Wenn die Finger wieder mal stinken

Wenn die Finger wieder mal stinken

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SLEAZE.goldzwerg-FingerWir lieben es ja, wenn die Medien uns durch ein überpräsentes Thema mal wieder dazu bringen, dem Ursprung so mancher Dinge auf den Grund zu gehen. So gab es in den letzten Tagen so einige Debatten rundum den gemeinsten aller fünf verschiedenen Finger, den Mittelfinger a.k.a. Stinkefinger. Und wir wollen unseren letzten Senf dazugeben – denn von diesem Thema kriegen wir einfach nicht genug!

Aber erst einmal ein Dank an Jan Böhmermann, dem ja zuletzt mit seinem hip anmutenden Satire-Format „Neo Magazin Royale“ der Einzug ins öffentlich-rechtliche Fernsehen gelungen ist. Ein Video soll belegen, dass seine Redaktion den Videoausschnitt manipulierte, in dem der griechische Finanzminister Yanis Veroufakis zu dem Satz „stick the finger to Germany“ den bösen Finger als unterstützende Geste hinzuzieht. Das sorgte für ordentlich Wellengang im Web. Sollte dies nämlich der Wahrheit entsprechen, so ist es Beweis dafür, dass der ARD beziehungsweise Günther Jauch, der ja gerne sonntagabends dem Durchschnitts-Tatort-Zuschauer mal das politische Weltgeschehen vorkaut, ein ziemlich grober Fehler in der Überprüfung seiner Quellen unterlaufen zu sein scheint. Und das ist dann wohl, was man unter einem waschechten Aufreger – ja, gar Skandal – versteht.

Soviel zum Anstoß der SLEAZE-Stinkefinger-Investigation. Aber wie kann es überhaupt so weit kommen, dass ein Finger wieder einmal für solche Furore sorgt, und hat Jan B. Recht, wenn er sagt: “So sind wir Deutschen halt. In einem Jahrhundert zweimal Europa verwüstet, aber wenn uns jemand den Stinkefinger zeigt, dann flippen wir aus.” Was hat es auf sich mit dem Mythos vom Stinkefinger?

Auch wenn so manch einer der jüngeren Generation vielleicht insgeheim glauben mag, Stefan Effenberg habe diese Geste der Verachtung erfunden (ich muss zugeben, dass das zumindest für mich 1994 im zarten Alter von drei Jahren die erste Begegnung damit war, Nachahmung natürlich streng verboten), liegt der eigentliche Ursprung dann doch schon etwas länger zurück. Genauer gesagt kann er – Achtung Ironie – bis in die griechische Antike zurückverfolgt werden. Im alten Rom nannte man ihn dann „digitus impudicus“. Für die, die im Lateinunterricht nicht gut aufgepasst haben also „unzüchtiger Finger“. So ganz einig ist man sich nicht über die genaue Bedeutungsherkunft, es scheint aber irgendwas mit Phallussymbolik und Machtdemonstration zu tun zu haben. Aber warum muss man diesen als Aggressionsvermittler missbrauchten Finger denn auch noch als stinkend bezeichnen? Könnte man nicht einfach nur, wie z.B. im Englischen, vom Finger sprechen?

SLEAZE.cover2-Finger
Frei nach Johnny Cash: unser zweites Cover.

 

 

Nein, die deutsche Sprache mag es schließlich, Missmut mit Fäkalsprache Ausdruck zu verleihen (um etwas Niveau zu wahren, verzichte ich an dieser Stelle auf eine Auflistung) und somit stinkt der Finger nun mal. Über die Jahrhunderte schien er an Popularität verloren zu haben, seit Mitte des letzten Jahrhunderts (nicht zuletzt durch prominente Stinkefinger wie Johnny Cash) erfreut er sich jedoch neuer Beliebtheit. Der Duden nahm den Begriff erstmals 1996 auf und definiert ihn nüchtern als „hochgestreckter Mittelfinger, der einer Person– mit dem Handrücken auf sie zu – gezeigt wird, um auszudrücken, dass man sie verachtet, von ihr in Ruhe gelassen werden will“. Runtergebrochen also: Wo die verbale Kommunikation versagt und kein Schimpfwort gemein genug erscheint, kann manchmal nur die geballte Faust mit empor ragendem Mittelfinger der Wut Ausdruck verleihen.

Aber Obacht! Zumindest in Deutschland kann der böse Finger böse Konsequenzen mit sich bringen. Dass man ihn Polizeibeamten nicht unbedingt unter die Nase reiben sollte, dürfe wohl bekannt sein. Aber auch darüber hinaus gibt es immer wieder Anklagen aufgrund des beleidigenden Fingers. So wurde zum Beispiel in Bayern ein Autofahrer, der einer Radarfalle den Finger entgegenstreckte, angeklagt – seine Geste habe den auswertenden Beamten persönlich beleidigt. Die Kamera habe zwar kein Ehrgefühl, das verletzt werden könnte, der Mensch, der das Bild betrachtet allerdings schon… ah…ja. Die Rechtslage scheint also nicht so ganz durchsichtig zu sein. Wir erinnern an dieser Stelle auch gerne nochmal daran, auf die korrekte Wahl seiner Gartendekoration zu achten. Seit letztem Jahr werden immerhin Anklagen aufgrund von Stinkefingern im Straßenverkehr generell nicht mehr entgegengenommen. Zuvor konnte eine solche Anklage doch tatsächlich zu mehreren Punkten in Flensburg oder sogar zum Führerscheinentzug führen. Die Welt ist schon wirklich ein grausamer Ort und jeder kann Opfer des Stinkefingers werden – er lauert an jeder Ecke.

Wir finden es jedenfalls gut, dass durch die erneute Debatte dem Finger etwas Ernsthaftigkeit genommen, und dafür Humor hinzugefügt wurde. Egal welches der Videos sich im Endeffekt als Fälschung herausstellen wird. Die Botschaft, dass man den Medien stets kritisch gegenüber stehen sollte, kann gar nicht oft genug betont werden. Danke dafür, du armer verurteilter Mittelfinger.

Lisa

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