„Wir alle lieben es, zu schauen.“ – Nicolas Winding Refn im Interview

„Wir alle lieben es, zu schauen.“ – Nicolas Winding Refn im Interview

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Bildstark in Szene gesetzt: Elle Fanning als Jungmodel Jesse
Bildstark in Szene gesetzt: Elle Fanning als Jungmodel Jesse

Im Vorfeld des Kinostarts des bildstarken Horrorfilms The Neon Demon, der in unserer Kritik überaus gelobt wurde, hatten wir die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Regisseur Nicolas Winding Refn (Only God Forgives). Der Däne, der vor allem mit seinem 2011 erschienenen, inzwischen häufig als Kultfilm angesehenen Neo-Noir-Fetisch Drive zu großer Bekanntheit kam, spricht im Interview über das digitale Bild, die Verbindung von Schönheit und Tod und warum er in der ganz persönlichen Wiedergeburt eines 16-jährigen Mädchens die konsequente Evolution seiner Filme sieht.

Eine kleine Warnung für alle, die diverse Entwicklungen der Handlung auf keinen Fall vorweggenommen haben möchten: Gegen Ende des Interviews (Frage zum Schönheitsbusiness) geht NWR näher auf gewisse Figurenkonstellationen ein.

Das Interview führte unser Autor Alex Warren.

SLEAZE: Wie die meisten deiner anderen Filme wurde The Neon Demon mit Digitalkameras gedreht. Worin siehst du den großen Vorteil digitaler Technologie und wie hilft es dir, deinen eigenen Stil zu verwirklichen?

NWR: Nun, ich liebe das digitale Bild. Ich liebe die Fähigkeit, eine alternative Realität zu kreieren, die klar ein gespiegeltes Bild dessen ist, was wir sehen. Das heißt, im Sinne des digitalen Bildes: Narzissmus als Zelebrierung. Die digitale Revolution hat das geschehen lassen. Und ich denke, dadurch wird die menschliche Psyche sich zu neuen, interessanten Orten weiterentwickeln. Ich liebe Film. Und ich habe herausgefunden, dass die digitale Leinwand reizvoller für mich ist im Hinblick dessen, was ich damit anstellen kann.

SLEAZE: Was genau sind diese reizvollen Möglichkeiten?

NWR: Es ist einfach eine andere Art von Leinwand. Es ist kein Ersatz von Film. Es ist etwas, das ich mag. Eine andere Art zu malen.

SLEAZE: Ich habe gelesen, dass du spezielle Linsen fürs Drehen genutzt hast, die Cooke Xtal Express Lenses…

NWR:..nun, die Kamerafrau kannte den Designer dieser speziellen Linsen. So waren sie zu einem günstigeren Preis zu bekommen.

SLEAZE: Diese Linsen wurden ursprünglich in den 30ern verwendet. Warum waren sie so attraktiv für dich?

NWR: Weil sie diesen fast traumartigen Filter kreieren. Es geht um ihre Schärfe und ihren Kontrast, die helfen, diese Illusion von einem fast schon Hollywood-Babylon zu erschaffen.

SLEAZE: Apropos Hollywood: Du verwendest Los Angeles als Handlungsort, wie beispielsweise schon in Drive, oder auch andere Filme, wie Mulholland Drive oder Chinatown und so weiter. Was ist für dich so besonders an diesem Ort?

NWR: Ich liebe alles, was Realität erhöht. Und für mich ist L.A. vor allem diese Traumstadt. Sie wurde künstlich in der Wüste erbaut, sie war die letzte Grenze für die Siedler. Es gibt dort einen Futurismus und eine Vergangenheit, die irgendwie sehr eng miteinander verschlungen sind. Ich liebe L.A., ich liebe es, liebe es, liebe es.

SLEAZE: In Drive und Only God Forgives befinden sich sehr maskuline Charaktere im Zentrum der Filme. So spielt z.B. Ryan Gosling in beiden der Filme. Sie drehen sich um Männer. Warum hast du dich dieses Mal für weibliche Charaktere entschieden?

NWR: Es war wie eine natürliche Evolution. Drive war eine Art männlicher Fetisch, mit dem ich nicht wirklich weiter hätte gehen können. Only God Forgives handelte viel von seiner Immaskulierung. Und nun wurde ich als 16-jähriges Mädchen wiedergeboren, was alles irgendwie Sinn macht.

