Vereint unter der Maske

Vereint unter der Maske

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Aktuell überschlagen sich die Lobeshymnen für den ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag beim Cannes Filmfestival seit Wim Wenders‘ Palermo Shooting aus dem Jahre 2008. Maren Ades Toni Erdmann erzählt die Geschichte einer zerrütteten Vater-Tochter-Beziehung auf eine Weise, wie sie in dieser eigensinnigen Art noch nicht gezeigt wurde. Die Berliner Filmemacherin, bekannt u.a. durch Alle Anderen, weiß ihre beiden Hauptdarsteller Peter Simonischek und Sandra Hüller dabei im explosiven Geflecht zwischenmenschlicher Schlachten, unausgesprochener Spannungen und Grenzen überwindenden Humor gekonnt zu führen, wobei sie immer dann ins Wanken gerät, wenn es um die filmische Auflösung geht, die leider wenig originell und fast schon angestaubt daherkommt.

Angespannt distanziert: Ines (Sandra Hüller) und Winfried/Toni (Peter Simonischek)
Angespannt distanziert: Ines und Winfried / Toni

Trotzdem ragt der Film aus der Suppe zahlreicher „Komödien“ heraus. Aus der deutschen Jauche sowieso, aber auch international. Das liegt insbesondere an der sensiblen Beobachtung der Regisseurin. Der Blick, mit dem sie auf ihre Hauptfiguren schaut, fängt vieles im Raum zwischen gesprochenem Wort und großer Geste ein und eröffnet damit die Sicht auf eine komplexe, schwierige Beziehung zwischen dem Vater und seiner Tochter. Die großen, gegensätzlichen Gefühle schwingen stets natürlich mit, ohne die Komödie dabei in ein düsteres Drama abdriften zu lassen. So ist es vor allem der ambivalent aufspielende Peter Simonischek, zunächst als Winfried, später als titelgebender Toni, der versucht, der Distanz zu seiner karrierefixierten Tochter Ines (nicht minder eindrucksvoll: Sandra Hüller) mit der Waffe des Humors zu begegnen und so schließlich eines Tages an ihrem Arbeitsplatz in Bukarest auftaucht. In der rumänischen Hauptstadt nimmt er nach erfolgloser Zusammenführung schließlich auch die Rolle des eigens von ihm erdachten Toni Erdmann an.

Was folgt, ist ein regelrechter Schlagabtausch zwischen Vater und Tochter. Ein Schlagabtausch der Sehnsucht, Wut und Gegensätzlichkeit. Durch das Invadieren ihres Vaters als sein Alter Ego gerät Ines zunehmend in Situationen, in denen die private Integrität und die eingefahrenen Rollenmuster durch die Humoroffensive Tonis gesprengt werden, sodass sich die beiden Hauptfiguren in zunehmender offener Nacktheit begegnen und entblößen: Unausgesprochenes wird zu Ausgesprochenem, unterdrückte Gefühle nach außen gekehrt. Die Regisseurin treibt diese Offenlegung schließlich auf eine Spitze, die cineastisch erhöht, aber nicht übertrieben erscheint – sowohl Ines als auch ihr Vater lassen ihre Hüllen gerade im Augenblick der größtmöglichen Verwandlung und Provokation fallen und kehren schließlich so für einen Moment, befreit von aller Last perfektionierter Rollenbilder, ihr Innerstes nach außen und vereinen ihre Sehnsucht zueinander in einem Augenblick herausquellender, offengelegter Emotionen. Maren Ade schafft hier erinnerungswürdige, ausdrucksstarke Momente voller aufrichtiger Ehrlichkeit, tiefstem Gefühl und großer Menschlichkeit. Ihre Erzählung ist so hoffnungslos wie befreiend, so grotesk-fantastisch wie real.

Vater und Tocher unterwegs in der rumänischen Arbeitswelt
Vater und Tocher unterwegs in der rumänischen Arbeitswelt

Ganz beiläufig streift die Berlinerin dabei auch Themen wie Feminismus, Sexismus und Kapitalismus. Ines als knallharte, aber auch verletzlich wirkende Karrierefrau wandelt in einem männerdominierten Kosmos und ist überzeugt, eine selbstbestimmte Frau zu sein. Als sie später zunehmend selbst die Zügel in die Hand nimmt, spielt sie diese Überzeugung (wieder) voll aus und rüttelt damit gewaltig an der eingeübten Rolle, die sie in ihrem Leben spielt, nämlich eben jener der erfolgreichen Unternehmensberaterin, die auch vor solch Entscheidungen wie der Entlassung von Mitarbeitern nicht zurückschreckt. Das erlebt auch Winfried (in der Rolle des Toni), als ihm die volle Brutalität des auf Effizienz gerichteten Kapitalismus in einer Szene entgegenschlägt, die sich ausgerechnet wegen seiner humoristischen Spritzigkeiten Bahn bricht. Ein Moment, der all die politischen, gesellschaftlichen und persönlichen Gegensätze und Versuche, dieselben zu vereinen, treffend auf den Punkt bringt. Nur ist er es eben auch, der kurz darauf durch sein Wesen in freundlichen Kontakt mit dem „kleinen Mann“ Rumäniens kommt, während sich seine Tochter vor allem in oberflächlichen Geschäftskreisen aufhält, die insbesondere der nächsten Chance zu dienen haben.

Doch ist es der Filmemacherin und ihren Darstellern hoch anzurechnen, dass ihre Figuren nicht zu schablonenartigen Vehikeln einer bestimmten Geisteshaltung verkommen, sondern stets als menschliche, fühlende Wesen wahrgenommen werden. Man hätte sich dabei nur ein wenig mehr inszenatorischen Mut gewünscht. Ihre Regie ist oft nah am Geschehen und konzentriert sich vor allem auf ihre Akteure, die so in der Regel im Fokus stehen. Die Kamera richtet sich dabei voll auf die Schauspieler und reagiert entsprechend, bewegt sich mit und folgt ihnen. Das ist zweckdienlich, aber in dieser Form eben auch oft gesehen und nicht sehr mutig, sodass der Film sich einzig auf die (hervorragend funktionierende) Vater-Tochter-Beziehung als entscheidenden Antreiber stützen kann. Dennoch bleibt der Film eine starke Zerreißprobe einer eigentlich als dysfunktional erscheinenden Beziehung, die aber in ihrer Ambivalenz über die reinen Grenzen von Funktion und Dysfunktion hinausgeht. Der Film beweist auch, wie würdevoll und überzeugend eine deutsche Komödie aussehen kann. So schließt ebenso das Ende des Films nicht als überdramatisches Finale, sondern vielsagend konsequent und mit dem Verzicht einer Lehrbuchkatharis, sodass man Maren Ade für ihren großen, magischen Toni Erdmann nur danken mag.

Alex Warren

Titel: Toni Erdmann
Regie: Maren Ade
Laufzeit: 162 Min.
Veröffentlichung: 14.07.2016 (dt. Kinostart)
Verleih: NFP marketing & distribution

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