Wir schwelgen in 2000er-Film-Erinnerungen

Wir schwelgen in 2000er-Film-Erinnerungen

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SLEAZE + Filme der 2000erDie 2000er sind schon eine kleine Weile her, aber nichtsdestotrotz hat der mehrfach studierte Gelsenkirchener (Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und vermutlich alle anderen Studienfächer) Prof. Dr. Jürgen Müller eine zauberhafte Filmenzyklopädie auf uns losgelassen: Filme der 2000er. Dieser effektiv 800 Seiten starker Wälzer ist nicht der erste „seiner“ Art – denn Jürgen Müller ist schon für Werke wie Filme der 90er, Filme der 80er und den besonders kreativen Namen Filme der 70er verantwortlich. Genauer gesagt, arbeitet sich Jürgen seit den 20ern mit seiner Filmbuchreihe durch die Jahrzehnte. Nun sind also die geschrieben etwas sperrig wirkenden 2000er wortwörtlich an der Reihe.

Der erste Eindruck von dem Buch – es ist ziemlich massiv, man könnte es als Trainingsgerät zweckentfremden. Auf dem Umschlag schaut dich frontal unser beringter Lieblingshobbit mit skeptischem Blick an, hinten ist das kontrastreiche Bild Nancy Callahans aus Sin City zu sehen.

But never judge a book by its cover, also auf das Ding.

Noch bevor das Impressum kommt, sehen wir mehrere bebilderte Seiten aus einem Film über ein Land, in dem es alte Männer wohl nicht allzu leicht haben: No Country for Old Men. Jürgen Müller scheint (absolut zu Recht) Fan von dem legendären Streifen der Coen-Brüder zu sein. Direkt nach der Inhaltsangabe kommt auch der erste lesenswerte Buchstabenhaufen:“Überlegungen zum Kino der Gegenwart” und „Wird es Kino bald so nicht mehr geben?“ Passend begleitet anhand und mithilfe des düsteren Grundtons des angesprochenen Films.

SLEAZE + Filme der 2000er
Ersichtlich übersichtlich

Was hat das Buch sonst zu bieten?

Herrlich geschriebene Reviews und Synopsen von knapp 100 Filmen der Jahre 2000 bis…*Spannungsmoment* 2010, dazu Stills und Szenenbilder, Anmerkungen, Zitate und Rezensionsüberschriften renommierter Filmkritiker und Medien. Ein umfangreiches Sammelsurium vieler uns bekannter und geliebter filmischer Machwerke auf jeweils ca. 6 – 8 Seiten. Die Auflistung aller Filme erspare ich dir jetzt, aber ich bin mir sicher – einer deiner Lieblingsfilme ist auch Teil des Buches.

Hat mich die Auswahl überrascht? Ja, ein wenig. Tatsächlich findet man zwischen den vielen meist englisch-sprachigen Oscar-Gewinnern auch mal die ein oder andere Belanglosigkeit. Wären Bridget Jones´s Diary, Stichtag oder Anchorman mit Will Ferrell in meiner persönlichen Liste gelandet? Hätte ich lieber Memento oder Der Untergang verewigt gesehen? Gehen wir doch mal exemplarisch Filme durch, die es (nicht) verdient haben, in diesem Band für die Ewigkeit gerahmt zu sein.

2001: Der Herr der Ringe (Peter Jackson): Darüber gibt es wohl keine zwei Meinungen. Immer wurde gedacht, es sei unmöglich, Tolkiens Epos filmisch umzusetzen – und dann kam Peter („kann es eben doch“) Jackson.

2002: My Big Fat Greek Wedding (Joel Zwick): Das verwundert schon. Leider kann ich mich nicht wirklich damit anfreunden, eine eher mediokre und mit Vorurteilen gespickte Komödie unter so vielen Klassikern zu sehen.

2003: Oldboy (Chan-wook Park): Dieses Mystery-Drama hat es definitiv verdient, hier zu stehen. Schon allein deshalb, weil Oldboy zeigte, dass der koreanische Film nicht tot ist, sondern immer noch für internationale Aufruhr sorgen kann.

