Verlogene Verlegerin

Verlogene Verlegerin

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SLEAZE + Die Verlegerin

Wir brauchen unsere Vorbilder, Ikonen, Helden. Steven Spielberg zelebriert regelmäßig seine ganz eigenen Heroen, zuletzt vor allem historische Persönlichkeiten, die sich entgegen aller Widerstände geradezu übermenschlichen Ausmaßes über die vor ihnen liegenden Probleme erheben.

SLEAZE + Die Verlegerin
Trotz Betonfrisur: Das ist Meryl Streep und nicht Ursula von der Leyen.

So auch in Die Verlegerin (Originaltitel: The Post), in dem er die Geschichte der ersten weiblichen Zeitungsverlegerin der USA, Kay Graham (Meryl Streep), und ihres Chefredakteurs Ben Bradlee (Tom Hanks) erzählt, die sich inmitten des Konfliktes zwischen Journalisten und der Regierung vor dem Hintergrund der Veröffentlichung der so genannten Pentagon-Papiere wiederfinden. Der Historien-Thriller zeugt vor allem von der typisch Spielberg’schen Verklärungsmaschinerie, aber auch davon, dass sich der Regisseur in seinen erhabensten Momenten als Meister der Bewegung erweist.

Keep movin‘, Steven!

Man denke nur an den lärmenden, durchschüttelnden Auftakt in Der Soldat James Ryan, in dem er Tom Hanks als alliierten US-Soldaten am D-Day des Jahres 1944 durch die dreckige Hölle des Zweiten Weltkriegs während der Landung in der Normandie schickte. Oder als er Tom Cruise zu Beginn seiner H.G. Wells-Adaption Krieg der Welten durch das tobende Chaos Bayonnes in New Jersey auf der Flucht vor gigantischen, entsetzlich dröhnenden und effektiven, dreibeinigen Tötungsmaschinen aus dem All flüchten lässt.

Auch in Die Verlegerin sind es jene, ebenfalls leider nur flüchtige, Momente, in denen er mit den ureigenen Mitteln des sich in Bewegung befindlichen Kinos – Bild, Ton und Musik – sein größtes emotionales Potenzial zur Entfaltung bringt. Da platziert er seine Handelnden geschickt im Rahmen seiner durch die Szenerie gleitenden Kamera, während sich deren innere Konflikte mit den äußeren, vor allem in Personenform, treffen und die Luft des Handlungsortes bis zum funkenschlagenden Knistern aufheizt.

Ja, Steven versteht es, Gefühle immer dann zu inszenieren, wenn er am wenigsten versucht, seine Charaktere allzu deutlich in einen konkreten wie willkürlichen Typus Mensch zu pressen. Jeder Versuch der „Schubladisierung“ kann nur scheitern, da die realen Komplexitäten unserer Existenz nicht zu kategorisieren sind. Doch Steven zeigte sich schon in der Vergangenheit ebenso als ideologischer, von der wirklichen Welt losgelöster Erklärer, der sich allzu sehr um die eindimensionale Gutmütigkeit seiner Figuren anstelle wahrer Existenzen interessierte.

Verwechslungsgefahr zwischen Heldentum und Übermenschlichkeit

Die damit einhergehende Heroisierung verbittert somit auch sein Film Die Verlegerin. Zwar hadert vor allem das weibliche, titelgebende Oberhaupt der Washington Post mit sich, denn sie verbindet eine enge Freundschaft mit dem im Skandal um die Pentagon-Papiere involvierten US-Verteidigungsminister Robert McNamara (Bruce Greenwood).

Immerhin ging es um die gezielte Desinformation der US-amerikanischen Bevölkerung mit Blick auf den Vietnamkrieg: Dieser war entgegen der Behauptungen beteiligter Politiker schon vor dem offiziellen Eingreifen der Vereinigten Staaten geplant. Durch den vorgetäuschten Angriff Nordvietnams im Golf von Tonkin im Jahre 1964, auch als Tonkin-Zwischenfall bekannt, wurde in der Öffentlichkeit schließlich die breite Zustimmung zum Kriegseintritt vor dem Hintergrund der Bekämpfung des Kommunismus stimuliert.

SLEAZE + Die Verlegerin
Der Vorzeige-Chefredakteur

Doch die damit eigentlich einhergehenden, ambivalenten Spannungen der Verlegerin finden keinen Ausdruck, da Steven stattdessen auf einschichtige, oberflächliche Dialoge setzt, im Rahmen derer wir Meryl Streep u.a. auf der Bettkante sitzend dabei zusehen, wie sie ihr Herz ausschüttet. Toms Figur des karikaturistisch-kantigen Chefredakteurs kommt denn gleich kein wirklicher Zweifel zu, sondern ein stets nach vorne gerichtetes Agieren samt angestrengt entschlossenem Blick.

Wir brauchen unsere Helden, doch Steven verwechselt Heldentum regelmäßig mit Übermenschlichkeit. Daraus entsteht in finaler Konsequenz der erzählerische Antikörper zum Held, der ja erst in seiner kontinuierlichen Konfliktbeladenheit zum wahren Helden avanciert. So ist denn auch Die Verlegerin kein wirklicher „Heldenfilm“, sondern vielmehr eine plumpe Erbauungsgeschichte, die das kollektive Geschichts- und Menschenbewusstsein mit unsensibler Hand begrabscht. Diese Art Auseinandersetzung ist weder dem Thema noch unserem Leben in irgendeiner Form gerecht, da sie dermaßen losgelöst und abgehoben von jedwedem Menschsein daherkommt, dass es im Herzen schmerzt.

Alex

Titel: Die Verlegerin
Kinostart: 22.02.2018
Dauer: 116 Minuten
Genre: Thriller, Historie, Drama
Produktionsland: Großbritannien, USA
Filmverleih: Universal Pictures

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