Unwirkliche Realitäten – Die Bilder von Tina Winkhaus

Unwirkliche Realitäten – Die Bilder von Tina Winkhaus

TEILEN

anna_nicole_smith tina winkhaus

 

Ich traf Tina Winkhaus einen Tag vor Ende ihrer Ausstellung „Unter Tage“ im Direktorenhaus in Berlin. Die Fenster waren geöffnet und es fiel Licht auf die großen Bilder an den Wänden. Ein Schauspiel, das ich wohl als eine der ganz wenigen erleben durfte. Denn wochenlang waren die Ausstellungsräume, dem Titel der Serie angemessen, abgedunkelt. Zu sehen sind verschiedenste Szenarien, die ihren Platz unter Tage in einem Kohlebergwerk haben. Ich will gar nicht genauer beschreiben, was auf den Bildern zu sehen ist, aber bevor es zu Missverständnissen kommt, es handelt sich nicht um Arbeitszenen von Stollenarbeitern, sondern Szenen, die einen an barocke Gemälde erinnern.

Tina Winkhaus ist Fotografin. Wobei das nicht so ganz zutrifft. Denn, auch wenn man es ihnen nicht ansieht, bestehen ihre Bilder aus hunderten Layern, zusammenkomponiert zu einem schlüssig wirkenden Bild. Auch das hat mehr etwas von Malerei als von Fotografie, was zu den gemäldeähnlichen Motiven passt.

Ihre Serien zeigen Zeitungs-inspirierte Bilder von Micheal Jackson mit Kindern, den Kannibalen von Rotenburg beim Hauptgang, groteske Kinderporträts mit Prinzessinnen-Krone und Maschinengewehr. Irritierende Szenarien in tiefen Wäldern, denen man sich nur schwer entziehen kann.

livti tina winkhaus

Meine erste Frage ist die nach der Bedeutung von Kindern für ihre Arbeit. Denn Kinder ziehen sich durch sämtliche ihrer Werke. Erst schaut sie mich irritiert an, dann sagt sie „Ja, du hast Recht“ und lacht. Kinder seien einfach eine sehr pure und reine Form des Menschen, und das gar nicht im Sinne von unschuldig. Und Bilder Kinder provozieren viel schneller Emotionen als Bilder von Erwachsenen. Das bekam sie vor allem bei ihren zwei Serien „Sorrow“ und „Eternal Sadness“ zu spüren, als sie massive Kritik für die vermeintlich übersexualisierten und gewaltverherrlichenden Porträts von Kindern bekam. Dabei ging es ihr vor allem darum, die Doppelmoral aufzuzeigen, mit der wir Kinder sehen. Das unschuldige und unberührte Kind einerseits – kleine Erwachsene wie Justin Bieber und Miley Cyrus andererseits.

Und es geht viel mehr darum, Kinder zu schützen, indem man eben diese Doppelmoral aufzeigt.

Natürlich sei ihre Kunst gesellschaftskritisch und zeige, wenn auch mit dem Stilmittel der Inszenierung verändert, Dinge aus der Realität, die ihr im Leben begegneten. Aber es gehe keinesfalls darum, Provokationskunst zu machen. Oft verstünde sie die Aufschreie der Medien und des Publikums zunächst gar nicht, da es zwar ihre Absicht ist, Dinge, auch Unangenehme, aufzuzeigen und den Betrachter zu berühren, aber nicht, mit Schock und Gewalt eine Reaktion zu provozieren. Trotzdem ist ihre Kunst alles andere als naiv.

Naive Kunst hat natürlich auch ihre Daseinsberechtigung, sagt sie, Hauptsache ich werde nicht damit verglichen, und lacht.

Recht hat sie. Ihre Bilder sind alles, nur nicht naiv und blümerant. Trotzdem, und vielleicht macht auch das einen Teil des Reizes ihrer Bilder aus, haben alle eine gewisse Schönheit inne.

Keine typische Schönheit, wie Film, Fernsehen und Magazine sie uns verkaufen. Diese Art von klassischer Schönheit irritiere sie viel mehr, als dass sie etwas damit anfangen könne. Lieber brüchige Unvollkommenheit als Hochglanz-Beauties. Das sieht man auch bei „Unter Tage“. Ohne den üblichen Klischees von Schönheit aufzusitzen, bringt jedes Bild dennoch eine bezaubernde Art der Ästhethik hervor. Und das, ohne in die Schublade „Ugly-Trash“ zu fallen. Schön ist, sagt sie, was Echtheit, Tiefe und Ausdruck besitzt, alles andere sei langweilig.

der_junge_mit_korb tina winkhaus

Statt glänzender, blinkender  und an Werbefotografie erinnernder Fotos zeigt Tina Winkhaus die Welt und ihre Schönheit, wie sie auch sein kann, real, ehrlich und dadurch auch nicht immer rosa glitzernd.

Auch wenn die Bilder aus ihr heraus entstehen, so viel von ihr enthalten und auch als ihre Kunst gelten, arbeitet Tina Winkhaus mit einem Team aus Stylisten und Visagisten zusammen, die sie ebenso als Teil ihrer Bilder anerkennt. Eine Art der Zusammenarbeit, die sie sehr schätzt, wenn man dieselben Sterne sieht, sagt sie. Lange hat sie mit den selben Menschen gearbeitet, mittlerweile findet sie neuen Wind und vor allem auch die Arbeit alleine sehr spannend.

Neue Projekte hat sie schon im Kopf – wie lange es braucht, bis sie gereift und entstanden sind, ist noch nicht abzusehen. Nur soviel, es wird um Pop gehen und somit logischerweise auch bunt sein. Zumindest bunter als „Unter Tage“.

Wer die Gelegenheit hat, sich Fotografien von Tina Winkhaus einmal anzusehen, sollte die Chance auf keinen Fall verpassen. Unbedingt hingehen, betrachten, über den theoretischen Hintergrund, künstlerische Querverweise und Gesellschaftskritik nachdenken, oder sich einfach nur berühren lassen. Die Bilder werden in beiden Fällen bis nach Hause nachwirken.

 

Anna Motz

 

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen