Was für ein Tier? Das / die Sacred Deer

Was für ein Tier? Das / die Sacred Deer

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SLEAZE + Sacred Deer

Ein flaues, höchst unangenehmes Gefühl zieht sich ungreifbar durch die Magengegend. Es ist ein unmittelbarer Eindruck, der sich auch nach Wochen und drei Sichtungen später nicht verflüchtigt. Ja, The Killing of a Sacred Deer ist ein höchst unangenehmer Film.

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Undurchsichtig: Halbwaise Martin

Und das ist etwas ganz Wunderbares. Yorgos Lanthimos, der zuletzt schon mit The Lobster feinfühlig wie verstörend zugleich vom Menschsein erzählte, zeigt mit seinem neusten Film erneut, dass er zu den aufregendsten und originärsten Filmemachern nicht nur unserer Zeit gehört.

Im Blick des blutigen Herzens

Seine erste, von Franz Schubert bespielte Einstellung beginnt mit dem Close-Up eines schlagenden, blutverschmierten Herzen. Wenn auch der vollbärtige Colin Farrell in der Rolle des Herzchirurgen Steven Murphy über die uns in Naheinstellung entgegenblickende Operation wacht, sind die inszenatorischen Zügel des griechischen Regisseurs allgegenwärtig. So gesehen sagt er uns schon anfangs: In diesem Film werden die Herzen meiner Charaktere und des Menschen im Allgemeinen freigelegt. Und wie.

Das Familienleben der Murphys um Arzt Steven samt seiner Frau Anna (Nicole Kidman) und den beiden Kindern Kim (Raffey Cassidy) und Bob (Sunny Suljic) gerät eines Tages in unheimliche Bahnen, nachdem sich Steven eine Weile mit dem Jugendlichen Martin (Barry Keoghan) trifft und dieser ihm vor dem Hintergrund eines Rachefeldzugs erklärt: Stevens gesamte Familie wird sterben, wenn Steven nicht einen von ihnen eigenhändig tötet. Denn Martins Vater starb einst während einer von Steven vorgenommenen Operation nach einem Unfall.SLEAZE + Sacred Deer

Im Folgenden beschwört Yorgos mit The Killing of a Sacred Deer einen Albtraum herauf, der schon vor der eigentlichen Offenbarung seine Greifer ausstreckt. Denn der Filmemacher versteht es ungemein, Welten des Absurden, Unklaren und Unwohlseins zu kreieren. Die Murphys selbst sind in ihrer einstudierten, penibel geölten Routiniertheit eine kalte Skurrilität der funktionablen Entfremdung, die auf Grund ihrer zuweilen roboterhaften Seltsamkeit so tief in uns widerhallen. Wahrheit findet Yorgos in seinem Film durch die sinnlos erscheinende Andersartigkeit seiner Inszenierung und nicht etwa durch das Ansetzen einer narrativen Schablone, die nur seelenlose Konstruktionen hervorbringt.

Tief im Brustkorb unserer Existenz

Wenn der heranwachsende Bob den Besucher Martin etwa nach der Anzahl seiner Achselhaare fragt. Ihn bittet, sie ihm zu zeigen und daraufhin antwortet, sein Vater hätte dreimal so viele. Wenn Anna, als ihr Mann ihren Sohn auf sein Versprechen anspricht, sich die Haare zu schneiden, sagt, welch schöne Haare er habe und sie das Gespräch schließt mit: „Wir haben alle schönes Haar.“ Oder auch, wenn es Sex hier nur unter Vollnarkose gibt. Es sind nur oberflächlich betrachtet Banalitäten, die in ihrer (auf-)wühlenden Absurdität mit all den in ihr liegenden Widersprüchlichkeiten tief in die wahren Lebenswelten ihrer Charaktere hinabtaucht.

Somit buchstabiert Yorgos das Innenleben, den pulsierenden Herzschlag seiner Figuren nicht aus, sondern erweckt sie zum eigenartigen wie uns bekannten Leben. Gleichsam schwebt er mit Stammkameramann Thimios Bakatakis durch die von ihm geschaffene Welt, als verfolge er als spektrales Geisterwesen die Geschehnisse und die von ihnen betroffenen Akteure.

Er beobachtet scharf, lässt den Blick schweifen und verfolgt die Handelnden wie Ausgelieferten, als hänge eine höhere, unbekannte Macht über den Geschehnissen. Das erinnert an Werke Franz Kafkas, in denen sich Individuen häufig mit eindringlich auf sie wirkenden Dingen konfrontiert sehen, deren wahre Gestalt sich nie final offenbart, aber stets mit einem Gefühl einer nackten Stellung in der Welt einhergehen. Einer Stellung, die das Seelenleben, oder: das Herz, weit offenlegt.

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Routiniert (/) glücklich?

Eine Erklärung verweigert Yorgos seinen Zuschauern in The Killing of a Sacred Deer zur Gänze. In diesem Film scheint alles möglich. Alles, woran jeder Einzelne zu denken und fühlen imstande ist. Hiermit zollt der Regisseur seinem Publikum größtmöglichen Respekt, indem er uns zur Erschaffung eigener Bilder stimuliert. Nach dem Film erschien mir nichts eindeutig erklärt, nicht einmal, ob Martin überhaupt etwas mit dem Sterben, welches hier in drei Phasen verläuft, zu tun hat. Ist er ein Symbol? Eine Metapher? Selbst eine ungreifbare Entität in Menschenform?

Denn vieles dreht sich um Verantwortung und dem feigen, unaufrichtigen Ausweichen derselben sowie den damit einhergehenden Konsequenzen. Der junge Martin schleudert sie dem bärtigen Mannsbild von einem Herzchirurgen brutal ins Gesicht. Es ist, als reiße Yorgos in Form des „Eindringlings“ den Brustkorb unserer Existenz auf und konfrontiert uns mit den Eingeweiden. Und das ist eines der schönsten Komplimente, die man einem Künstler machen kann.

Alex

Titel: The Killing of a Sacred Deer
Kinostart: 28.12.2017
Dauer: 121 Minuten
Genre: Drama, Horror, Thriller
Produktionsland: Großbritannien, Irland, USA
Filmverleih: Alamode Film

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