World Press Photo – das geht nah!

World Press Photo – das geht nah!

TEILEN

Vom 2. bis zum 25. Juni kannst du dir im Berliner Willy-Brandt-Haus die Ausstellung zum World Press Photo Award 2017 anschauen. Der größte und internationale Wettbewerb für Pressefotografie hatte dieses Mal 98.000 Einreichungen und hier werden die, von der Jury gekürten, besten Pressefotografien des Jahres ausgestellt. Hier startet dann das große Gefühlschaos.

Der Eintritt ist frei, allerdings musst du deinen Perso oder Reisepass mitbringen, damit die lieben Damen am Eingang dich namentlich samt Ausweisnummer erfassen können, was mir ein bisschen suspekt erscheint und ich mich nur dezent (Achtung, Ironie!) überwacht fühle. Der Grund für das Prozedere ist vermutlich, dass es sich um den SPD-Hauptsitz handelt…

Mein erstes Mal auf der berühmten World Press Photo – wow, endlich. Große Erwartungen brodeln in mir…

Die Ausstellung hat von 12.00-20.00 Uhr geöffnet, der letzte Einlass ist um 19:30 Uhr. Eventuell musst du damit rechnen, ein bisschen anstehen zu müssen, das sollte aber nicht allzu lange dauern.

SLEAZE + World Press Photo 2017
Das sind Bilder, die wir auch nicht unbedingt in den Nachrichten sehen.

Der erste Eindruck ist allerdings sehr ernüchternd. Fürs Erste ist die SPD-Parteizentrale meiner Meinung nach nicht wirklich eine schöne Location für eine Fotoausstellung. Zweitens fällt nach einem kurzen Rundumblick direkt auf, dass der relativ übersichtliche Raum im Erdgeschoss alles ist und es nicht im nächsten Stock weitergeht.

Ich weiß nicht warum, aber ich habe mir die World Press Photo wesentlich größer vorgestellt. Was erstmal enttäuschend war, allerdings muss man sich ja auch ein bisschen den Hintergrund überlegen. Es handelt sich um einen Wettbewerb mit nahezu hunderttausend Einsendungen, von denen nur die allerbesten weltweit gekürt werden sollen. Außerdem ist der Inhalt der Ausstellung ja auch wirklich nicht ohne und da stellt sich dann doch die Frage, ob man mehr davon überhaupt ertragen kann / will.

Das Ausstellungskonzept ist schlicht und einfach, es soll ja nicht von der Message der Bilder abgelenkt werden. Allerdings ist es fast ein bisschen mehr als schlicht: die Bilder sind an sporadischen Rollwänden befestigt, was alles andere als schick ist – und die Leute stolpern konstant über die Rollen.

Dazu fällt auf, dass entweder die zu den Bildern gehörigen Kärtchen mit Erklärungen falsch gedruckt wurden oder die Bilder falsch aufgehängt… Oft muss ich mir die passende Bildüberschrift dazu suchen statt einer logisch nachvollziehbaren Reihenfolge folgen zu können.

Naja, aber eigentlich geht es ja um die Bilder. Diese Pressefotografien brauchen kein fancy Ausstellungskonzept. Im Gegensatz zur neuen Ausstellung im Museum für Fotografie geht es hier nicht um Nacktheit oder Partys am Pool. Nein. Es geht um die bittere Wahrheit, echte Fakten, was in unserer verkorksten Welt eigentlich alles abgeht. Von Themen wie Umweltverschmutzung bis hin zur Aufnahme eines kaltblütigen Mordes ist alles dabei und man geht definitiv mit einem mulmigen Gefühl aus der Ausstellung raus. Auf einer Skala von 1-10 ist hier jede Intensität vertreten, mit der es von innen auf die Tränendrüsen drückt.

Aber nicht falsch verstehen. Es gibt auch ein bis zwei Serien, wo es dann eher Tränen der Freude sind. Wie zum Beispiel der Gewinner der Serie Sport. Giovanni Capriotti erzählt mit Boys will be Boys eine wunderschöne Geschichte des ersten schwulenfreundlichen Rugbyteam Torontos.

SLEAZE + World Press Photo 2017
Giovanni Capriottis „Boys will be Boys“ – tolle Story!

Sie soll dem Klischee entgegenwirken, dass der sehr maskulin konnotierte Sport Rugby nicht von schwulen Männern gespielt werden könne.

Highlight und im Netz schon Stoff für hitzige Diskussionen ist das World Press Photo of the Year. Es zeig den 22 Jahre alten, türkischen Polizisten Mevlüt Mert Altıntaş am 19. Dezember letzten Jahres, kurz nachdem er den russischen Botschafter Andrei Karlov auf einer Ausstellungseröffnung in Ankara erschossen hatte. Diese Fotografie von Burhan Ozbilici wird aktuell im Zusammenhang mit der World Press Photo erneut diskutiert.

Teilweise zu Recht. Teilweise nicht.

Es gibt seltsamerweise tatsächlich Stimmen, die nicht verstehen dass hier eine Fotografie einen Preis erhalten hat, und nicht die Tat, die festgehalten wurde. Also bitte!

Aber es gibt auch Leute, die bei Fotografien dieser Art immer wieder die moralischen Grenzen versuchen zu definieren. Was super wichtig und unheimlich schwierig ist!

Was darf eine Pressefotografie zeigen und was ist zu viel? Wo liegen die Grenzen und wo wird eventuell sogar die Würde eines Menschen angetastet? Kann ich einfach so einen Toten ablichten? Das sind alles Fragen, die mir konstant während des Ausstellungsbesuches im Kopf herumschwirren. Das ist super anstrengend, aber auch äußerst wichtig, sich regelmäßig mal mit solchen Fragen zu beschäftigen.

SLEAZE + World Press Photo 2017
Man kann den Besuchern richtig anmerken, wie bedrückt sie sind.

So auch bei besagter Fotografie, auf der man den Toten liegen sieht, hinten im Bild auf dem Boden die weggeschleuderte Brille. Neben ihm der Attentäter, der später von der türkischen Polizei erschossen wurde, mit seiner Dienstwaffe in der Hand.

Die Szene wirkt total surreal, wie aus einem Tarantino-Film.

Es ist wichtig, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, und die World Press Photo ist dafür sicherlich eine gute Möglichkeit. Wir sehen zwar die Nachrichten und so oft finden sich gewalttätige Szenen in Filmen, aber man sollte versuchen, davon mal den Abstand zu suchen, und sich auf einer anderen Ebene mit dieser traurigen Welt beschäftigen, in der wir leben. Eine Fotografie können wir studieren, entdecken nach einigen Minuten eventuell noch ein Detail, welches vorhin gar nicht aufgefallen ist, im Gegensatz zur Informationsflut im TV.

Also nutze den kurzen Zeitraum, indem du diese Ausstellung – sogar kostenlos – in Berlin anschauen kannst.

Doro

Ort: Willy-Brandt-Haus
Adresse: Wilhelmstraße 140, 10963 Berlin
Ausstellung: World Press Photo 2017
Zeit: 2.6. – 25.6.2017, 12.00 – 20.00 Uhr
Kosten: Freier Eintritt, aber Personalausweis mitbringen!

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen