Vinyl: Rock‘n‘Roll Will Never Die

Vinyl: Rock‘n‘Roll Will Never Die

Liebe SLEAZE-Gemeinde, versammel dich: Denn hier kommt "außer der Reihe" mal eine Serien-Vorstellung. Doch halt die Augen offen, vielleicht gibt es in Zukunft auch mehr davon: "Vinyl" kannst du ab dem 8.9. käuflich als Blu-ray oder DVD erwerben.

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Mit Vinyl gibt es cooles neues Serienmaterial aus den USA, sogar von HBO, dem Qualitätssender für trendige Serien (Game of Thrones, Sopranos!). Als würde das noch nicht reichen, wurde die Show geschaffen von Martin Scorsese (The Wolf of Wall Street) UND Mick Jagger, dem Sänger der Rolling Stones! Das sind wirklich mal zwei große Namen. Sie spielt zudem auch in New York Anfang der Siebziger Jahre – cooler Ort und coole Zeit also!

Und so ähnlich wie in The Wolf of Wall Street oder (wahrscheinlich) Mick Jaggers Privatleben zu dieser Zeit geht‘s dann auch ab in Vinyl: Sex, Drugs & Rock‘n‘Roll! Richie Finestra (Bobby Cannavale) ist Boss eines New Yorker Plattenlabels. Eigentlich möchte er ganz zu Beginn der Serie sein Label verkaufen und das ganz dicke Geld machen. Doch dann hat er eine Art Erleuchtung, verkauft sein Label doch nicht und möchte einen neuen Sound finden (das, was im Laufe der Siebziger zu Punk werden wird). Diese „Erleuchtung“ erreicht ihn aber, nachdem er einen Rückfall in ein sehr großes Kokain-Problem hat. Das hatte Richie eigentlich schon seit einigen Jahren hinter sich gelassen, doch jetzt kehrt es dafür umso stärker zurück – und es ist eh nicht leicht, „clean“ zu bleiben im Musikbusiness und zur damaligen Zeit, denn Drogen sind überall und jeder nimmt sie, das zeigt Vinyl sehr schön.

Aber diese Story reicht natürlich noch nicht aus für eine heutige Serie, denn in den aktuellen und wirklich größtenteils guten und interessanten Shows wird ja eigentlich immer zwischen mehreren Handlungssträngen hin- und hergesprungen. So gibt es in Vinyl auch noch:

Jamie beißt sich hoch im Haifischbecken Musikbusiness
Jamie beißt sich hoch im Haifischbecken Musikbusiness

Die Story von Jamie (Juno Temple), Richies junger Praktikantin, die eine neue Band, die „Nasty Bits“ entdeckt und zum Label bringt. Die „Nasty Bits“ machen gerade den Proto-Punk-Sound, den sich Richie (das war der Plattenboss) für die Zukunft seines Labels und des Rock‘n‘Roll wünscht. Der Sänger dieser Band spielt auch eine große Rolle.

Außerdem noch: Richies Frau Devon und ihre gemeinsamen Eheprobleme. Und noch mit dabei: Lester Grimes, Richies erster Musiker, als er in das Business einstieg. Dem hatte Richie damals übel mitgespielt, was in Rückblenden zu sehen ist.

Lester Grimes hat mit Richie noch eine Rechnung offen
Lester Grimes hat mit Richie noch eine Rechnung offen

Überhaupt Rückblenden: Davon gibt es viele in Vinyl. Nicht nur innerhalb der Story, sondern man sieht auch immer mal wieder Auftritte von berühmten oder wichtigen Musikern. Die kommen einfach so und haben eigentlich nichts mit der Story zu tun: Eine Szene ist vorbei, dann läuft vielleicht Buddy Holly ins Bild und performt einen Song – immer noch vor dem Hintergrund der letzten Szene. Ziemlich fett! So möchte einem Vinyl die Geschichte des Rock‘n‘Roll näher bringen.

Aber auch in der Gegenwart des Jahres ‘73 gibt es zuhauf Musikgeschichte: In so ziemlich  jeder Folge treten Größen der damaligen Zeit auf. Eine kurze (unvollständige) Liste: Lou Reed & Andy Warhol, Robert Plant, der Sänger von Led Zeppelin, Alice Cooper, David Bowie! Diese Musiker werden von heutigen Schauspielern verkörpert, was mal mehr (Andy Warhol), mal weniger gut funktioniert (David Bowie). Erfundene Musiker gibt‘s dann auch noch, beispielsweise den R‘n‘B-Sänger Hannibal, durch den viel über Black Music aus den Siebzigern erzählt wird. Du merkst also: Vinyl ist ein ganz schöner Koloss!

High-Life in den 70ern: Devon, Richie und R’n’B-Sänger Hannibal
High-Life in den 70ern: Devon, Richie und R’n’B-Sänger Hannibal

Doch eigentlich geht‘s vor allem um Richie: Der befindet sich in einer wunderbar anzuschauenden Abwärtsspirale aus Kokain, impulsiven Entscheidungen und dem Ende seiner Ehe. Unvergesslich, wie Richie im Piloten total druff nachts unterwegs in einem Bruce Lee Film ist und vor der Leinwand alle Tritte und Schläge von Bruce nachmacht. Gerade für so was ist Martin Scorsese ja Experte. Wer erinnert sich nicht an die Auto-Einstieg-Szene in The Wolf of Wall Street oder an Ray Liottas Gesichtsausdruck in Goodfellas, als er sich eine fette „Nase“ Koks reinzieht und dann mit weit aufgerissenen Augen in die Kamera blickt!

