When in Berlin…

When in Berlin…

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Eine Nacht, eine Stadt und eine Geschichte, die einen von Beginn an fesselt und bis zum Schluss nicht loslässt. Schon ab der ersten Szene bist du mit dabei und lässt dich von Victorias Naivität mitreißen und kommst wie sie vom Treiben ins Straucheln. Alles geht so schnell und du kannst dich dem nicht entziehen. Am Ende fragst du dich: Was war da los und was ist da eben eigentlich passiert in dieser einen Nacht?

Was mit einer stinknormalen Partynacht anfängt, endet für Victoria mit einem Albtraum. Die junge Spanierin tanzt allein in einem Berliner Club. (Für die Partyleute: Den Club gibt es nicht wirklich. Aber die Kellerluke ist vor dem Lidl in der Kreuzberger Charlottenstr 1.) Sie kennt niemanden und macht dafür schnell Bekanntschaft mit der deutschen Gastfreundschaft. Der Barkeeper lässt sie abblitzen und auf der Damentoilette schließt sie auch keine Freundschaften. Erst die chaotische Truppe, bestehend aus den Freunden Sonne, Boxer, Blinker und Buss, nimmt sich ihrer an. Zwischen Victoria und Sonne beginnt eine kleine Flirterei und so lässt sich Victoria auch schnell überreden, ihn SLEAZE.victoria2und seine Freunde noch auf ein Bier Gesellschaft zu leisten. Alles scheint harmlos und locker und die spontane Begegnung der Fünf scheint mit Victorias Arbeitsbeginn in einem Café für beendet. Doch eine offene Rechnung, die Boxer noch in dieser einen Nacht begleichen muss, zwingt Victoria dazu, eine folgenschwere Entscheidung zu treffen.

Du teilst jede Emotion, jeden Pulsschlag mit Victoria. Jeden ihrer Atemzüge kannst du spüren, weil es auch deiner ist. Ein kollektives Herzklopfen, von Szene zu Szene, weil du genauso ahnungslos wie Victoria in jeden Augenblick rutscht. Die sprichwörtliche Achterbahn zwingt die Figuren und die Zuschauer in jeder Szene zu einer Fahrt. Wer will nochmal, wer hat noch nicht!? Dieser Film lässt einen nicht mehr los und mit Victorias Entscheidung, die Jungs bei ihrem Vorhaben zu begleiten, gibt es auch für den Zuschauer kein Entkommen mehr.

Dem Regisseur Sebastian Schipper ist hier etwas ganz Besonderes und wahrscheinlich auch Einzigartiges in der deutschen Filmgeschichte gelungen. Zwar haben sich vor ihm andere daran versucht, einen Film in nur einem Take zu drehen. Doch ist Schipper wahrscheinlich der Erste, dem es tatsächlich gelungen ist. Und das ganz ohne zu mogeln und zu tricksen. Einen Film mit nur einem Take zu drehen birgt auch die Gefahr, den Film langatmig oder einfach nur langweilig werden zu lassen. Doch ist der Einsatz von Musik die perfekte Lösung, in bestimmte Szenen eine Atmosphäre zu schaffen, die vielleicht nicht unbedingt zur Handlung beiträgt, aber den Zuschauer bei Laune hält. So wird einer belanglosen Fahrstuhlszene Leben eingehaucht. „Victoria“ bringt den Beruf des Cutters ganz schön ins Wanken und vielleicht sollten diese durchaus eine Umschulung in Betracht ziehen.

Doch auch bei der Wahl der Schauspieler hat Sebastian ein besonders gutes Händchen bewiesen. Mit Frederik Lau, Franz Rogowski und Burak Yigit hat er Figuren geschaffen, die eine unglaubliche Authentizität ausstrahlen. Gemeinsam in der Gruppe sind sie real und perfekt inszeniert. Hinter diesen Jungs hat jeder einmal bei Penny an der Kasse gestanden. Auch wenn ihre schlechte englische Aussprache kleine „Fremdschäm-Momente“ auslöst, trägt genau das zur Natürlichkeit der Figuren bei.

Doch besonders Laia Costa als Victoria ist der Diamant des Films. Sie schafft es, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, sie ist die Seele SLEAZE.victoria4des Films und gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen schafft sie eine Energie und Dynamik, die von Anfang bis Ende durchgehalten wird. Das Knistern zwischen Laia und Frederik Lau ist nicht zu überhören und gibt der Geschichte noch eine romantische Komponente. Dennoch schafft es der Film an der Bonnie und Clyde-Romantik vorbeizurauschen.

Natürlich trägt auch Berlin einen großen Teil dazu bei, dass dieser Film den Zuschauer fesselt. Und auch wenn jetzt alle Münchner stark sein müssen: Dieser Film kann nur in Berlin spielen. Keine andere Stadt in Deutschland hat diese Dynamik, die es erst möglich macht, diese Geschichte zu erzählen und sie vor allem glaubwürdig erscheinen zu lassen. Berlin hat nicht nur die Rolle einer Statistin, sie trägt die Schauspieler, treibt die Handlung voran und macht diesen Film so real.

Vergesst, was ihr vorher gesehen habt, denn mit Victoria übertrifft sich der deutsche Film selbst und man kann nur hoffen, das deutsche Publikum öffnet endlich die Augen und erwacht aus seinem Dornröschenschlaf. Dieser deutsche Film zeigt allen Schweighöfers dieser Welt, dass es keinen Grund mehr gibt, den Zuschauer mit irgendeiner dämlichen und substanzlosen Komödie zu quälen. Und Milan Peschel hätte dann auch wieder Zeit für gute Filme.

Mareike

Titel: VICTORIA
Regie: Sebastian Schipper
VÖ: 11.06.2015
Dauer: 140 Minuten
Verleih: Edition Senator / Senator Film Verleih GmbH

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