Überlebensdrama „Abseits des Lebens“: Am Ende am Ende

Überlebensdrama „Abseits des Lebens“: Am Ende am Ende

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SLEAZE + Abseits des LebensAbseits des Lebens. Eigentlich ist der deutsche Filmtitel eine Frechheit! Eine Frau mittleren Alters hat genug von ihrem bisherigen Leben und zieht in die Wildnis Wyomings. Das Auto lässt sie abholen und die Hütte bringt sie auf Vordermann bzw. -frau.

Nur sie und die Natur. Die Ruhe nicht von allem, sondern von allen. Es falle ihr schwer, mit Menschen zusammen zu sein, erklärt sie gegenüber einer Therapeutin in einem grauen Zimmer ohne Aussicht. Hat sie sich vom Leben abgewendet? Oder hat sie sich von einer Art des Lebens abgewendet, die längst wider der Natur ist?

Der urbane Lärm immer dichter besiedelter Ballungsräume, die Entsolidarisierung in einem Zeitalter kapitalistischen Endstadiums, das alle Bereiche des menschlichen Daseins dem Diktat der Ökonomisierung zu unterwerfen gedenkt. (Könnte auch aus einem der guten Vorträge von Harald Lesch sein, oder?)

Dazu die mentalen menschlichen Mauern, zwischen und an denen Entfremdung von Artgenossen und ihr selbst wuchert wie Unkraut. Abgerundet wird dies mit Haltlosigkeit und Verwirrung in hysterischen Blasen der Hysterie, der reaktiven, ideologisch unterworfenen Schnappatmung, die auch inzwischen jeder von uns wohl aus den (un)sozialen Medien kennt.

Wer ist hier also abseits des Lebens? Jener Sinn suchender Charakter mit Namen Edee, den Robin Wright (House of Cards) in ihrem abendfüllenden Spielfilmdebüt als Regisseurin höchstpersönlich verkörpert, kann es wohl kaum sein. Und an dieser Stelle erweist sich der stark suggestive deutsche Titel des Films, der im Original schlicht Land heißt, leider mehr als zutreffend. Sie sei es eben doch, die im so genannten Abseits des Lebens steht.SLEAZE + Abseits des Lebens

Das überwundene Leben

Dabei erzählt der Streifen über weite Strecken gelassen vom Anpassungsprozess Edees in der längst ungewohnten Umgebung. Das Holzhacken und Fischen sind undramatisierte Tätigkeiten und der Blick in den dämmernden Nachthimmel ein wundersamer Blick in den existenziellen Spiegel des Firmaments.

Es ist angenehm, einem Menschen einfach nur zuzusehen, ihn zu beobachten und so für sich stehend wirken zu lassen. Hier fehlt dieser Figur im positiven Sinne lange der erzählerische Trieb nach vorn hin zu einem Ziel, denn dieses wird schlicht nicht definiert.

Eine beruhigende Entschleunigung, die mit einer folgenschweren Bärenbegegnung und einem Umschlagen des Wetters dramatischere Impulse erhält, die im Angesicht eines Nahtoderlebnisses den Jäger Miguel (Demián Bichir) auf den Plan rufen. Er wird zu einem Gefährten, der Edee stoisch, aber nicht drängend zur Seite steht und ihr und ihren Entscheidungen mit Respekt gegenübertritt. Geld nehmen für die richtige Tat? Er lehnt ab.

Im Folgenden entspinnt sich zunächst nicht etwa ein Offenbarungstheater, das küchenpsychologisch mit noch so hanebüchenen Motiven um sich werfen würde. Nein, Robin vertraut weiterhin ihrer unaufdringlichen Inszenierung, die zeigt und nicht erklärt, die beobachtet und nicht definiert. Bis das Ende naht.

Der Schlussakt ist ein atmosphärischer und erzählerischer Bruch, der den Film auch in der Rückschau massiv beeinflusst. Denn was einst so angenehm frei von einfachen Erklärungsversuchen war, verwandelt sich im Finale zu einem Drama mit Katharsis, das seiner Protagonistin ein klares Motiv unterjubelt. Nicht das moderne Leben selbst, sondern ein Trauma scheint das Problem zu sein.

Plötzlich ist der deutsche Titel treffender denn je: Abseits des Lebens. Denn das ist die finale Suggestion des Films, der mit seinem Schlusspunkt alle unausgesprochenen, existenziellen Überlegungen und Eindrücke beiseite wischt und an ihrer Stelle eine müde Erklärung zu finden versucht.

Das Leben kann weitergehen wie bisher, der dunkle Fleck aus der Vergangenheit scheint überwunden. Und das Schöne und Ruhige, die Rückbesinnung aufs Wesentliche, weicht letztlich einem Telefongespräch. Die ruhige Bebilderung der Natur kann dem Film keiner nehmen. Sie sind der Fluchtpunkt, den sich wohl viele zumindest insgeheim oder unbewusst wünschen.

SLEAZE + Abseits des Lebens
Freunde in der Wildnis: Robin Wright und Demián Bichir.

Doch sich selbst nimmt der Film die Tiefe, indem er trivialisiert und so in alte psychologische Denkmuster verfällt. Die sind zwar nicht grundlegend falsch. Bedauerlich ist ihr plötzlicher Einschub dennoch, denn er raubt sich selbst die Chance, mehr zu sein als eine Überwindung. Und so steht er plötzlich selbst ein Stück weit abseits des Lebens.

Alex

Titel: Abseits des Lebens (OT: Land)
Kinostart: 05.08.2021
Dauer: 89 Minuten
Genre: Abenteuer, Drama
Produktionsland: USA, Kanada
Filmverleih: Universal Pictures

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