2004: Die Unglaublichen (Brad Bird): Diese Entscheidung ist für mich nachvollziehbar, denn zum ersten Mal animierte Pixar Menschen als Hauptcharaktere. Die aufstrebende CGI-Technik wurde in dem Maße nur selten zuvor im Mainstream angewendet. Hat es hier geklappt? Ja, denn jeder von uns wollte aufgrund des Films spontan Superkräfte haben. Ehrlich gesagt, ich will sie immer noch.

2005: Brokeback Mountain (Ang Lee): Ja, denn kaum ein Film hat das Thema Homosexualität auf größter Bühne derart thematisiert und bühnenreif gemacht. Das lag auch an dem herausragenden Spiel von Jake Gyllenhaal und Heath Ledger. Damit Heath nicht nur auf seine epische Interpretation von Batmans Joker reduziert wird, hat sich Brokeback Mountain verdient in diese Liste gespielt.

2006: Casino Royal (Martin Campbell): Da bin ich unentschlossen, denn – und ich höre schon den Mob mit Fackeln und Mistgabeln auf der Straße – ich bin kein Fan der ewig gleich ausgehenden Agentenfilmreihe. Dennoch muss man zugestehen, dass es nur alle paar Jahre vorkommt, dass unsere Doppel-Null ein neues Gesicht bekommt. Besonders, da Daniel Craig auch noch der siebte seiner Art ist. (Der Film hätte für bessere Zahlenspielchen doch ein Jahr später herauskommen dürfen)

SLEAZE + Filme der 2000er
Immer schön jung bleiben in diesem Land.

2007: No Country for Old Men (Joel und Ethan Coen): Ja, ja und ja. Dieses Meisterwerk ist über jeden Zweifel erhaben und sollte in jeder gut sortierten Filmliste auftauchen. No Country for Old Men wird einer meiner Lieblingsfilme bleiben und Anton Chigurh meine Träume heimsuchen, selbst wenn wir alle mal old (Wo)Men sind.

2008: Precious (Lee Daniels): Ähnlich, wie sich Brokeback Mountain 2005 verdient in die Liste eintrug, geht es auch bei Precious, da zum (mehr oder weniger) ersten Mal ein Tabuthema angesprochen wird. In diesem Fall ist es Fettleibigkeit und Fat-Shaming. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor dem Mut der Darstellerin Gabourey Sidibe. Es zeugt von wahrer Größe, die eigene Vergangenheit in so einer Form aufzuarbeiten. Respekt!

2009: Avatar – Aufbruch nach Pandora (James Cameron): Hat Avatar es verdient, hier aufzutauchen? Zum Teil ja. Die Story ist zwar wieder typische Hollywood-Schmiere, aber dieser Film hat die moderne Ära der 3D-Technik eingeläutet. Hat er einen Nachfolger verdient? Nein, aber die Wichtigkeit ist dem ersten Teil nicht abzusprechen.

2010: Black Swan (Darron Aaronofski): Verdient! Black Swan zeigt durch seine Geschichte eindrucksvoll, dass nichts perfekt ist. Weder der Film selber, diese Liste, mein Schreibstil, oder auch unser Filmgeschmack.

Fazit: Alles in allem ist die Liste nachzuvollziehen, auch wenn sich hier und da mal ein schwarzes Schaf eingeschlichen hat (Ninja-Schafe, wenn man so will). Die Auswahl ist auch ein wenig englisch-sprachig geraten, aber da das Buch wohl für den westlichen Markt konzipiert wurde, ist das nachvollziehbar. Aufgrund der Mühe der Arbeit, der grafischen und bildreichen Ausgestaltung und des tollen Stils sollte dieser Band einem echten Filmfan dennoch ans Herz und unter die Nase gelegt werden.

SLEAZE + Filme der 2000erUnd wenn es wirklich stimmen sollte, was man im Vorwort lesen kann, nämlich dass Kino (so wie wir es kennen) vielleicht bald der Vergangenheit angehören sollte (mehr verrate ich nicht), dann ist dieses Werk umso wichtiger. Die Filme der 2010er wird wohl auch ein Buch ähnlicher Wichtigkeit – aber noch haben wir hierfür ein paar Jährchen.

Chris

Titel: Filme der 2000er
Autor: Jürgen Müller
Hardcover, 14 x 19,5 cm, 832 Seiten
ISBN 978-3-8365-4685-0
Ausgabe: Deutsch
Preis: 14,99

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