Vice Vice Baby! Oder: Die absurde Eroberung des Weißen Hauses, Teil 1

Vice Vice Baby! Oder: Die absurde Eroberung des Weißen Hauses, Teil 1

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Es ist ein ungewöhnlicher Werdegang. Es ist, als hätte Dick Cheney irgendwann in seinem Leben den vielzitierten Schalter gefunden, der seinen Weg in eine völlig andere Richtung lenken und die Vereinigten Staaten und das Weltgeschehen über Jahrzehnte prägen sollte. Es ist die Geschichte eines Schreckgespensts.

Die verheerende Politik des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney unter George W. Bush ist noch heute spürbar. Adam McKay, der sich 2015 mit The Big Short der Finanzkrise annahm, scharte erneut ein namhaftes Ensemble mit zum Teil alten Bekannten um sich, mit dem er das Leben Dicks in einem rasanten Genre-Potpourri auf der großen Leinwand zum Kochen bringt. Mit dabei: Christian Bale in der Hauptrolle des Ex-Vize.

Absurd bis zum Krieg

Ist dieser Film Satire? Drama? Thriller? Er ist vieles. Ganz gleich, ob er von den alkoholgetränkten Jahren des jungen Dick, seinem Aufstieg als Bürokraten in Washington, den intimen Augenblicken mit seiner Familie oder unmittelbar von der politischen, einflussreichen Laufbahn erzählt.

In Vice verbindet sich Absurdes symbiotisch mit der erdrückenden Ernsthaftigkeit seiner fülligen Hauptfigur, für die Herzanfälle zu einer Art dahin genommenen Running Gag werden und die mit eiskalter Konsequenz die eigenen Interessen bis hin zum Krieg verfolgt.

Gleichzeitig lebte er irgendwann glücklich und gesund mit seiner Familie um Frau Lynne (Amy Adams) bis ans Ende seiner Tage und arbeitete fernab des politischen Geplänkels im privaten Sektor.

Zugegeben, der letzte Satz war komplett empfunden und einem erzählerischen Kniff des Films entlehnt, der sich nicht scheut, die vierte Wand zu brechen oder den Abspann mitten in den Film zu verlagern, um so die Frage in einem erdachten Narrativ aufzuwerfen: Was wäre gewesen, wenn?

Der eigentliche Lauf der Dinge zeigt einen mit zunehmender Macht ausgestatteten Mann, der seine Karriere im Weißen Haus als Praktikant in einem eingeengten Büro ohne Fenster während der Amtszeit Richard Nixons beginnt und schließlich an der Seite George W. Bushs (Sam Rockwell) als Vizepräsident ankommt.

SLEAZE + VICE
So schlecht und doch so viel besser als der aktuelle Präsident: George. W.

Dessen Schwäche, seinem Vater und ehemaligen Präsidenten George H.W. Bush zu gefallen, nutzt Dick als eigentlicher Machthaber aus und forciert etwa den so genannten Krieg gegen den Terror in Afghanistan und Irak.

Die Welt als einziger Cartoon

Adam McKay inszeniert den Politbetrieb in Vice als heiter-hässliches Puppentheater, in dem der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carell) zu Peniswitzen ansetzt und Bush junior irgendwo zwischen Selbstüberzeugung, Schwäche und akutem Stumpfsinn wandelt und damit jegliche Kompetenz für den Posten des US-Präsidenten vermissen lässt.

Der Clou an diesen so mächtigen Cartoonfiguren: Sie wirken so schrecklich real, was den Irrsinn (nicht nur) US-amerikanischer Politik unheimlich gespenstisch erscheinen lässt. Im Kosmos dieses demokratisch legitimierten Schmierenspiels verschieben clevere, zum Teil moralfreie Menschen Personal und Gesetz nach ihrem Belieben, um die Welt ihrer Vorstellung nach zu formen.

Da sich Vice auch diesem Machtgeschacher in teils rasanten Sequenzen annimmt, funktioniert er auch wunderbar als sensibilisierender oder zumindest warnender Verweis auf am Volk vorbeigeleitete und von Hinterzimmer-Spielereien zersetzte Politik.

Letztlich stellt sich bei historischen Stoffen wie Vice stets die Frage nach ihrer Faktentreue. Wer sich einmal das Sachbuch CIA von Tim Weiner durchgelesen hat, weiß, wie ähnlich sich Hollywood und das wahre Leben doch oft sind.

SLEAZE + VICE
Ehe im Katastrophenfall: Dick Cheney (Christian Bale) und seine Frau Lynne (Amy Adams)

Der Film selbst behauptet gleich zu Beginn, sein verdammt Bestes im Sinne einer akkuraten Nachzeichnung der Dick’schen Laufbahn gegeben zu haben. Er lässt jedenfalls keinen Zweifel daran, dass selbst die ausgedacht wirkenden bzw. kaum historisch festgehaltenen Momente sich genauso zugetragen haben können, darunter der an einem Fleischstück nagende George W. Bush, den Dick im Gespräch um die angebotene Vizepräsidentschaft gekonnt manipuliert.

Und so wird selbst der größte Witz zur dramatischen, für uns alle sichtbar gewordenen Wahrheit und Vice zu einem Politfilm, der zündet.

Und wer sich fragt, warum Teil 1. Teil 2 läuft gerade regelmäßig in den Nachrichten – und auf Twitter.

Alex

Titel: Vice
Heimkinostart: 21.02.2019
Dauer: 132 Minuten
Genre: Biografie, Drama, Komödie, Historie
Produktionsland: USA
Filmverleih: Universum Film

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