Collide draus wurde. Wirkt das Ganze auf Nicht-Deutsche weniger dämlich? Das kann sein, ist aber schwer vorstellbar. Einzig Ben Kingsley erreicht in diesem Streifen wirklich Trash-Status mit seiner goldenen Knarre, seinem Underdog-Charme und seinem Nerzmantel. Wann lernt es Hollywood endlich? Denn über Pulp Fiction reden wir heute noch. Collide wird aber bald wieder vergessen sein. Der Film schmiert ungefähr so ab, wie ein hochtouriger Mercedes, der mit 220 km/h gegen die Tunnelwand klatscht – unabkratzbar!

Robert

Titel: Collide
Regie: Eran Creevy
Laufzeit: 100 Min.
VÖ: 04.08.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Universum Film

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