Überlebensthriller BEAST: Zahme Bestie

Überlebensthriller BEAST: Zahme Bestie

TEILEN

Gute Geschichten sind eine in sich geschlossene Kompression von Raum und Zeit. Sie müssen nicht zwangsläufig den uns bekannten Naturgesetzen, wohl aber ihren eigens geschaffenen folgen. Ansonsten droht der Auseinanderfall der Erzählung und der Niedergang der Immersion.SLEAZE + Beast

Der von Baltasar Kormákur (Everest) inszenierte Beast ist ein Exemplar eines solchen Bruchstücks. In diesem kämpft Idris Elba (Luther) in der Rolle des Arztes Nate gemeinsam mit seinen beiden Filmtöchtern und seinem alten Freund Martin (Sharlto Copley) im afrikanischen Busch ums Überleben.

Dort wütet nämlich ein in Rage gefallener Löwe, der dazu allen Grund hat. Wilderer töten um sich und ein wenig Kritik an den Machenschaften der Menschen schwingt in diesem Setup mit. Der Löwe als Symbol der Natur, die zurückschlägt gegen jene, die zuweilen verblendet denken, sie stünden über ihr: die Menschen.

Dieser symbolischen Metaebene folgt Beast allerdings nur im Ansatz und inszeniert einen rund anderthalbstündigen Überlebensthriller mit familiendramatischer Kontur, der sich letztlich als zahme Bestie mit stumpfen Zähnen erweist.

Aus dem Gleichgewicht

Ein gehöriger Teil des Geschehens findet klaustrophobisch in einem nicht mehr fahrtauglichen Geländewagen und dessen näherer Umgebung statt. Mittendrin ebenfalls: Nate, seine Kinder und Martin.

Die Situation erscheint ausweglos, zumal sie die Kraft der Großkatze bald zu spüren bekommen. Indes zieht das sichtbar mit Spezialeffekten heraufbeschworene Tier seine Runden.

Ab dieser Phase erodiert die Logik des Films gehörig. Bereits in der Anfangssequenz verdeutlicht er die schiere Urgewalt seiner Mähnenfigur, die man vor dem Hintergrund des Abschlachtens durch die Wilderer nur im dramaturgischen Sinne als Antagonist bezeichnen kann.

In den ersten Minuten des Films schaltet der Löwe gleich etliche schwerbewaffnete Jäger in der Nacht aus. Das erinnert ein wenig an die unheimliche Tötungseffizienz der Velociraptoren aus Jurassic Park.

Steven Spielbergs Dino-Original von 1993 weiß im Gegensatz zu Beast aber um die Macht der Unterlegenheit. Zu keinem Zeitpunkt erhebt er die Menschen über die Dinosaurier.

Der Homo sapiens ist bis zum Schluss das Opfer seines eigenen Handelns und im Angesicht der Überlegenheit der Urechsen ein ebensolches im nackten Kampf ums Überleben. Das erdet den Film in einem spürbaren Gleichgewicht. Beast dagegen verliert nach und nach die Balance.

SLEAZE + Beast
Tochter und Vater gemeinsam im Überlebenskampf.

Allzu kompetente Kinder in Situationen größter Panik sind in Filmen selten nachvollziehbare oder gar menschlich nahbare Figuren. Das hat Jurassic Park mit seiner ersten Fortsetzung im Übrigen auch erfahren.

Wie der Spross einer Hauptfigur im angesprochenen Dino-Sequel The Lost World agieren sie auch hier ein ums andere Mal zu clever und abgebrüht. Zum Beispiel, wenn es einem der Mädchen etwa gelingt, einen Betäubungspfeil in den Körper des am Auto wachenden Löwen zu rammen.

Vom Gefühl, unbesiegbar zu sein

Noch gravierender wächst Hauptfigur Nate im Laufe der Erzählung zu einem Menschmassiv heran. Man fragt sich, auf wen denn der Titel des Films eigentlich abzielt.

Die Begegnung mit einer potenziell giftigen Schlange ist nur eines der Beispiele, in der der Mensch zu einem etwas albernen Bad Ass transformiert in einem Thriller, der zumindest eine gewisse Erdung und ernsthafte Gefahr zu Beginn suggeriert.

Doch irgendwann löst sich das Luftschloss der Angst in eine Heldengeschichte mit möglicher Katharsis auf. Er, der Held, vereint in sich bekannte Spannungen vom Verlust der Frau und einer sich im Gange befindenden Entfremdung von seinen Töchtern. Deren Anschuldigen werden manchmal ebenso unpassend in die Geschichte geworfen wie die Brüche in der Logik, mit denen sie ohnehin schon zu kämpfen hat.

Nach und nach schleicht sich ein Gefühl der Unbesiegbarkeit ein. Beast befestigt an manchen Charakteren zu viele Schichten von Plot Armor. Diese narrative Rüstung schützt die Figuren letztlich und dafür nimmt die Geschichte erzählerische Opfer in Kauf. Es ist ein typisches Symptom allzu stumpf konstruierter Storys, die ihre Ideen, ihre inneren Zusammenhänge und letztlich eben auch Stimmungen nicht mehr in einem Ganzen festhalten können.SLEAZE + Beast

Und somit ist Beast eben im besten Falle ein kurzweiliges Thriller-Drama mit gewissem Unterhaltungswert und absurden Momenten, die nicht in die anfänglich aufgebaute Drohkulisse passen. Das im Hintergrund siechende und manchmal maulig hervorquellende Familiendrama ist nicht mehr als altbekannte Dramaturgie und dadurch aufgepappter Fremdkörper, der nur noch mehr den Fokus von der situativen Panik lenkt. Letztlich bleibt eine zahme Bestie von einem Film, die unkonzentriert und arg konstruiert bis zum Finale stolpert.

Alex

Titel: Beast
Kinostart: 25.08.2022
Dauer: 93 Minuten
Genre: Abenteuer, Drama, Horror, Thriller
Produktionsland: USA, Island
Filmverleih: Universal Pictures

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT