Vivarium: Wundersamer Albtraum in der Vorstadt

Vivarium: Wundersamer Albtraum in der Vorstadt

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Als Medienpartner des tollen Fantasy Filmfest entdeckten wir auf dem Festival viele tolle, neue Filme – wie Vivarium. 

SLEAZE + Vivarium
Der Makler als Tor zur Vorstadthölle.

Ein junges süßes Paar zieht in die Vorstadt. Was wie der Auftakt eines suburbanen Dramas um verlorene Lebensträume und einer Beziehung im bevorstehenden Sinkflug klingt, ist tatsächlich der Beginn eines surrealen Albtraums.

Der weitgehend unbekannte Regisseur Lorcan Finnegan zeigt mit Vivarium seltsames, rätselhaftes und unangenehmes Kino aus dem Reich des Bizarren und Abstrakten, das es in sich hat. Für mich schon jetzt ein Film, der bleibt.

Eigentlich wollen sich Lehrerin Gemma (Imogen Poots) und Landschaftspfleger Tom (Jesse Eisenberg) nur ganz unverbindlich schon einmal nach einem gemeinsamen Zuhause umsehen. Hierbei treffen sie auf Martin (Jonathan Aris), eine absonderliche Drahtgestalt im Gewand eines steifen Immobilienmaklers, der sie direkt auf eine Entdeckungstour in ihr mögliches neues Zuhause führt.

Doch aus der grün gefärbten Siedlung, in der ein steriles Grundstück dem anderen gleicht, gibt es offenbar kein Entkommen mehr. Martin ist verschwunden und das junge Paar findet keinen Ausweg aus dem Vorstadtlabyrinth. Schließlich geht ihnen das Benzin aus.

Willkommen in der Vorstadthölle             

Gemma und Tom sind gefangen. Fluchtversuche scheitern aus diesem merkwürdigen Ort, der mit seinen geschmacklosen Erdbeeren aus dem Willkommenskorb früh erste Warnsignale aussendet und in der Folge nur noch gruseliger und unerklärlicher wird. Mehr soll an dieser Stelle nicht zum Plot verraten werden.

Es sei nur so viel gesagt, als dass Vivarium auf mich zuweilen wie die nach außen getragene, terrorhafte, mysteriöse und pervertierte und zugleich sehr wahre Manifestation eines Träume zerstörenden Vorstadtlebens im Schnelldurchlauf wirkt.

SLEAZE + Vivarium
Gezeichnet vom suburbanen Albtraum: Tom (Jesse Eisenberg)

Lorcan spielt befreit und effektiv mit der Bandbreite filmischer Mittel, durch die er eine unbekannte und doch vertraute Welt erschafft. So verfremdet er zum Teil etwa Sprache, die uns zwar den Worten nach bekannt ist, doch in einer neuen Anordnung und Erscheinung distanziert, abschreckt und zugleich fasziniert.

Ein anderes Mal nutzt er beispielsweise visuelle Effekte, die seinem Handlungsort etwas abstoßend Künstliches verleihen. Das Licht der untergehenden Sonne durch die verlassenen Häuserfassaden beschwört etwas ungreifbar Apokalyptisches herauf, während am Firmament die immer gleich geformten, perfekten Wolken vorbeiziehen.

Ein wahres Kinoerlebnis

Irgendeine unausgesprochene Macht scheint über dem Ort zu liegen, in dem zutiefst Menschliches fehlt und zugleich Menschliches geschieht. Nähe trifft auf Distanz, Zusammensein auf Isolation und Liebe prallt mit der neuen, eiskalten und absurden Lebensrealität des Paares zusammen.

Gleichzeitig verwehrt Filmemacher Lorcan, der auch das Drehbuch schrieb, seinem Streifen konkrete Antworten. Er stellt nicht offensiv die Sinnfrage oder kommt gar missionarisch daher, sondern versteht Kino offenbar als seine urtümlichste Form.SLEAZE + Vivarium

Es ist ein aus Bild und Ton konstruierter Raum des Erlebens und Erlebnisses, ein kollektives Träumen. Es ist der Raum großer Geschichten, in denen „Sinnlosigkeit” erst Sinn für jeden Einzelnen im Erleben schafft. Indem er Ideologisches vermeidet überwindet er die Grenze der Verkopfung und Rationalisierung und zwingt uns, sich unseren Gefühlen und Intuitionen zu stellen. Kurz gesagt ist Vivarium Kinoerlebnis in reinster und schönster Form.

Alex

Titel: Vivarium
Kinostart: noch ohne deutschen Kinostart
Dauer: 97 Minuten
Genre: Drama, Mystery
Produktionsland: USA
Filmverleih: Tele München Gruppe

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