Wind River – Wie warm kann Kälte sein?

Wind River – Wie warm kann Kälte sein?

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SLEAZE + Wind River
Willkommen im Nirgendwo, willkommen im Überlebenskampf

„Dies ist nicht das Land, auf Unterstützung zu warten. Dies ist das Land, auf dich allein gestellt zu sein!“, heißt es in einer Szene in Wind River. Ja, dieser Film ist voll frostiger Rauheit, brutaler Verrohtheit – und schlicht wunderschön.

Denn unter der seinem Handlungsort geschuldeten Eisschicht schlägt das warme Herz jener von Verlust gezeichneten Menschen, die in tiefer Verbundenheit nach Gerechtigkeit streben. Mit dem Abschluss seiner verfassten Grenz-Trilogie, den er zudem selbst inszenierte, erzählt Sicario– und Hell or High Water-Autor Taylor Sheridan eine zutiefst menschliche Ermittlungsgeschichte um sexuellen Missbrauch an Frauen in Reservaten der Ureinwohner. Vor allem aber ist es eine Geschichte des Wir.

Unter Raubtieren

Zu Beginn steht die Entdeckung der verstorbenen 18-jährigen Natalie Hanson (Kelsey Asbille) durch den für den U.S. Fish and Wildlife Service arbeitenden Cory Lambert (Jeremy Renner) irgendwo in der Eiswüste des titelgebenden Wind River-Reservates in Wyoming. Der mutmaßliche Mord an der jungen Frau ruft schließlich die Rookie-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) vom FBI auf den Plan, die gleich zu Beginn ein unwirtliches Schneegestöber erwartet und zunächst wie ein Fremdkörper auf einige der ansässigen Bewohner in der eisgekühlten Einöde erscheint. Sogar die passende Kleidung für die widrigen Bedingungen muss sie sich ausborgen.

In ihrem Außenseiterdasein erinnert sie zuweilen an die von Emily Blunt verkörperte FBI-Agentin Kate Mercer in Sicario, die ebenfalls in einer ihr unbekannten, männerdominierten Welt der Desillusion nach Gerechtigkeit strebt. Sie ist fest entschlossen, zu helfen. Fortan bildet Jane ein immer vertrauter werdendes Duo mit Cory, der ihr die Notwendigkeit zur äußeren Härte in einer von der Außenwelt mehr oder minder aus den Augen verlorenen Gegend wie folgt beschreibt: „Hier draußen überlebst du oder du gibst auf.“

SLEAZE + Wind River
Was wäre das FBI ohne den Local?

Dies sind Sätze, die in einem weniger einfühlsamen Film vermutlich unmittelbar zu leeren, pseudo-coolen und Testosteron-geladenen Worthülsen verkommen würden, doch in Wind River sind es die berührenden Ausdrücke lebensumspannender Tragödien, die kein Aufgeben zulassen. Denn es würde als Schwäche in einer weitgehend isolierten Welt voller Raubtiere gedeutet werden. Überdies streut Taylor hie und da kleine Prisen von Trockenhumor, der nie aufdringlich wirkt, sondern seinen Figuren nur noch mehr Halt auf spiegelglattem Terrain verleiht.

Gegen das Vergessen, für das Wir

Da ist es nicht verwunderlich, dass Autor Taylor den Wolf als Inbegriff eines Prädatoren zu einer Art universalem Leitmotiv der Ermittlungen nach dem Mörder oder den Mördern der jungen Natalie inszeniert. Ohnehin beweist der gebürtige Texaner erneut sein Talent für komplexe Settings, die gewissermaßen selbst als Charakter fungieren bzw. jene Tiefen der in ihr lebenden Menschen zeichnen, unterstreichen und definieren.

Das unendlich monotone Weiß der Schneelandschaften transzendiert so zur äußeren Härte der Einsamen, die zuweilen aufbrausenden Schneestürme zum emotionalen Seelengestöber, das zum Einen das innere Ringen ob der verlorenen Liebe, aber ebenso die von Angriff, Missbrauch und Gier geprägte Wildheit einiger Vertreter des Spezies Mensch zum Ausdruck bringt. Sie ist es auch, die selbst die Rechtschaffenen die Zähne fletschen lässt.

Gleichsam verzichtet Taylor auf melodramatische Lichtblicke, bleibt aber nicht ohne Tränen der Hoffnung. Denn er appelliert ebenso an das Kollektiv. Und dies ist auch seinen gebrochenen Charakteren bewusst, denen er zugesteht, ihre inneren Kämpfe nach außen zu tragen. Wenn Cory etwa mit Martin (Gil Birmingham), dem Vater der verstorbenen Natalie, gemeinsam in die bitterkühle Ferne schaut, während der eisige Wind ihnen entgegenhaucht und Martin schließlich sagt: „Ich bin einfach müde, Cory. Weißt du, ich bin einfach müde davon, dieses Leben zu kämpfen.“, dann schafft Taylor inmitten der Verlassenheit innige Augenblicke des Verbundenseins, das den Schmerz nicht vergehen lässt, aber lindert. So appelliert Cory zuvor denn auch: „Nimm den Schmerz einfach an. Hörst du? Nimm ihn an. Es ist der einzige Weg, mit dem du sie bei dir bleiben lässt.“

SLEAZE + Wind River
Jagt durch die Eiseskälte: Jeremy Renner

Wir dürfen nicht vergessen, wer wir sind. Wir dürfen nicht vergessen, aufeinander Acht zu geben. Wir bedeutet Hoffnung, ganz gleich, wie schwerlich die Umstände sein mögen. Auch das unterstreicht Wind River mit tiefem Mitgefühl, der zusätzlich auf den von schwermütigen wie zärtlichen musikalischen Flügeln von Nick Cave und Warren Ellis durch den Gefühlsblizzard gleitet.

Nach Hell or High Water steuerte das Duo nun schon zum zweiten Mal den von tiefen Streichern und Klaviernoten dominierten Score eines Werkes von Taylor bei. Wenngleich der Film zwar oberflächlich vom sexuellen Missbrauch an Einwohnern der Indianerreservate erzählt, so ist er doch viel mehr als die Summe seiner augenscheinlichen Elemente. Er ist ein Film, in dem die Blüten der Menschlichkeit selbst unter einer massiven, von Raubtieren bevölkerten Eisschicht empordrängen. Und schafft so Wärme, die jede Kälte überwinden kann.

Alex

Titel: Wind River
Kinostart: 08.02.2018
Dauer: 107 Minuten
Genre: Drama, Krimi, Thriller
Produktionsland: USA, Kanada, Großbritannien
Filmverleih: Wild Bunch

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