SLEAZE: Von Frauen gesprochen: Ist es wahr, dass die Geschichte von der Gräfin Elisabeth Báthory* inspiriert wurde?

NWR: Nein, irgendjemand interviewte meine Frau und brachte dieses Zitat hervor. Sie sagte: „Ich habe das nie gesagt.“ Es wurde alles künstlich in die Welt gesetzt. Aber ich kann verstehen, warum es damit in Verbindung gebracht werden kann. Es war nur nichts, an das ich bewusst gedacht habe. Vielleicht unbewusst.

SLEAZE: Du hast mit zwei jungen, weiblichen Autoren zusammengearbeitet, Polly Stenham und Mary Laws. Wie haben sie dir bei der Entwicklung der Geschichte geholfen?

NWR: Nun, ich hatte die Geschichte. Und dann wollte ich so viele weibliche Perspektiven wie möglich. Also hatte ich eine Kamerafrau, Elle als die Protagonistin und an zwei unterschiedlichen Zeitpunkten arbeitete ich mit diesen zwei verschiedenen Theaterautorinnen zusammen, um so viele Informationen aus weiblichen Sichtweisen zu bekommen, wie mir möglich war.

Den Blick auf Schönheit und Tod gerichtet: Regisseur Nicolas Winding Refn beim "The Neon Demon"-Dreh
Mit Blick auf Schönheit und Tod: Regisseur Nicolas Winding Refn beim „The Neon Demon“-Dreh

SLEAZE: Im Presseheft gibt es ein Zitat von dir, das sagt, du wolltest einen Horrorfilm ohne den Horror machen. Denkst du, du hast es erreicht?

NWR: Ich denke sicherlich, dass ich es erreicht habe. Aber ich überlasse es dir. (lächelt schelmisch)

SLEAZE: Der Film handelt vor allem von Schönheit. Was würdest du sagen, was ist Schönheit?

NWR: Schönheit ist Teil unserer Evolution. Schönheit ist vieles. Ein Teil davon ist die Akzeptanz von Narzissmus als eine Qualität und nicht mehr als eine Klette. Es ist, uns selbst zu lieben als das, was wir sind. Es ist Eitelkeit. Es ist politisch. Soziologisch. Und wir alle haben eine Meinung darüber. Und wir alle lieben es zu schauen.

Eine kurze Gesprächspause, in der wir das gerade Gesagte wirken ließen und uns für einige Sekunden mit ruhiger Intensität in die Augen blickten.

SLEAZE: In der Eingangssequenz sehen wir Elle Fanning, die auf einem Sofa liegt und mit Blut bedeckt ist. Dann die sehr ruhige, rückwärts ablaufende Kamerabewegung. Ich denke, es gibt eine Verbindung zwischen Schönheit und Tod. Denkst du, es gibt sie?

NWR: Oh ja, es wurde so gestaltet als Schönheit und Tod. In der Kombination, dass Schönheit und Tod Hand in Hand in der digitalen Revolution miteinander gehen.

SLEAZE: Inwiefern?

NWR: Nun, weil die digitale Revolution ein künstliches Bild der Wahrnehmung von Schönheit ist, die nun nahezu unerreichbar ist. Es ist also bereits tot. Es ist der Tod.

SLEAZE: Der Film ist angesiedelt in einer Art Schönheitsbusiness. Schönheit wird in gewisser Weise wie eine Ware gehandelt. Glaubst du, es gibt dort die Möglichkeit oder die realistische Chance für echte Beziehungen? Denn im Film werden die Mädchen wahnsinnig usw. Gibt es die Möglichkeit von Wahrheit hinsichtlich der Gefühle?

NWR: Es gibt nirgends mehr Wahrheit als in der Eifersucht. Ich sehe sehr viel Wahrheit darin.

SLEAZE: Anders ausgedrückt: Kann Liebe auf dem Schlachtfeld existieren?

NWR: Nun, ich denke, dass Ruby [die von Jena Malone gespielte „Freundin“ der Hauptfigur, Anm. d. Autors] sehr in Jesse verliebt ist. Jesse will einfach Ruby nicht.

 

*Gräfin Elisabeth Báthory (1560 – 1614) soll bis zu 650 junge Mädchen und Frauen getötet haben. Durch die Legende, sie habe im Blut der ermordeten Mädchen gebadet oder es getrunken, erhielt sie den Beinamen „Blutgräfin“. Angeblich soll sie dies getan haben, um ihre Haut jugendlich und attraktiv zu erhalten.

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