Verschollen feiern

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GOA Party gegen Ende

Fernab der Realität, fernab der Städte. Das sind Goa-Partys. Die Raves dauern teils tagelang und besitzen ein ausgefallenes Publikum: Zwischen verrückten Elfen und mystischen Kobolden lässt es sich am besten feiern. Aber wo? Immer woanders! Wir stellen dir unsere verrücktesten Goa-Partyorte vor.

Foto: Vyacheslav Sizov, CC BY 2.0 via Wikimedia Commons
Der König der unabhängigen Goa Open Airs: Goa Gil. Er tourt trotz seines hohen Alters noch um die Welt und legt auf seinem eigenen Festival auf. Teilweise über 24 Stunden.

Im Hangar

Es war einmal… verlassen im Wald. Wir irren zwei Stunden durch die Dunkelheit. Glühwürmchen kreuzen unseren Weg. Sind wir zu spät? Vom abgelegenen Bahnhof aus kämpfen wir uns durch das Gehölz und versuchen, auf dem rechten Weg zu bleiben.  Plötzlich treffen wir ein paar Menschen auf Fahrrädern. Sie tragen weite Haremshosen, bunte Schminke ziert ihr Gesicht. „Da entlang, folgt uns!“, ruft ein Typ. Glitzer funkelt von seinen Augen. Wir gehorchen ihm und gelangen zu den Hangars. Hier standen ehemals Flugzeuge. Nun dröhnt elektronische Musik aus dem Innern. Die Hallen sind gigantisch, viel zu groß für die mickrige Anzahl der Leute. Höchstens dreißig wippen im Takt, einige chillen am Feuer. Wir fangen an zu springen, hüpfen durch die Gegend. So viel wie die Musik zulässt. Nach zwei Stunden erreichen wir unsere Grenzen. Zu monoton. Zu langweilig.

Nur, wie kommen wir von diesem gottverlassenen Ort wieder weg? Wir schauen weg von der GOA-Party: Nebel legt sich über die Felder. Wir erkennen… nichts. Am Horizont zeichnen sich nur die Schatten der Bäume ab. Ansonsten Dunkelheit. Wir versuchen, den Weg nach Hause zu finden.

„Wir legen uns hier einfach hin und schlafen!“, weinen wir verzweifelt nach drei Stunden Irrungen und Wirrungen. Unsere Hosen sind klitschnass vom Morgentau der hohen Gräser, sie kleben an unseren Beinen. Wir fühlen uns komplett fertig und wollen nach Hause. Schließlich ein Hauch Zivilisation in weiter Ferne. Endlich! Wir umarmen uns theatralisch wie Seefahrer nach langer Reise. Tipp fürs nächste Mal: Typen mit Glitzerschminke schnappen und als Steuermann engagieren.

Zwischen Joggern

Es war einmal… an einem stillen See. Unweit des Stadtzentrums. Vom S-Bahnhof fährt die Tram noch ein paar Minütchen. Meist gilt es dann den Ohren zu folgen, irgendwo hört man es immer wummern. Wir treffen meist  Menschen auf dem Weg, die mehr Plan als wir haben. Wir folgen diesmal den Knicklichtern an den Bäumen und gelangen an die große Freifläche vor dem Wasser. Die Gestalten der Nacht tanzen dort ausgelassen, spielen mit Flowersticks, Pois und Hula Hoops. In der Mitte wurde eine Slackline gespannt. Etwa hundert Menschen bewegen sich auf der plattgewalzten Erde, Wurzeln bilden Stolperfallen. Wir tanzen, bis morgens die ersten Jogger an uns vorbeiziehen. Fit und gesund starten sie in ihren Tag, während wir mit riesigen Pupillen schon ein wenig energielos rumschunkeln. Das Gute an Feiern in der Stadt: Wir brauchen nicht einmal eine Stunde nach Hause.

Im Untergrund Berlins

Es war einmal… ein Winnie-Puuh-Stempel. Sie pressen ihn uns auf die Hände, ehe wir die Stufen hinabsteigen. Die führen in einen alten Keller am Gleisdreieck in Berlin. Damals, vor etwa acht Jahren, als dort die Gräser wild wucherten. Die Treppe ist brüchig, der Spalt zum Keller nicht mal einen Meter breit. Aber die Party unten umso voller. Unter dem Herzen Berlins tanzen hunderte Menschen durch die Dunkelheit. Dort sammeln sich abgebrochene Steine, elektrische Kabel hängen von der Decke. Ab und zu versagt diese Elektronik. Während der DJ auf einem Podest die Party beschallt, fällt der Strom aus. Ein GAU? Kein Grund zum Trauern: „Das ist ein Stromausfall, das ist ein Stromausfall, das ist, das ist, das ist ein Stromausfall!“ singen plötzlich alle hundert Leute im Chor. Ein Gefühl der Gemeinsamkeit verbindet uns fortan.

Im alten Vergnügungspark

Es war einmal… ein Spiegellabyrinth. Es war sogar, als wir dort vor etwa einem Jahr vorbei liefen… Die Scherben zieren den Boden, die engen, wirren Gänge sind kaum mehr erkennbar. Das alte, verfallene Gebäude hatte sicher schon bessere Zeiten gesehen. Moos bahnt sich seinen Weg an die Oberfläche, wo früher Menschen den Weg hinaus suchten. Wir suchen unseren Weg hinein, vorbei an verfallenen Achterbahnen und einem uralten Tretboot. Der riesige Schwan schippert einsam über das Wasser, während weit entfernt das Riesenrad knarzt. Trotz des Verfalls dreht es sich schwermütig weiter. Gravitation tut ihr Übriges. Wir sind zwei Mal im alten Vergnügungspark: einmal zum Feiern, einmal zum Gruseln. Überall hören wir es rascheln – wir sind wahnsinnig paranoid. Beim ersten Mal waren wir selbstbewusster, als noch hunderte Menschen ihren Weg zum alten Riesenrad suchten. Auch hier galt: Ohren und Menschen folgen. Das Gelände war zwar abgesperrt, wir robbten aber durch eine kleine Grube unterm Zaun durch. Danach finden wir unseren Weg zum DJ-Pult. Wie wir diesmal nach Hause kamen, wissen wir nicht mehr…

Lisbeth (Dank an Julia für die Joggeranekdote)

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