Wir steh’n auf West-Berlin!

Wir steh’n auf West-Berlin!

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Ideal waren eine der vielen Bandkonstellationen, die das West-Berlin der 80er prägten. Nicht wegzudenken ist auch das SO36 oder die Bar „Risiko“, die mit Tresenkraft Blixa Bargeld und seinem Freund Nick Cave ein Mittelpunkt der Punk-Szene war.

SLEAZE+West-Berlin
Das B-Movie-Cover (wenn auch mit Apostroph-Fehler) 🙂

Mark Reeder war immer mittendrin – jedenfalls in der Dokumentation B-Movie. Er kannte sie alle durch Freunde, seine Arbeit und oft waren es auch einfach Zufallsbegegnungen. Erschienen ist dieses Unikat bereits vor einigen Monaten, nun haben wir es die Woche als Verlosung und nehmen uns dieses Filmwerk deshalb noch mal genauer vor.

Ursprünglich bat Regisseur Jörg A. Hoppe den Engländer, die Musik für diesen Film aufzubereiten. Doch nachdem Jörg die vielen Aufnahmen ansah, die Mark ihm mitgebracht hatte, entschied er sich dazu, ihn zum Mittelpunkt von B-Movie zu machen. So hat der Zuschauer die Chance, West-Berlin aus den Augen des damals 20jährigen Briten zu erleben – oder überhaupt kennenzulernen. Er zog von Manchester nach Berlin, um das Land zu erkunden, das für ihn faszinierende Musiker wie Tangerine Dream, Kraftwerk oder Klaus Schulze hervorgebracht hat. Dort lebt er in einem besetzen Haus, geht in die Kult-Clubs und hat verschiedenste Jobs als Roadie, Türsteher, Schauspieler oder Manager. Dabei trifft er nach und nach auf die einflussreichsten und prägendsten Charaktere dieser Zeit. Besonders wichtige Rollen spielen in Marks Leben unter anderem Die Toten Hosen und Gudrun Gut, die nach vielen eigenen Bands auch ein Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten ist.

Der Film ist eine Collage aus Archiven, unveröffentlichten Aufnahmen, Super-8-Filmen und privaten Videos von Künstlern. Viele Szenen mit Die Ärzte stammen beispielsweise aus dem von ihnen selbst weniger gemochten Spielfilm „Richy Guitar“. Manche Szenen wurden mit Marius Weber als Protagonist Mark Reeder nachgestellt. All diese Elemente werden zusammengehalten von Marks Erzählungen und Erlebnissen. Der Begriff Dokumentation beschreibt also nicht wirklich den Stil dieses Films. Es ist nicht klar, ob jede Begegnung oder alle Auftritte immer genau zu der in B-Movie gezeigten Zeit stattfand, doch es spielt hier einfach keine Rolle. Mark Reeder präsentiert die Personen, Demonstrationen und Vorfälle, wie er sie erlebt hat und es kann keinen besseren dafür geben. Da er erst dort hinzog, war Mark nicht voreingenommen und hat sich voll und ganz auf diese isolierte Stadthälfte eingelassen. Berlin war zu dieser Zeit ein Magnet für Leute, die dem Wehrdienst entkommen oder keinen als vernünftig geltenden Job annehmen wollten. Es war billig, in der Hausbesetzer-Szene zu leben und so der ideale Ort für Künstler. Es waren immer die gleichen wenigen Leute der Film- und Musikszene, die ständig in Bewegung waren. Es wurden neue Bandkonstellationen erschaffen und aufgelöst in kürzester Zeit. Die 80er markieren den Übergang vom Punk zur Elektro und der DJ-Szene in Deutschland. So war es Mark Reeder, der 1990 das erste Berliner Trance-Label gründete.

Einige Szenen werden auch untermalt durch Kommentare von Gudrun Gut und anderen im Film thematisierten Musikern. Von Jörg Buttgereits ersten Splatterfilmen über die Love Parade bis zu Christiane F. und David Bowie greift B-Movie fast nebenbei so gut wie jede Besonderheit dieser Zeit auf. Zwei der drei Filmemacher haben selbst aktiv die Musikszene in den 70er und 80er Jahren geprägt. Jörg Hoppe hatte eigene Labels und Musiksendungen, während Klaus Maeck den ersten Punk-Plattenladen Hamburgs eröffnete. Mark Reeder betont, dass dieser Film sowohl für Nostalgiker ist und für Leute, die diesen Ort nicht erleben durften (da sie in Ost-Berlin waren).

Zuletzt gab es mehrere Filme, die auch etwas aus diesem Jahrzehnt erzählen wollten, wie den Spielfilm „Tod den Hippies! Es lebe der Punk“. Doch schaffte es dieser durch deutlichen Schwächen in der Handlung nicht, die Einzigartigkeit dieser Zeit einzufangen. B-Movie ist es gelungen mit Hilfe der Musik und einem hervorragendem Erzähler, den Humor der Künstler und die Ernsthaftigkeit der Zeit zu vereinen. Mark Reeder betont, dass vielleicht nicht alles in B-Movie auch in echt so gewesen ist. Doch wenn Falco recht hat, dann hat Mark einiges richtig gemacht, denn: „Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht miterlebt“.

Maurin

Titel: B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Länge: 96 Minuten
Format: DVD und Blu-ray
VÖ: 02.10.2015
Verleih: Edel Germany GmbH

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