Von der Volksbank zum Volks-Banksy

Von der Volksbank zum Volks-Banksy

Am 01.04.2017 startet eine Street Art Gallery der besonderen Art in Berlin. Für zwei Monate öffnet "The Haus" seine Pforten und lädt alle Interessierten der urbanen Kunst ein, die auf fünf Etagen ausgestellten Werke zu begutachten. Doch nicht nur die Kunst ist diesmal das Beeindruckende: Es ist die Galerie selbst.

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Nicht nur in Südeuropa, Detroit oder der deutschen Pampa stößt man auf merkwürdige Immobilien-Ruinen. Auch in unseren Großstädten gibt es diese teils seit Jahren abgesperrte, verschlossenen Bauwerke, die einfach dastehen und den Zahn der Zeit an sich nagen lassen. Wie oft dachten wir uns schon: Was für eine Verschwendung!

Aus alt mach neu!

Die Immobilienfirma Pandion dachte wohl ähnlich. Doch erstmal klingt es nach dem aktuellen Immo-Prozedere: Die Firma plant in der Nürnberger Str. 68 einen Neubau mit 65 Eigentumswohnungen.
Zuvor war dort, das Verwaltungsgebäude der Berliner Volksbank ansässig. Die Abrissarbeiten sollen Mitte 2017 beginnen und das gesamte Projekt in einer Größenordnung von 28 Millionen im Herbst 2019 fertiggestellt werden.

Zwei- oder dreidimensional genial?

Allerdings – und damit sollte Pandion zum Vorbild werden in der Immobilienbranche – wird das Gebäude direkt hinter dem Europa-Center Berlin an der Gedächtniskirche vor seinem Abriss: auf künstlerische Art verschönert!

Ja, richtig gelesen! Über 170 internationale Graffiti-Künstler aus 17 Ländern toben sich seit acht Wochen auf dem 10.000 qm großen Areal aus, lassen unzählige Farbdosen zu Boden gehen und verwandeln das alte Gebäude in eine temporäre Kunstausstellung. Die leerstehenden Büroräume wurden genutzt, um beeindruckende Graffiti-Projekte zu kreieren und mal wieder zu zeigen, wie weit sich diese visuelle Kunstform von einem der fünf Elemente des Hip Hop zu einem eigenständigen, anerkannten Stil entwickelt hat – und weiter entwickelt, wie man an der Street und Urban Art sehr gut sehen kann.

Es geht schon lange nicht mehr (nur) um jugendlichen Leichtsinn, der als so genannter Vandalismus oft falsch verstanden wird und positive Einflüsse wie Reclaim the Streets ignoriert.

Jörni und Kimo bei der Pressekonferenz

Schön fasst die Attitüde ein lässiges Zitat eines Writers in der Pressekonferenz zusammen: „Man muss keine Angst vor uns haben. Wir sind zwar Atzen, aber auf uns kann man sich verlassen.“

Was er damit genau meint, kann man auch an der Kunst in der Nürnberger Str. sehen – wenn man sich Zeit nimmt. Denn hier verschmelzen detailreich und auf hohem Niveau Visionen, Farbgefühl und (mehr)dimensionales Denken zu einem stimmigen Ganzen mit der ungewöhnlichen Umgebung. Auch Skulpturen, aufwändige Zeichnungen und Installationen gehören zum Repertoire der talentierten Künstler.

Schauen wir uns das genauer an!

3D-Installation aus Pappe

Hässliche, schwarze Namenszüge zieren die Fassaden und Haustüren jeder Stadt, und das soll Kunst sein? Dieses gesellschaftlich unausgegorene, aber auch unausrottbare Vorurteil wird hier abgebaut (wie bald das ganze Gebäude). Die Künstler nehmen dich mit in eine neue Welt, die Kunst der Zukunft. Jeder einzelne Raum in den ehemaligen Büroräumen einer Sachbearbeiter-Firma hat nach der Verschönerung seine eigene Geschichte zu erzählen. Man könnte mehrere Tage dort verbringen aufgrund der vielen Details, die es zu be(tr)achten gibt. Und dabei war ich nur auf zwei Etagen, die drei weiteren Stockwerke werden zurzeit noch bearbeitet. Insgesamt umfasst das Gebäude fünf Stockwerke, nimm dir also etwas Zeit mit.

Nachtaktive Tiere im Zauberwald

Der Grundriss des Gebäudes ist eher einfach aufgebaut. Ein Flur, davon abgehende Räume nach links und rechts. Zum Glück ist es nicht mehr so trist wie die klassischen Amtsstuben.

Sie- und erleuchtet

Im Gegenteil: Manche Räume wurden miteinander verbunden und mit LED-Beleuchtung und speziellen Leuchtstiften in Szene gesetzt. Schwarze, lange, eng aneinander liegende Fetzen aus Stoff hängen von der Decke des Raumes und erschweren den Gang. Einmal durchgekämpft, befinde ich mich plötzlich in einer Art Zauberwald – und spüre sogar den sandigen Boden unter meinen Füßen.
Wie gesagt, diese Urban-Art-Galerie ist wirklich ein Abenteuer.

Wann öffnen sich die Türen in die NirvanArt?

Der offizielle Eröffnungstermin ist der 01. April. Das einzige Manko: keine Fotos oder Videos. Da sind die Macher echt streng. Wahrscheinlich wird es sogar eine Art Handy-Tüte geben, wo du dein Telefon während des Besuchs „eintüten“ musst. Das ist natürlich ganz schöner Unsinn! Wovor die Schöpfer wirklich Angst haben, wurde uns jedenfalls nicht ganz klar.

Immer der Nase nach… (мир = Erde)

Offizielle Begründung:
„Man solle die Kunst live erleben und man könne diese auch gar nicht mit einem simplen Handyfoto einfangen.“ Ob sich viele an so eine unlogische Regel halten, ist natürlich fraglich. Immerhin hat die Graffitibewegung Regelverstöße in ihrer DNA.

Aber abgesehen von dieser Kleinigkeit eine tolle Sache.
Also, ihr anderen Immobilien-Firmen, gebt euch einen Ruck und lasst in den Häusern, die eh abgerissen oder saniert werden, vorher noch etwas Kunst einziehen. Und wenn ihr schon dabei seid, denkt auch gleich mal über diese vielen hässlichen Brandmauern nach, die man verschönern könnte – und eure Immobilie damit aufwerten.

Abschließend noch etwas Fließendes fürs Auge:

Die Hauptverantwortlichen dieser Kunstausstellung sind Jörni, Bolle und Kimo. Diese schon seit Jahren in der Szene etablierten Graffiti-Writer haben auch Kontakt zur deutschen Musik-Szene. Mit dem Berliner Rapper Sido im Gepäck, produzierten sie ein cooles Video mit lustigem Wendepunkt:

Hier noch ein kleines extra Video für Graffiti-Fans:

The Haus
Nürnberger Str. 38, 10777 Berlin
Wann: 01.04. – 01.06.2017
Öffnungszeiten: noch keine weitere Angabe
Eintritt: frei (kleine Spenden sind immer gerne gesehen)

John

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