Mick Jagger fungierte bei Vinyl hingegen als musikalischer Berater und hat den Drehbuchautoren sicherlich auch einige Geschichtchen über die damalige Zeit eingeflüstert. So bringt Vinyl die Siebziger Jahre auch wirklich gut rüber. Nicht nur die phänomenale Ausstattung sorgt dafür. Es fühlt sich alles passend und stimmig an und die beiden großen Namen sorgen für Authentizität (auch Martin war ja in den Siebzigern schwer aktiv in New York, drehte beispielsweise 1976 den fast schon ultimativen New-York-Film Taxi Driver).

Vinyl kommt – bei all den guten Zutaten – bisweilen rüber wie eine Art Mash-Up erfolgreicher Serienkonzepte der letzten Jahre: Ein Period Piece, das am Arbeitsplatz spielt, verbunden mit Eheproblemen? Mad Men! Eine fehlbare männliche Hauptfigur mit übergroßem Ego? Tony Soprano, (mit Abstrichen) Walther White, Don Draper (wieder Mad Men!). Wer auf die Musik der damaligen Zeit steht, wird von der wunderbar musikalischen Serie sehr gut bedient. Die Storys treffen allerdings manchmal nicht ins Schwarze. Ein erfolgreicher Plattenboss, der mit seinen verrückten Mitarbeitern und durchgedrehten, da super erfolgreichen Stars kämpfen muss, während er selber mächtig über die Stränge schlägt? Das schau ich mir gerne an.

Richies Frau & Hippie-Göttin: Devon
Richies Frau & Hippie-Göttin: Devon

Dann gibt es aber noch: Richies Eheprobleme mit seiner Frau Devon (Olivia Wilde). Richie und Devon haben sich nämlich ein spießiges Haus in der Vorstadt gekauft und wollen dort ein ruhiges Leben hinterm weißen Zaun führen, besonders für ihre beiden kleinen Kinder. Aber, große Überraschung: Devon langweilt sich im Spießertraum fernab vom aufregenden Geschehen New Yorks, in dem sich Richie rumtreibt! So ein Setting passt wohl eher in die heutige Zeit, oder aber – wie bei Mad Men – in die Fünfziger und frühen Sechziger Jahre. Doch Vorstadt-Traum anno ‘73? Das passt irgendwie nicht.

Oder aber eine ganze Substory um einen Mord und Richies Mafia-Connections. In der Story taucht eine Pate-mäßige Figur auf und natürlich ist Martin Scorsese für so was auch wieder der Mann (Casino, Goodfellas). Aber das hätte die eh schon randvoll gestopfte Serie nicht noch zusätzlich gebraucht und bremst zuweilen eher aus. Denn die ruhig-hochangespannten Gespräche mit dem „Paten“, bei dem jedes falsche Wort übel ausgehen könnte, passen vom Feeling her gar nicht in die sonst so kurzweilige, sprunghafte und energiegeladene Show.

Dann lieber mehr von den Rückblenden, beispielsweise wie Richie im Musikbusiness anfing oder wie er in Andy Warhols Factory seine spätere Frau Devon bei einem Velvet Underground-Konzert kennenlernte und danach mit dem superverrückten deutschen Nihilisten Ernst abhängt.

Lustig und verrückt ist Vinyl allemal. Und hat erkennbar eine große Liebe zur Musik. So kommen nicht nur die ganzen schon genannten bekannten Musiker der damaligen Zeit vor. Man sieht z.B. auch mal einen schwarzen DJ, der gerade dabei ist, Hip Hop und DJing zu erfinden, was nur damals natürlich noch niemand blickt. Wenn besagter DJ dann seine Tracks ineinander mischt, rufen die Zuhörer: „Spiel das Teil doch mal aus!“ Und jemand anders meint: „Du machst eigentlich gar keine Musik!“ (da er ja nur Platten von anderen Musikern auflegt). Hier beginnt eine ewige Diskussion, die wir auch heute noch oft genug führen.

Dann treten auch immer mal wieder erfundene Bands auf, die aber immer für gewisse Strömungen der damaligen Zeit stehen. Und wirklich (fast) jede Strömung kommt vor. So hört und sieht man einmal im Aufnahmestudio von Richies Label England Dan & John Ford Coley. Das war ein damals so genanntes „Jacht-Rock-Duo“, also Typen, die sich auf super-harmonische und total nichtssagende Liebeslieder spezialisiert haben. Heute würde man die Richtung wohl eher als Easy Listening beschreiben, aber es ist schon interessant zu sehen, welche Auswüchse die in allen Belangen ausgeflippten, da sehr freien Siebziger Jahre so hervorbrachten.

SLEAZE.vinyl5Anschauen also? Ja! Ganz am Anfang ist die Serie ein einziger Rausch, die ersten beiden Folgen sind bedenkenlos empfehlbar und beim Piloten führte zudem auch noch Martin Scorsese selbst Regie. Musikliebhaber können mit Vinyl eh nichts falsch machen. Gegen Ende geht dem Ganzen ein wenig die Luft aus. Die Serie wurde inzwischen auch – nach einigem hin und her vom Sender HBO – leider nach der ersten Staffel schon wieder eingestellt. Für ihr 100 Millionen Dollar Budget und die involvierten großen Namen war das Endprodukt dann womöglich doch nicht gut genug. Aber dennoch: Empfehlenswert für Musik-Liebhaber und Vielschauer aktueller Serien.

Robert

 

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