Wilson – Weltverbesserer oder Weltverwässerer?

Wilson – Weltverbesserer oder Weltverwässerer?

Wer jetzt gedacht hätte, bei Wilson – der Weltverbesserer handelt es sich um ein Spin-off unseres Lieblings-Beachballs, der hat sich getäuscht – oder Woody Harrelson hat sich in den letzten Jahren stark verändert.

TEILEN

Nein, hier geht es nicht um einen abtrünnigen Schwimm-Volleyball, sondern um eine unkonventionelle, geistig etwas schmale Nervensäge namens Wilson, ein professioneller Übertreter persönlicher Grenzen. Zu unserer (Schaden)Freude, aber zum Ärgernis seiner Mitmenschen. Wilson sucht nämlich – für die meisten Leute unangenehm – konsequent nach Nähe.

SLEAZE + Wilson - der Weltverbesserer
Nicht der typischste Spielplatz-Schaukler

Er versteht die Welt und ihre menschlichen Bewohner eben nicht so ganz, aber so einen kennen wir ja alle. Trotz allem ist Wilson schon ab der ersten Sekunde unser geliebter, treudoofer (Anti)Held. Warum (Anti)Held? Weil Wilson einfach kein Blatt vor den Mund nimmt, oft nicht nachdenkt und ein Talent dafür hat, uns in Fremdscham zu treiben.

Wer mag es nicht, wenn man schlafend und mit Kopfhörern auf im Zug geweckt wird, weil sich ein misanthropisches Kind in Mannesgestalt neben einen setzt und dich über dein Leben ausfragt oder er sich im gekachelten Nebenraum trotz fünf freier Pissoirs direkt neben dich stellt?

Zukunft ungewiss

Unser (von uns zumindest) sofort gemochter Profi-Autist kann sich nicht mit einem breiten Freundeskreis rühmen. Als der Unglücksrabe dann noch seinen Vater verliert, bleibt ihm lediglich sein treuer Begleit-Beller Pepper.
Um wieder Anschluss zu finden, versucht er es mit Dating. Nun ja, sagen wir: Das klappt eher suboptimal.

Was macht man dann also, wenn man einsam ist? Richtig, man kontaktiert seine Ex-Frau (Hust – keine gute Idee – hust). Wilsons damalige Femme Fatale heißt Pippi (Laura Dern). Für Pippi gibt er Pepper zu seiner Hundesitterin Shelly (Judy Greer) und macht sich auf die Spur seiner Verflossenen.

SLEAZE + Wilson - der Weltverbesserer
Das ging irgendwie zu einfach!

Kaum gefunden und nach einer relativ zügig und unerwartet zustande kommenden „ersten“ Nacht erfährt Wilson, dass er sogar Vater ist – seit 17 Jahren. Pippi hatte das Kind, ohne ihn das wissen zu lassen, zur Adoption freigegeben. Was man halt als ehemalige drogenabhängige Prostituierte so macht.
Voller Freude macht er seine Tochter Claire mit nicht ganz koscheren Mitteln ausfindig und geht ihr (Isabelle Amara) nach. Vorerst inkognito, versteht sich. Als Claire in einer Mall blöd von drei Arschloch-Kids angemacht wird, platzt unserem Protagonisten direkt der Kragen. Es passiert nicht oft, dass man es gerne sieht, wie ein erwachsener Mann einem Pubertierenden an die Gurgel geht. Hier irgendwie schon, denn Wilson ist zwar verschroben bis zur klinischen Merkwürdigkeit, möchte aber im Grunde genommen weder jemand anderem etwas Böses, noch will er seine eigene heile Welt in Gefahr sehen.

SLEAZE + Wilson - der Weltverbesserer
La Familia
Rulebreaker versus Realität

Ab dem Punkt dreht sich der Film leider um die eigene Achse, aus einem positiven, schwungvollen und stilsicheren Feelgood-Film wird leider ein deprimierendes bis verwaschenes Drama. Wilson selbst ist beim besten Willen nicht die tiefgründigste Person im Universum (auf jeden Fall flacher als in der Comicvorlage von Daniel Clowes) und dann so einen Wandel zu vollziehen ist, nennen wir es mal, ein Drahtseilakt.

Rettet sich der Streifen mit dem Schauspiel?

Das Kind in Woody Harrelson tropft geradezu aus jeder Pore, denn er spielt es wohl nicht unbedingt, sondern ist das Kind. Das würde jedenfalls die eine oder andere Rolle und unsere Sympathie für ihn erklären. Gegen Ende zeigt er noch tiefere Emotionen. We like!

Auch Laura Dern als Pippi brilliert auf allen Ebenen und Judy Greer zeigt, dass sie Talent in menschlicher Form ist.
Schauspielerisch ist Wilson – der Weltverbesserer also ein Leckerbissen, aber das macht den Braten nicht fett, denn ab der Hälfte ging Regisseur Craig Johnson leider die Luft aus. Wilson, der Weltverbesserer war platt.

SLEAZE + Wilson - der Weltverbesserer
Konsequenz gegen konsequente Frömmigkeit
Fazit

Die verschiedenen Stile sollten den Film erwachsener machen, haben ihn aber eher in eine Identitätskrise befördert. Will er eine Komödie sein, ein Familienfilm oder dann doch wieder ein ausgewachsenes Drama?

Das gute Spiel, die anfängliche Energie und Woody Harrelsons lach- und weinanregende Performance reichten leider nicht aus, um uns voll zu überzeugen. Regisseur Craig Johnson hinterlässt einen kleinen Film-Flickenteppich – einzelne tolle Szenen in einem recht unrunden, instabilen Gesamtkonstrukt. Bei dem Akt fehlte die nötige Balance für das Drahtseil.
Dass der Film final nicht zündet, mag eventuell auch an der deutschen Synchronisation liegen. Ich bin und bleibe kein Fan davon.
Ob Wilson am Ende die Welt verbessert hat und nicht mehr so einsam ist? Die Antwort flimmert auf der nächsten Kinoleinwand!

Chris

DVD-Veröffentlichung: 29.06.2017
Laufzeit: 101 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprachen: Deutsch, Englisch
Regie: Craig Johnson
Hauptdarsteller: Woody Harrelson, Judy Greer, Laura Dern
Verleih: Fox Searchlight Pictures

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT