Wenn der Schrei verstummt

Wenn der Schrei verstummt

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Sion Sono dürften die meisten Cineasten nicht zwangsläufig mit Ruhe und Einkehr assoziieren, sind seine bisher erschienenen Werke doch oftmals von äußerster Exzentrik und buntesten Eigenheiten gefärbt. Werke wie das vierstünde Love Exposure aus dem Jahre 2008 festigten auf Grund ihrer Torpedierung konventioneller Sehgewohnheiten und ihrer Verachtung filmischer und gesellschaftlicher Konventionen seinen Ruf als Enfant terrible des japanischen Kinos. Sein The Whispering Star stellt nun das meditative Pendant der vorigen Entfesselung dar, in dem der Filmemacher einkehrt und sich auf eine interstellare Spurensuche nach den Resten der menschlichen Zivilisation begibt.

Fukushima. Es reicht ein Begriff, ein Name einer bis vor einigen Jahren für den Großteil westlicher Bürger vollkommen unbekannten Stadt, um ein Symbol menschlicher Fehlbarkeit, gleichzeitig als mahnender Monolith geltend, ins Bewusstsein zu katapultieren. Seit der Atomkatastrophe in dem japanischen Ort 2011 hat sich die Peripherie in eine Geisterwelt verwandelt; aufgegebene Gebäude und verlassene Straßen sind nichts weiter als ein Echo aus Erinnerungen. Da verwundert es nicht, dass sich Sion für genau jene Umgebung als essentiellen Bestandteil seines (SciFi-)“Gebets für die Menschen auf der Erde“, wie er seinen Film selbstbeschreibend nennt, entschied.

Von unserer Spezies ist in seiner Geschichte nur noch ein Bruchteil am Leben. Irgendwo in einer weit entfernten Zukunft angesiedelt, haben Naturkatastrophen und Kriege die Menschheit merklich dezimiert. Auch die Erde ist längst kein Fixpunkt mehr, sodass sich der Rest Homo sapiens im Universum verteilt hat. In dieser melancholischen Einsamkeit und der Sprengung bekannter Raum-Zeit-Gefüge begleitet der Zuschauer die Androidenfrau Yoko (elegant minimalistisch: Megumi Kagurazaka), die als Paketbotin von Stern zu Stern reist, um Menschen mit Erinnerungsfetzen aus vergangenen Zeiten zu beliefern. Sie ist eine Vertreterin jener „Lebensform“, die das Universum dominiert: die Maschinen.

SLEAZE+The Whispering StarSion meditiert fortwährend zwischen Maschinentum und Menschsein. Schon der Entwurf von Yokos Raumschiff und gleichzeitig Liefershuttle des „Space Parcel Service“ hebt diese mitschwingende Dualität hervor, die sich mal an- und mal abstößt: ein in der Schwerelosigkeit des Alls umher schwebendes Haus japanischer Baukunst mit minimalistischem, aber wohlbekanntem Interieur. In und vor dem Hintergrund bekannter Weltraummotive wie fernen Sternen, mit charakteristischem Schweif ausgestatteten Kometen oder die spiralförmigen Wirbel fremder Galaxien, lässt sich hier die Vorliebe des Japaners fürs Surreale wiedererkennen.

Die Protagonistin selbst fungiert als Fusion des Gegensatzes von Maschine und Mensch: Es sind immer wieder Eigenheiten im Verhalten auszumachen, die zumindest die Möglichkeit eröffnen, dass in Yokos Bewusstsein mehr steckt als prädestinierte Pflichterfüllung. Teils endlos erscheinende Montagen fordern zum Beobachten der Roboterdame auf, wenn sie etwa Tee kocht, den Boden schrubbt oder sich die Zähne putzt. Sion Sono beschwört hier durch das gekonnte Zusammenwirken von Handlungsbildern und Texttafeln, die den Wochentag anzeigen, ein tiefes Gefühl von Monotonie und Leere, welche so bezeichnend sind für manch menschlichen Alltag. Zuweilen wechselt Yoko ein Wort mit ihrem Bordcomputer, der ähnlich menschliche Nuancen und Eigenheiten zeigt und das trotz oder gerade wegen des minimalistischen Ausdrucks via Lampen und Schalthebel, wenngleich auch immer wieder auf das Wesen der Roboter verwiesen und somit eine einseitige Vermenschlichung umgangen wird.

So führt Yoko, nach Jahren der Reise am Zielort angekommen, ihre programmierte Bestimmung aus und wartet auch schon mal Tage in einer Ruine des Empfängers auf selbigen. Ihre sporadischen Begegnungen mit Menschen, die sich teils in einer Art Schwebezustand zwischen Vergangenheit und gegenwärtiger Realität zu befinden scheinen, fördern aber auch in ihrem Schaltkreis offenbar eine Art Neugier oder Faszination für diese. Sie beobachtet, adaptiert und interessiert sich sogar für den Inhalt ihrer auszuliefernden Pakete, deren Lieferzeit zum Teil Jahre betragen. So etabliert Sion auch eine Hauptdifferenz zwischen maschinenhafter Aufgabenbewältigung und menschlicher Emotionen: Trotz jahrelanger Versanddauer werden Erinnerungsstücke quer durchs All geschickt. „Love is the one thing we’re capable of perceiving that transcends dimensions of time and space.”, hieß es da schon in Christopher Nolans SciFi-Abenteuer Interstellar. Liebe übersteigt Raum und Zeit.SLEAZE+The Whispering Star

Alle Handlung findet sich zu einem großen Teil in starren Schwarz-Weiß-Bildern wieder und auf den Zielplaneten selbst vor dem Hintergrund von Wildwuchs und Ruinen, die in ihrer melancholischen Einsamkeit zwar an das metaphorisch und poetisch aufgeladene Stalker von Andrei Tarkowski erinnern mag, letztlich aber nicht an dessen Komplexität und stimulierende Imaginationsgewalt heranreicht. Ließ Andrei den Zuschauer noch viel mehr im Trüben, so verpackt Sion seine Bilder eher in gläserne Symbolik denn nebelverhangene Mystik. Während der russische Regisseur den Zuschauer in einen cineastischen Traum sog, vermag der Japaner dies nicht. Dafür bleiben seine Bilder zu eindeutig, die Erzählung trotz allem Minimalismus und ihrem Hang zur Langsamkeit zu seicht. Hier bekämpfen sich Inszenierung und Plot, indem erstere zumindest den Eindruck erweckt, hinauf zu den Sphären eines Stalker oder auch Kubricks Weltraum-Opus 2001: A Space Odyssey zu blicken.

Vielmehr ist The Whispering Star aber ein „kleines Gedicht, das ich über das Verblassen von Erinnerungen geschrieben habe“, wie Sion sagt. Es ist ein Stück ruhiger, unaufdringlicher Poesie, die vor allem auf die Kraft des reinen Bildes setzt. Das ist grundsätzlich die wohl reinste und intensivste Form cineastischer Kunst. Und immer wieder gelingen dem Japaner ausdrucksstarke, zuweilen auch komisch gefärbte, universelle Bilder des Menschseins. Beispielsweise erzeugt er in einer Sequenz des Films durch Einsatz von Licht und Schatten ein Kaleidoskop der Gefühle und des Miteinanders, inmitten der Szenerie Yoko, die dem Treiben interessiert zuschaut.

Die Krux des Films ist, dass Sion zu selten Bilder solcher Strahlkraft gelingen. Er verliert sich zuweilen in repetitiver Monotonie, die das Werk deutlich länger als seine knackigen hundert Minuten wirken lassen. Es entsteht somit ab und an ein Vakuum an metaphorischer Bedeutung und visueller Kraft eben genau an den Punkten, in denen der Versuch der Sinngebung offenbar wird. Sion Sono gerät damit in seiner Verdeutlichung diverser Zusammenhänge zuweilen aus dem Takt, indem er die gleichen Noten zu häufig spielt oder seiner Komposition nichts entscheidend Neues hinzufügt. So bleibt von The Whispering Star letztlich ein kleines Flüstern, das es schwer haben wird, in einem Echo von Erinnerungen zu münden.

Alex Warren

Titel: The Whispering Star
Regie: Sion Sono
Dauer: ca. 100 Min.
VÖ: 26.05.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: Rapid Eye Movies

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