Wenn Wirklichkeit Kunst greifbar macht

Wenn Wirklichkeit Kunst greifbar macht

Diesmal war die Kunst des Blooom Award by Warsteiner ganz besonders nahegehend. Das hatte aber nichts mit dem neuen Umfeld in Düsseldorf zu tun, sondern an tieferliegenden Gründen.

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SLEAZE + Art Düsseldorf
Der neue Standort: Wir sind gespannt!

Das Finale des Blooom Award by Warsteiner haben wir uns natürlich auch dieses Jahr nicht entgehen lassen. In sehr schöner Industrie-Kulisse im Areal Böhler in Düsseldorf gleich gegenüber der Telekom präsentierte sich die neue Art Düsseldorf und mit ihr der Blooom Award mit seinen gewohnt kreativen, freigeistigen und konvergenten Werken. Wie wir ja schon im Oktober berichteten, lohnt sich der Award dieses Jahr besonders. Wie sehr, haben wir allerdings auch erst gestern Abend erfahren – und waren verblüfft und auch ein wenig geschockt.

Denn das echte Leben hat zugeschlagen. Und zwar mehr als passend, als wenn es möchte, dass auch der letzte Ignorant versteht, dass es um mehr geht als „First World Problems“. Gut, der Gewinner des Abends kommt aus dieser Ersten Welt (was für ein eklig-arroganter Begriff) und ist der US-Amerikaner Julian Harper. Mit seiner Tanz-Performance „It’s Getting Hot In This Cosby Sweater“ fokussiert er sich auf schwarze Stereotypen in den USA. Schwarze / Afroamerikaner sind gute Entertainer: Sie können tanzen, sind unterhaltsam wie Bill Cosby und Steve Urkel und exzellente Athleten. Das ist nicht neu. Zig Rapper sangen darüber wie Kam z.B. 1993, Muhammad Ali und Malcolm X waren Jahrzehnte davor bereits zu Recht angepisst davon, Entertainer wie Chris Rock und Dave Chappelle (nicht mit dem Fotografen verwechseln!) haben das Stereotype-Verarschen zu einem wichtigen Teil ihrer Shows gemacht.

Aber: Das Thema ist leider immer noch hochaktuell: Die vielen durch Polizisten getöteten Schwarzen der letzten Jahre, Black Lives Matter, Colin Kaepernicks Kniefall – der Rassismus in den USA sitzt tief, die Angst davor und die Wut darüber genauso. Hat Julian mit seinem Tanz-Video dafür den ersten Platz verdient? Finde ich persönlich etwas zu viel, da er es nicht mal besonders kreativ umsetzte. Solche Videos von Schwarzen, die weiße Vorurteile verarschen, findet man an und in jeder YouTube-Ecke. Aber auch hier gilt: Auch die Juroren kommen aus einem bestimmten Umfeld und sehen von ihrer Vita aus auf das Kunstwerk.

SLEAZE + Art Düsseldorf
Die fleißigen Juroren: 2.300 Einsendungen. Uff!

Viel spannender und vielschichtiger ist Platz 2 von Arshia Sohail. FREEDOM heißt ihr intelligentes Werk, welches aus einem schlichten Vogelkäfig in der Form des Worts „Freedom“ besteht – inklusive Vögel. Den Käfig könnte man vor jedes Jobcenter stellen, vor jeden Zoo, vor jedes Geldinstitut, vor jede Fabrik, vor jedes Modehaus und jeden Beauty-Laden – so vielseitig funktioniert das Kunstwerk. Und als wenn das noch nicht reichte, konnte die pakistanische Künstlerin nicht an der Siegerehrung teilnehmen, weil die Pakistanerin schlicht nicht die Freiheit hatte: Sie bekam kein Visum. Wieso, weshalb, warum ist dabei erstmal unwichtig. Es zeigt nur sehr deutlich, wie flüchtig Freiheit ist und wie wichtig darum, für diese immer zu kämpfen – auch mit intelligenter Kunst wie der von Arshia.
Und so könnte – und sollte – man den Käfig auch vor den Parlamenten dieser Welt errichten, vor den vielen Grenzen, vor den Flüchtlingsheimen und an all den anderen Orten, wo Freiheit oft nur ein Wort ist.

SLEAZE + BLOOOM 2017
Trügerische Freiheit: FREEDOM von Arshia Sohail

Übrigens: FREEDOM durfte aus Tierschutzgründen nicht vor Ort präsentiert werden: Wenn auch nicht gleich die Freiheit, doch so aber das Wohl der Vögel war wichtiger!

Etwas Auflockerung gefällig?

Das waren jetzt harte politische Themen. Platz 3 geht verdient an Yun-Ling Chen aus Taiwan. Ihr von Leichtigkeit getragenes Kunstwerk „Not Really Really“ ist auf den ersten Blick Nonsens. Ein Eidotter liegt auf einem Monokel. Was soll das? Vorsicht! Wenn du dich auf diese Frage einlässt, hast du die nächsten Tage zu tun. Mich erinnert es an die Aufgabe, eigentlich vorhandenes Wissen „auf der Zunge“ ins Gedächtnis zurück zu bekommen. Man hat es fast, aber dann doch nicht. Es ist nicht richtig greifbar. So geht es mir mit Yun-Lings Eigelb auch. Es ist so flüchtig und doch da.

SLEAZE + Art Düsseldorf
Ein Weihnachtsgeschenk haben wir.

Fun Fact: Yun-Ling wurde vor Ort Teil des Kunstwerks. Aufgrund der Wärme in den Hallen gestern musste alle halbe Stunde das Ei(n)dotter erneuert werden.

Neben diesen intelligenten Kunstwerken wurde auch zum ersten Mal ein Preis für ein Musikvideo verliehen. Ob sich das bewährt, muss sich die nächsten Jahre zeigen, ist doch ein Musikvideo in erster Linie ein Vermarktungswerkzeug. Es kann natürlich auch sein, dass sich der Blooom Award in die Richtung öffnet. Aber da besteht ein Risiko, dass die Veranstaltung dann zu werbelastig wird. Das muss der Award unbedingt vermeiden.

Wir brauchen keinen weiteren ADC-Abklatsch. Der Award erfüllt seine Aufgabe so, wie er sich jetzt entwickelt hat, sehr gut – wie man ja auch an den 2.300 Einreichungen aus 90 Ländern sieht.

Es gibt noch mehr

Ja, tatsächlich. Auch die Art Düsseldorf selber ist einen Besuch wert. Durch die großen, weiten Hallen des Areals entsteht eine ganz neue, eigene Stimmung, die die Kunst auf einer zusätzlichen Ebene bereichert. Es könnte allerdings sein, dass das bei zu großem Andrang verloren geht. Daher: Schnell hin und ausARTen!

danilo

Wann, Wie, Wo, Was
BLOOOM Award by WARSTEINER @ ART DÜSSELDORF
16. – 19. November, unterschiedliche Öffnungszeiten beachten
Tickets: 25 –55,-, VVK und Ermäßigung möglich
Areal Böhler, Hansaallee 321, 40549 Düsseldorf

SLEAZE + Art Düsseldorf
Auch die „restliche“ Art Düsseldorf hat einiges zu bieten.

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