Regisseur Britton Caillouette im Interview

Regisseur Britton Caillouette im Interview

Britton Caillouette ist ein Umweltaktivist, der mit seiner Doku "Blue Heart" einiges Aufsehen erzeugt hat. Nun war er in Berlin, um seine Doku persönlich vorzustellen - und wir konnten ihn mit Fragen löchern.

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SLEAZE: Dein Engagement ist sehr beeindruckend. Wann hast du eigentlich begonnen, dich sozial und vor allem für den Umweltschutz zu engagieren?

Britton Caillouette: Einerseits ist es meine persönliche Geschichte und auf der anderen Seite bezieht es sich auf diesen besonderen Film. Ich bin als Kind im Süden Kaliforniens aufgewachsen. Ich konnte immer an der frischen Luft zu sein und wurde von der freien Natur inspiriert. Ich ging so oft ich konnte, ans Meer, segeln. Ich verbrachte eine Menge Zeit beim Camping mit meiner Familie. Draußen zu sein, war ein wichtiger Teil meiner Kindheit.

Und ich fühlte auch, dass dort, wo ich aufwuchs, andere nicht dieselben Interessen hatten wie ich. Oder den Respekt gegenüber der Natur, den ich in mir spürte. Als ich älter wurde, fing ich an, selbst mehr zu erkunden. Ich war interessiert an Wissenschaft und Biologie, ging alleine in die Wälder und begann, mich für die Fotografie zu interessieren.

Ich hatte schon immer irgendwie dieses Gespür dafür gehabt und fühlte, dass es etwas Wichtiges ist, was andere nicht mit mir teilten. Ich studierte unter anderem Umweltgeschichte und baute die persönliche Leidenschaft konkreter aus.

SLEAZE + Britton Caillouette
Immer wieder bedroht von kurzsichtiger Geld- und Machtgier: Mutti Natur

Mit der Produktionsfirma Patagonia arbeitete ich bereits zu Beginn meiner Filmkarriere an kleineren Sachen. Sie waren einer der ersten, die mich für ein wenig Geld anheuerten, um interessante Dinge umzusetzen.

Als mich Patagonia dann für dieses Projekt an Bord holte, kannte ich die Kampagne bereits. Wir unterhielten uns darüber, ein Film zu drehen und wie es aussehen könnte. Die ganze Zeit lernte ich mehr darüber, was dort abging. Ich wurde sofort süchtig und fühlte, dass es etwas ist, was mich wirklich begeistert und interessiert.

Gab es bedeutsame Erlebnisse, wodurch sich deine Meinung in dieser Thematik änderte?

Ich würde sagen, dass meine Liebe, in der Natur zu sein und einen inneren Frieden in der Wildnis zu finden, eine Inspiration war. In dem Stadtrandgebiet, in dem ich aufwuchs, wurde z.B. jede Bergspitze beschnitten, um Häuser darauf zu bauen.

Es gibt zumindest einen Sinn, dass die Natur keine Stimme hatte bei dem, was dort passierte. Niemand war sich über die Konsequenzen der massiven Gebäude bewusst. Schon allein, wie die Gesellschaft heutzutage lebt, ist sehr widersprüchlich der natürlichen Landschaft gegenüber.

Das war mir bereits in jungen Jahren bewusst. Es gab kein bestimmtes Ereignis oder so, aber ich fühlte, dass dort etwas falsch läuft und meine Interesse wuchs, daran etwas zu ändern.

Deine Vergangenheit mit dem Krebs ist ein großer Teil deines Lebens und natürlich auch deiner Persönlichkeit. Wie veränderte der Kampf gegen den Krebs dein Leben?

Ich habe den Kinderkrebs überlebt, es ist über 15 Jahre her. Also ist es weit in der Vergangenheit verankert. Aber es ist auch sehr gegenwärtig, da es etwas ist, mit dem ich jeden Tag umgehen muss.

Ich glaube, es ist wichtig für mich, mich damit auszudrücken, soweit es mein Leben betrifft. Es passierte einiges, damit ich es durchstehen konnte. Aber ich glaube, es gab meinem Leben auch einen nachhaltigen Sinn und zeigte, dass das Leben sehr kurz sein kann. Warum solltest du deine Zeit für etwas verschwenden, was du nicht magst und tun möchtest?

Auf eine Art gab es mir etwas Selbstvertrauen, was mein Pfad als Filmemacher voraussetzte. Es war nicht einfach, damit zu leben und es gab einige, die nicht daran glaubten, dass ich erfolgreich würde. Ich nahm auch einige Risiken auf mich, da viele nicht verständnisvoll oder klug handelten. Ich wollte nicht wirklich mit anderen zusammen arbeiten, in einem Büro sitzen oder so und meine Zeit verplempern. Denn ich wusste, dass es noch einiges zu entdecken gibt.

SLEAZE + Britton Caillouette
Protest vor Ort

Es motivierte mich, Angelegenheiten auf eigene Faust zu klären und begann selbst auszukundschaften und zu versuchen, einfach das zu tun, was ich liebe – unterschiedliche Filme zu machen, reisen, in der Natur sein, aber auch mit anderen zusammen Erfahrungen teilen zu können.

Gibt es eine Verbindung zwischen deinem Schicksal und deinem Engagement?

Schicksal ist etwas Interessantes. Dinge passieren uns allen und jeder hat Kämpfe auszutragen. Was ich sehr früh erkannte, während ich das durchmachen musste: Man kann bestimmte Erfahrungen nicht wirklich mit denen anderer vergleichen. Für dich mag es eine kleine Sache sein und für einen anderen eine große.

Sich mit anderen Menschen genauer zu identifizieren, die unterschiedliches durchmachen müssen, bringt eine gewisse Sensibilität mit sich. Dadurch konnte ich sehr schnell Verbindung zu einigen Themen aufbauen. Ich kann z.B. mein Schutzschild fallen lassen und menschlich sein und sagen: „Das bin ich!“, „Das ist, was ich mache.“ Und wenn ich weiß, du machst etwas Ähnliches durch, dann bringt uns das auf den Boden der Tatsachen zurück.

Was war deine erste Idee, als du mit dem Projekt Blue Heart in Kontakt gekommen bist und dir dachtest, welche Sichtweise beachtet oder welche Inhalte erzählt werden sollen?

Ich hatte den Gedanken zu dem Projekt schon lange, bevor es Gespräche mit den Verantwortlichen bei Patagonia gab. Da war dieses Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht erzählt wurde. Über die breite Medienlandschaft findet man in der Lokalpresse nur wenige Informationen, was dort passiert.

Für mich war es sehr schwierig, zu forschen und Informationen zu finden, da ich keine der einheimischen Sprachen beherrsche. Ich verbrachte Monate damit, diese Geschichte zu finden und für mich war es nicht offensichtlich, wie dieses Projekt zustande kommen soll.

Mit der Zeit half mir Patagonia bei einigen Kontakten mit den gemeinnützigen Organisationen, die vor Ort kämpfen. Ich begann dann, eine Idee für den Film zu entwickeln.

Und da war diese Kampagne, die sich „Rettet das blaue Herz Europas“ nennt und von einem Mann aus Deutschland geleitet wird. Sein Name ist Ulrich Eichelmann und er ist der Chef einer anderen gemeinnützigen Organisation mit dem Namen RiverWatch. Während meiner Gespräche mit ihm führte er mich zu einigen der Organisationen in diesen Ländern. Diese brachten mich mit den Ortsansässigen in Verbindung und ich konnte mir ihre Geschichten anhören. Das begeisterte mich sehr, weil ich begann, die Leidenschaft zu spüren und den realen, unglaublichen Kampf, der dort stattfindet.

Regierungen und Politiker haben ihre eigenen Techniken, was das Arbeiten mit der Umwelt angeht. Was ist deine Meinung über die politische Sichtweise auf diese Bereiche?

Genau wie im Film berichtet wird, ist es offensichtlich, dass die Regierungen in vielen Fälle involviert sind und die Umwelt nicht unbedingt an erster Stelle steht. Das ist nicht Teil eines Gesamtkonzepts einer grünen Technologie, das sehr gut durchdacht, recherchiert und fundiert geplant ist, um von der Regierung umgesetzt zu werden.

