Victors Monsterwitz

Victors Monsterwitz

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Mary Shelleys Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus hat schon manch filmische Umsetzung erfahren. Die bekannteste Adaption dürfte sicher der 1931 erschienene Frankenstein von James Whales darstellen, in der Boris Karloff eine bis heute nachwirkende Darstellung von Frankensteins Monster darbot. Victor Frankenstein wird eine solche Wirkung verwehrt bleiben. Die Umsetzung des Stoffes durch Regisseur Paul McGuigan (Lucky Number Slevin) ist ein nie zur Ruhe kommendes Werk über Obsession und Moral, das sich durch etliche inszenatorische und dramaturgische Fehltritte selbst seinen filmischen Strick knotet.

Von bittersüßer Ironie ist es, wenn ein Film über die von menschlicher Hand geführte Erschaffung von Leben sich so selbstsicher zu strangulieren vermag. Im Zentrum dieses Suizids steht die titelgebende Figur, launig dargestellt vom Schotten James McAvoy (Filth), die voller Hingabe inmitten des konservativen Viktorianischen Englands an der Erschaffung von Leben arbeitet. Der Medizinstudent trifft in einem schauderhaften Zirkus auf einen verwahrlosten, aber vor allem anatomisch begabten Clown. Beeindruckt von seinen Fertigkeiten, verhilft er ihm zur Flucht, stellt ihn als Assistenten ein und gibt ihm fortan den Namen Igor. Daniel Radcliffe (ungerne erwähnt, aber am bekanntesten sicher als Harry Potter) als Frankensteins Gehilfe weiß dabei noch immer nicht aus sich herauszukommen: Seine Balance liegt zwischen Verkrampftheit und Ausdruckslosigkeit, die zuweilen in unfreiwillige Komik mündet. Der Verspieltheit James McAvoys mit ihrem obsessiven Verve begegnet er mit omnipräsenter Blassheit.

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Der Film krankt aber an noch viel grundlegenderen Problemen, die ihn mit sicherer Beständigkeit dahinraffen. Denn im Kern ist er ein aufs Massenpublikum getrimmter Hybrid aus Action-, Horror- und Buddyfilm, ohne dass auch nur ein Element nicht giftig wirken würde in diesem Anordnungsversuch. Regisseur Paul gesteht seiner Frankenstein-Variante keinen Moment der Ruhe zu, schneidet wild umher und verliert sich in erzählerischer Leere. Der eigentliche Konflikt ist dabei ein potenziell interessanter, geht es schließlich um die Konfrontation und Verschachtelung von wissenschaftlichem Fortschritt und einer gewissen Vorstellung von Moral. Dazu versammeln sich eine Reihe von Figuren, die nichts weiter sind als Staffage für ihren Hauptakteur. Igor ist vor allem ein in der Kernthematik des Films verankertes Symbol der Lebenserschaffung: Anfangs noch gebückt laufend, einem Tiere gleich, verhilft ihm Victor zum aufrechten Gang, der Menschwerdung. Der Versuch, ein dynamisches, freundschaftlich angespanntes Verhältnis zwischen den beiden zu etablieren, scheitert dabei grandios. Als Buddy-Movie kann der Film bei solch einer Verweigerung zwischenmenschlicher Dynamik nicht funktionieren. James und Daniel sind hier, trotz anderer Vorstellungen der Macher, zwei sich neutral und ohne Brisanz gegenüberstehende Figuren in einem Kabinett, das weithin von Lethargie erfasst ist.

SLEAZE+Victorfrankenstein3So folgt im Weiteren ein weiblicher Augenfang, Igors bereits aus Zirkustagen bekannte Artistin, die nicht mehr ist als das kleine Engelchen auf seiner Schulter, die ihn im Zwiespalt von Moral und Frankensteins Ambitionen mit weichgespülten Weisheiten zur Seite steht und gleichzeitig die Funktion des Liebeselements übernimmt. Hier allerdings so kalt, lollipoppig und reizlos, dass man Frankensteins groteske Lebensentwürfe für das Knistern eines warmen Kaminfeuers halten könnte. Am ,,Interessantesten“ erscheint da noch die Einführung des Inspector Turpin, gespielt von Andrew Scott, der mit dem Regisseur bereits in der britischen Erfolgsserie Sherlock zusammentraf. Sein Charakter ist der Gegenpol wissenschaftlicher Obsession, nämlich ein moralisch-religiös motivierter. Das explosive Konfliktpotenzial verpufft aber auch hier: Sein Inspector ist eine dramaturgische Platzpatrone, durch ihre Einfachheit nicht mehr als billiger Alibikonflikt und vollkommen wirkungslos. Regel 5 im Buch zur Erstellung mieser Skripte schreibt das einfache Psychologisieren jeder noch so uninteressanten Figur vor: Und so erfährt Victor Frankenstein einen familiären Pseudokonflikt, Inspector Turpin taucht in Pseudotragik und Igors „Drama“ wird bereits anfänglich als Dasein eines Clowns im Horrorzirkus abgehakt.

Die Verwandlung potenzieller Konflikte in ihre filmische Auflösung weiß sich kaum vom Nullpunkt zu entfernen. Selbst das im Viktorianischen England gelegene London als Hauptsetting werden nicht mehr als ein paar düster-dreckige Shots zugestanden, die auch aus einem anderen in dieser Zeit spielendem Werk geklaut sein könnten. Es ist nicht mehr als kalte Kulisse, die nie zu einem funktionierenden Element heranreift, wie es etwa Tim Burton in seiner Musicaladaption Sweeney Todd zu verstehen wusste. Trotz aller Düsternis weiß Victor Frankenstein ebenso nie als Horrorfilm zu funktionieren: Bis auf ein paar Ekelelemente und bekannten (abgenutzt umgesetzten) Motiven ist der Film inszenatorisch und atmosphärisch viel zu zahm und spektakelorientiert, als dass jemals wahrhaftiges Grauen und Schaudern entstehen könnte. Von entsprechender Tristesse ergriffen auch so die Konfrontation mit dem bekannten Monster Frankensteins, der besser als Ensemblemitglied der Addams Family funktioniert hätte.

So geht dem Film jedwede Faszination für sein Thema verloren. Er verliert sich die meiste Zeit in Nichtigkeiten und wird dabei unterstützt von einer hektischen, ideenlosen Inszenierung, die auch immer mal Zeitlupen sinnlos einzusetzen weiß. Dieses Giftgebräu artet dann in einer solch anmaßenden Substanzlosigkeit aus, die sich selbst wichtiger nimmt als sie ist, und verpasst dem Film schon ärgerliche Züge. James McAvoy macht als Victor Frankenstein als Einziger den Anschein, auch mal Spaß an dem Ganzen gehabt zu haben, doch wird sich diese Adaption des bekannten Stoffes von Mary Shelley schlussendlich im cineastischen Limbo wiederfinden.

Alex Warren

Titel: Victor Frankenstein
Regie: Paul McGuigan
Laufzeit: 110 Min.
VÖ: 12.05.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: 20th Century Fox

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