Vom Krieg in den Krieg

Vom Krieg in den Krieg

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Familiäre Notgemeinschaft: "Vater" Dheepan und "Tochter" Illayaal
Familiäre Notgemeinschaft: „Vater“ Dheepan und „Tochter“ Illayaal

Seit Monaten beherrschen Bilder und Nachrichten von Flüchtlingen, die vor Krieg und Perspektivlosigkeit ihre Heimat verlassen, die tägliche Berichterstattung. Manche Orte fungieren dabei als Symbole des Elends und der zerstörten Hoffnungen. Mit Seefeuer stand jüngst ein Film um die seit der zunehmenden Berichterstattung zu trauriger Bekanntheit gekommene italienische Mittelmeerinsel Lampedusa im Mittelpunkt der diesjährigen Berlinale. Für Gianfranco Rosis (Das andere Rom) dokumentarischen Kommentar zur Flüchtlingssituation gab es den Hauptpreis des Festivals, den Golden Bären. Bereits im vergangenen Jahr gewann Jacques Audiards (Ein Prophet) Dämonen und Wunder – Dheepan die Goldene Palme in Cannes. Sein Film über drei Flüchtlinge aus Sri Lanka, die sich gezwungenermaßen als Familie ausgeben, weiß mit seinem Thema allerdings nur allzu steif und zu gewollt umzugehen.

In ungeschönten und nur selten durch ein intensives, von düster-ambientischen Kompositionen Nicolas Jaars untermaltes Zusammenspiel von wohl komponierten Montagen, edlen Zeitlupenaufnahmen und kräftigen Farbspielen aufgebrochenen Bildern spult Jacques eine Reihe von Ereignissen und Entwicklungen seiner drei Hauptfiguren ab, die ein wenig ausgedient wirken. Er zeigt uns die Anfänge ihrer Odyssee, Bilder der Folgen eines Krieges, der das Trio zur Ausreise drängt. In einer Hochhaussiedlung in Frankreich angekommen, folgen Motive von Anpassungsschwierigkeiten und erste, potenzielle Konflikte abseits persönlicher Wünsche in der neuen Heimat werden angedeutet. Seine naturalistische Inszenierung nimmt sich dabei etwas zu ernst und das Konstrukt einiger Szenen wirkt zu sinnbeladen, als dass der Film über seine nur gewollte Intensität hinauskommen würde.
Der sozialdramatische Anstrich wird mehr und mehr zur Anstrengung, ohne den Zuschauer mitzureißen. Dass sich manch Feuilletonvertreter von den zum Teil dokumentarischen Bildern in seiner kulturellen Erhöhung bestätigt fühlt, wundert da nicht – nur hat man Filme dieser Art schon unzählige Male gesehen.

Der Krieg droht Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) einzuholen
Der Krieg droht Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) einzuholen

Das Werk ist damit vor allem ein von seinem starken, zeitgenössischen Thema getragenes, das aber kaum nachwirken wird. Zu einfallslos fällt der Umgang damit aus. Das ist schade, da der Franzose interessante Konstellationen schafft: die Familie, die keine ist, und dennoch zusammenhalten muss; die Sehnsüchte auf ein besseres Leben; individuelle Beweggründe, die miteinander konkurrieren, sowie ganz persönliche Bedürfnisse nach Liebe, Gemeinschaft und Anerkennung. Und nicht zuletzt die sozialen Brandherde, mit der sich die schicksalshafte Notgemeinschaft auch im neuen Zuhause konfrontiert sieht und Assoziationen an die schrecklichen Kriegszustände auslöst, in denen sich die nach dem Originaltitel benannte Hauptfigur Dheepan beweisen muss.

So ist der Film auch eine Variante der Reise eines Helden, der gegen all die an ihm zehrenden Widrigkeiten bestehen muss, um nicht nur seine eigenen Traumata zu überwinden, sondern auch für die Leute kämpft, die auf ihn angewiesen sind. So wie er auch auf sie angewiesen ist, da er etwas oder jemanden braucht, für das bzw. den er kämpft. Das gibt dem Film durchaus ein attraktives Fundament, doch findet es seine Auflösung zu selten in starken Bildern, die mehr sind als die erzwungen schwer wirkenden Impressionen eines zu konservativ bedeutungsbeladenen Sozialdramas.

Alex Warren

Titel: Dämonen und Wunder – Dheepan
Regie: Jacques Audiard
Laufzeit: 115 Min.
VÖ: 24.06.2016 (DVD, Blu-Ray, VoD)
Verleih: Weltkino

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