Es sieht einfach nicht danach aus und ich denke, es gibt einiges, auf das wir aufmerksam machen müssen und auf die gemeinnützigen Organisationen hinweisen, die auf der Internetseite des Films gelistet sind. Irgendwie liegt es in der Verantwortung einer Regierung, bestimmte Regelungen festzulegen oder Richtlinien zu fördern. Aber auch gewisse Dinge verhindern, bevor sie geschehen.

Letztendlich glaube ich auch ganz stark daran, dass es auf die Menschen ankommt und deren eigenes Denken. In dieser besonderen Angelegenheit erzählen wir unterschiedliche Geschichten der Dorfbewohner, die davon betroffen sind und sich von ihrer Regierung im Stich gelassen fühlen. Sie haben kein Mitspracherecht bei der Regierung. Sie werden dadurch bedroht, ihre Leben und ihre blühende Nachbarschaft sind gefährdet und sie werden gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

Ich glaube, diese Angelegenheit ist exemplarisch für vieles auf der ganzen Welt, mit all den großen Regierungen und den großen Unternehmen, die zusammen kommen und etwas vermeiden, ohne sich um die Ortsansässigen oder die lokale Umwelt zu kümmern.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Hast du ähnliche Projekte wie dieses hier geplant?

Ich habe kein mediales Projekt wie diesen Film, das als Nächstes ansteht. Aber eins weiß ich ganz sicher, nämlich dass ich durch diese Reise und diesen Film inspiriert worden bin.

Die Menschen müssen aufgeklärt werden. Was ist für dich das notwendigste Thema für die Menschheit?

Ich glaube, das erzählt der Film. Eine Sache die wirklich interessant ist und hervorsticht. Es bezieht sich auf jeden, insbesondere in Europa und den USA, wo ich lebe.

Die Botschaft, die wir den Leuten am Ende des Films mitteilen, ist eine Petition zu unterzeichnen, Druck auf die internationalen Banken auszuüben, aufzuhören, diese Entwicklungsvorhaben weiter zu finanzieren. Aktuell gibt es eine größere Diskussion, was Entwicklung bedeutet und welche Art von System im Kapitalismus die freie Marktwirtschaft ist.

SLEAZE + Britton Caillouette
Protest in (noch) schöner Umgebung

Wir leben seit einer ewigen Zeit damit und haben es letztendlich ermöglicht, dass solche Dinge geschehen. Menschen müssen erkennen, was mit ihrem Geld passiert, wenn sie Rechnungen bezahlen, in die Bank einzahlen oder in die Rente investieren.

Was auch immer es ist, dieses Geld fließt irgendwo hin und hat Konsequenzen auf der ganzen Welt. Diese Firmen investieren dieses Geld in Projekte jeglicher Art, aber einige erschaffen nicht so schöne Dinge für die Welt.

Wir alle sind ein Teil davon und diese Projekte werden erst durch uns und unser investiertes Geld ermöglicht. Wir als Verbraucher haben mit unseren Entscheidungen einen Einfluss.

Mit der Kleidung, die wir kaufen, wie sie hergestellt wird und wo sie herkommt. Wir haben Einfluss auf das Essen, wie es gezüchtet wird oder ob es meine örtliche Wirtschaft unterstützt. Landwirtschaft ist besonders interessant, denn das Wort beinhaltet Land, es geht um die ländliche Esskultur. Wie beeinflusst das Essen die Erde und die Zerstörung der Kulturen?

Diese Entscheidungen, die wir tagtäglich treffen, wirken sich massiv auf die Entwicklung der Welt aus. Und wir müssen uns dem endlich mehr bewusst werden und dementsprechend handeln.

Vielen Dank für das ausführliche und interessante Interview, Britton Caillouette.

Und wer die Doku Blue Heart noch nicht gesehen hat, hier gibt es mehr Informationen zu dieser exzellenten Arbeit.

Das Interview führte Kevin.

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