Viele nackte Menschen: Hin da!

Viele nackte Menschen: Hin da!

Jetzt wird es interessant für dich, vor allem, wenn du dich für Fotografie interessierst. Helmut Newton lässt bitten!

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SLEAZE + Helmut Newton Stiftung
Jean Pigozzi, Matthias Harder, Kurator des Museums und Mario Testino bei der Pressekonferenz.

Wir waren letzte Woche auf der Pressekonferenz der neuen Sonderausstellung der Berliner Helmut Newton Stiftung im Museum für Fotografie.
Nach Helmut Newtons Tod im Januar 2004 ist das Museum für Fotografie seit der Eröffnung im selben Jahr ein fetter Zuschauermagnet. Helmut war es sehr wichtig, dass hier auch immer ein Platz für die Arbeiten von anderen Fotografen sein soll. So passt es also, dass die drei Fotografen, die nun momentan ihre Werke zeigen, sich auch persönlich kannten/kennen und offensichtlich voneinander inspiriert sind.

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Tolles neues Ausstellungskonzept! Das Foto ist von Gerhard Kassner.

Bei der aktuellen Ausstellung werden zum einen Originalabzüge von Helmut Newton aus dem Stiftungsarchiv gezeigt. Die Frauen auf vielen seiner Bilder sind meist nackt oder leicht bekleidet. Im ersten Moment kann man das sehr wohl mit kritischem Auge betrachten, jedoch hat Helmut Newton erheblich zu einem ganz anderen Blick auf Frauen beigetragen. Die Frauen auf seinen Bildern sind nicht verletzlich und brauchen Hilfe; sie sind stark, strahlen Selbstbewusstsein aus, ohne Ende!

Natürlich geht es auch um Sex. Wie immer. Aber nicht um die Objektivierung von Frauen oder ihren Körpern, sondern um die Kraft, ihre eigene Sexualität zum Ausdruck zu bringen.

Mister Newton hat viel Werbe- und Modefotografie gemacht, was mich eigentlich oft abstößt, wenn ich mich mit Fotografen beschäftige. Allerdings hat er eine so gewaltige, eigene Bildsprache, dass die Bilder sowohl in der Vogue als auch als eigenständige, freie Bildserie gesehen werden können. Seine Werbefotografie steht in keinem Vergleich zu dem, was wir heute unter Werbefotografie verstehen. Das liegt aber sicherlich auch daran, dass uns ein Schwarz-weiß-Bild gleich viel edler und schlichter erscheint als ein farblich viel zu überladenes Foto mit hochgezogener Sättigung.

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Mario Testino lässt sich von Pressefotografen abknipsen.

Mario Testino kennst du ja vielleicht schon, schließlich haben wir ja bereits einen tollen Bildband von ihm verlost. Mario sieht sich sehr von Helmuts Fotografie inspiriert. Betritt man Marios Ausstellungsraum, merkt man sofort die erste Affinität zu Helmut Newton: nackte Menschen.

Aber wie! Marios Portraits sind über-lebensgroß direkt auf die Wand geklebt, man kann die Bilder und Körper der Models Zentimeter für Zentimeter mit den Augen abtasten und befindet sich eher in einer Körperlandschaft als einer Ausstellung. Für das sonst doch eher klassische Ausstellungskonzept des Museums etwas komplett Neues. Ich finde das ziemlich gut, dass das Museum mal aus gewohnten Mustern ausbricht und konzeptuell endlich mal Neues macht.

Bei der Pressekonferenz zeigt sich Mario Testino cool und selbstbewusst, was bei der Qualität seiner Arbeit ja auch kein Wunder ist. Man merkt, dass sich bei ihm viel um Sexualität dreht und dass er, wie Helmut, ein Perfektionist bei seiner Arbeit ist.

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Eines der Bilder, welches für mich absolut keine Emotionen bereit halten. Trotzdem natürlich ein gutes Foto. Vogue Italia, Paris, 2000© Mario Testino

Mir persönlich ist Marios Arbeit einen Ticken zu viel Werbefotografie und Mode. Es gibt Bilder in der Serie Undressed, die für mich absolut keinen Tiefgang haben. Allerdings gibt es auf der anderen Seite auch Fotografien, die sehr viele Emotionen ausdrücken, vor allem durch das bombastische Ausstellungskonzept.

Theoretisch müsste man das Ganze nochmal in zwei Teile auftsplitten. Für mich geht es bei der Serie jedenfalls nicht um die Visualisierung und Materialisierung des Entkleidens, was wohl der angedachte Hintergedanke war.

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Dazu das Gegenteil. Dieses Bild ist wesentlich emotionsgeladener. James Gooding and Donovan Leitch, Los Angeles, c. 1999© Mario Testino

In June’s Room findet sich jetzt die Fotoserie Poolparty von Jean „Johnny“ Pigozzi, welcher hier seine Poolpartys mit den Reichen und Schönen in seiner Villa am Cap d’Antibes festhält und zeigt. Wer also tanzende VIPs wie Naomi Campbell oder Bono oder Helmut Newton selbst sehen will, hin da!

Ich finde, dass man die Verbindung zu Helmut Newton auch in Johnnys Bildern sehr sieht oder man sie sich zumindest rauspicken kann. Ich mag die Serie sehr gerne, es ist offensichtlich immer dieselbe Kulisse, das ist auf fast jedem Bild zu sehen. Man erkennt besondere Persönlichkeiten, die wir aus den Medien kennen, nie wirken die Bilder aber gestellt, die Partys zu wild und die Posen zu obszön.

Das Ausstellungsprinzip hier ist wiederum klassisch, was aber in diesem Raum und auch zu den Fotografien passt und kaum zu umgehen ist.

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Jean Pigozzi wird interviewt vor seiner Ausstellung „Pool Party“.

Jean Pigozzi, der bei der Pressekonferenz anfangs „ein wenig“ genervt wirkt, entpuppt sich als Witzbold der beiden Fotografen. Er wirkt unheimlich interessant und weiß genau, was er will. Obwohl es mir meist schwer fällt, steinreichen Leuten zuzuhören, die es noch raushängen lassen, dass sie krass Kohle haben, finde ich doch, dass er als Mensch mehr Tiefgang zu haben scheint und bin deshalb ein bisschen traurig und verwirrt, das eher Mario Testino der Star der Veranstaltung ist und ich leider nicht dazu komme, mehr über Johnny Pigozzi zu erfahren.

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Naomi Campbell tanzt an Johnnys Pool am Cap d’Antibes. Naomi Campbell with Mick and Bono (the dogs), Antibes, 1993© Jean Pigozzi

Alles in allem bin ich auf jeden Fall ein großer Fan der neuen Ausstellung und kann sie wirklich jedem empfehlen! Das Museum ist sowieso eines der besten Kunstmuseen Berlins und wenn du auch so krass auf Fotobücher stehst…Im Museumsshop kannst du dich austoben.

Also auf geht‘s!
Doro

Museum: Museum für Fotografie, Helmut Newton Foundation
Adresse: Jebensstraße 2, 10623 Berlin
Ausstellung: Mario Testino. Undressed / Helmut Newton. Unseen / Jean Pigozzi. Pool Party
Zeitraum: 3.6. – 19.11.2017
Kosten: 10€, ermäßigt 5€

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