Wie unterstütze ich meine Lieblings-Indie-Band?

Wie unterstütze ich meine Lieblings-Indie-Band?

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spotify_2Thom Yorke, Sänger von Radiohead, sagte einst über Spotify, es sei „nicht der Mainstream, sondern der letzte verzweifelte Furz einer sterbenden Leiche“. Harte Worte gegen den Marktführer unter den Musikstreaming-Diensten. Aber auch nichts Neues. Spotify musste sich seit seiner Gründung 2008 schon einiger Kritik stellen. Besonders Musiker scheinen nicht sonderlich gut auf den Anbieter zu sprechen zu sein.

Und so ließ nicht nur Thom sowohl Titel von Radiohead als auch seiner Zweitband Atoms For Peace entfernen, sondern auch Taylor Swift hat ihr neues Album erst gar nicht auf Spotify zur Verfügung stellen lassen und in einem Rutsch gleich auch alle ihrer vorherigen Werke vom Streaming ausgeschlossen. Taylor ist nämlich so gar nicht amused über die derzeitigen Entwicklungen im Musik-Business, auch wenn sie sich eigentlich keine Gedanken um ihre Finanzen machen müsste und sich der Spotify-Deal für sie wohl mehr rentieren würde als für unbekanntere Künstler. Sind es für sie zwar angesichts der Dimensionen, in denen sie sich finanziell bewegt auch eher Peanuts, so ist es für unbekanntere Künstler lediglich ein kläglicher Tropfen auf dem heißen Stein. Für solche Künstler ist Spotify nämlich ungefähr so wie deine Oma, die gönnerhaft zwei Euro springen lässt und sie dir mit den Worten „hier, kauf dir ‘n Eis“ in die Hand drückt. Wobei deine Oma es wahrscheinlich einfach nur nett meint, während die Absichten der Streaming-Dienste (Spotify hier exemplarisch) weniger ehrenhaft scheinen.

Um das Ganze mal etwas konkreter auszuführen: Laut offizieller Aussage von Spotify gehen pro gestreamten Song zwischen 0,006 und 0,00084 US-Dollar an den Künstler. Denkt man einen Schritt weiter bedeutet das, dass ein Song zwischen 119 und 167 mal gespielt werden muss, damit der Künstler einen Dollar erhält. Man kann erahnen, wie viele Plays es für zwei Kugeln Eis benötigt. Und das tut wohl jedem Musiker, der monatelang an einem Album arbeitete, in der Seele weh.

Die alte Leier vom verdorbenen Musik-Business und den armen Musikern, die all ihr Herzblut in ihre Arbeit stecken, aber trotzdem als Barmann oder Kartenabreißer arbeiten müssen, um sich überhaupt ernähren zu können. Klar, dass man mit Musik oder Kunst allgemein nicht unbedingt reich wird, sollte wohl jedem bewusst sein (und Geld wird wohl auch kaum die Hauptmotivation dahinter sein). Aber in einer Zeit, in der mehr kulturelle Produkte denn je, allen voran Musik und Filme, konsumiert werden, erscheint es doch paradox, dass die wirtschaftliche Lage immer schlechter wird.

Es scheint, als würde der Zugang zu solchen Erzeugnissen zunehmend als selbstverständlich betrachtet, und Streaming-Dienste haben sicherlich einen großen Teil dazu beigetragen. Um nochmals Thom Yorke zu zitieren: „Das ist alles eine Masche, die die Leute denken lässt, mit Technologie wird alles zu einer Wolke vereint und all die Kreativität wird eins und niemand wird mehr bezahlt und das ist ein großes, super intelligentes Ding‘. Bullshit“. Autsch! Und ja, ich spreche mich selber nicht frei von dieser Beobachtung, denn die ständige und günstige oder sogar kostenlose Verfügbarkeit von Musik, Filmen, Serien etc. ist tatsächlich ziemlich selbstverständlich geworden, wobei ich den Gedanken, wie das denn überhaupt möglich sein kann, gerne mal verdränge.

Hier öffnet man wohl ein Fass ohne Boden, das schnell zu Fragen wie „Ist es okay, bei H&M einzukaufen oder Tiere zu essen?“ ausartet. Das mache ich an dieser Stelle aber lieber mal ganz schnell wieder zu. Denn der eigentliche Punkt soll ja sein: „Wie kann ich denn nun in solch harten Zeiten meine arme Lieblings-Indie-Band unterstützen?“

Man sollte Streaming-Dienste nicht partout verteufeln, denn immerhin beugen sie Piraterie vor; in Norwegen ist sie dadurch beinahe gänzlich verschwunden. Aber dennoch führt Musik-Streaming insgesamt gesehen zu abnehmenden Plattenverkäufen. Und die oberste Regel für hingebungsvolle Fans besagt: Kaufe Platten! Am besten immer so direkt vom Musiker wie möglich. Das heißt, kaufe lieber direkt über die Website statt im stylisch kurierten Concept-Store (ja du weißt, welchen ich meine), oder lade die Songs lieber bei Bandcamp statt bei Amazon runter. Sei dir bewusst, dass du durch das Streamen von Musik vor allem dein Gewissen damit beruhigst, dass es legal ist, aber du den Künstler damit niemals so sehr unterstützt als würdest du seine Platte kaufen. Eine Aktion, die aber durchaus künstlerfreundlich scheint, hat der Streaming-Anbieter Deezer zusammen mit der PRS for Music Foundation ins Leben gerufen; den Momentum Music Award. Zuletzt hat die britische Band Fear Of Men im Rahmen des Awards dazu aufgerufen, ihre Songs zu streamen. Denn der Gewinner erhält eine Finanzspritze, mit der wie im Falle von Fear Of Men beispielsweise die Produktion eines neuen Albums unterstützt werden kann.

Insgesamt gilt: Spread the word! Nerve dein Umfeld damit, wie toll du eine Band findest und spamme die Netzwerke mit ihren Videos zu. Und: Gehe auf Konzerte. Treffend dargelegt hat Frank Spilker von den Sternen es kürzlich in einem Interview, in dem er die Debatte um das bessere Musik-Medium als unerheblich bezeichnete. Schließlich besorgen die Leute sich so oder so Musik, ob nun legal oder illegal. Es sei völlig legitim ein Album runterzuladen, wenn man dafür dann zum Konzert geht.

Auch wenn man das natürlich nicht immer alles befolgen kann, ist es doch vor allem wichtig, sich wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass hinter Musik ein riesiger Haufen Arbeit steckt, der angemessen vergütet werden sollte. Gerade durch diese mittlerweile selbstverständliche Verfügbarkeit neigt man dazu zu vergessen, dass (Achtung: Pathos) Kunst ein Gut ist, das unentbehrlich für die Gesellschaft ist. Man erinnere sich an Sven Regeners – bekannt als Sänger der deutschen Band Element of Crime – (wenn auch vielleicht etwas überspitze) Tirade über die derzeitige Situation von Künstlern in Deutschland, in der er den deprimierenden Schluss zieht: „Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“ Zwar wirkten seine Aussagen dann teils doch etwas drastisch, jedoch sprach er eine gern verdrängte Wahrheit aus: “Zu glauben, irgendwann käme das Sozialamt um die Ecke und würde die Bezahlung der Künstler übernehmen und dabei würde noch gescheiter Rock’n’Roll rauskommen – das kann man knicken.“

Also: Auch ein Indie-Musiker hat ein Eis verdient, vielleicht sogar mit Sahne.

Lisa

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