Trifft ein Spießer auf einen…Trump

Trifft ein Spießer auf einen…Trump

James Comey rechnet in seinem Buch mit Donald Trump ab – der ihn rausschmiss wegen unterschiedlicher Wertvorstellungen. Fast spannender ist jedoch, dass er indirekt mit mehr abrechnet und Werte propagiert, die heutzutage vielen Führungspersönlichkeiten fehlen.

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Normalerweise bin ich nicht auf der Seite der Spießer. Ordnungsamt, „So was macht man nicht“-Quatschköpfe und andere Menschen, die sich viel um das Leben anderer kümmern, aber nie um Spaß oder an sich selbst arbeiten – alles nicht so meine Baustelle. Bei James Comey aber sieht es anders aus.SLEAZE + James Comey

Wie so viele hat auch James Comey ein Buch geschrieben, nachdem ihm etwas Dramatisches, die Welt bewegendes passiert ist. In den meisten Fällen handelt es sich ausnahmslos um die Sicht des (vermeintlichen) Autors – in James Comeys Fall aber zum Glück nicht.

Das ist der erste Pluspunkt. Der zweite: Ein Mensch, der Vize-Justizminister war und jahrelang FBI-Direktor, hat Zugang zu Informationen, die nicht jeder hat. Die hat er in Größer als das Amt gut lesbar aufbereitet, so dass man nicht von Verwaltungs-Blabla erschlagen wird. Sein größter Pluspunkt aber ist wahrscheinlich seine Ehrlichkeit. Bei vielen Gelegenheiten gibt es kritische Selbstbeurteilungen und Fehler, an denen er bis heute knabbert.

Natürlich wird auch in dem Buch einiges beschönigt sein, was man von außen nicht beurteilen kann. So ist es z.B. merkwürdig, dass er sein FBI als eine Art Elite-Behörde darstellt, die Fehler, die das FBI aber u.a. bei den Tötungen durch Rassenkonflikte begangen hat, nur kurz und fast nebenbei erwähnt.

Oder auch, dass zwischendurch im Buch die Hautfarbe schwarzer Bürger genannt wird, obwohl die völlig irrelant für den Sachverhalt ist. Bei all solchen Äußerungen klingelt doch mein Gerechtikeits-Alarm und es riecht etwas nach Republikaner-Denken.

Trotzdem: Das Buch ist gut. Es beginnt in der Karriere des jungen „Jim“ Comey und endet, wo es enden muss – bei Donald Trump. Doch der Weg dahin ist vielfältig und spannend. Die Zeit unter George W. Bush, die Ernennung zum FBI-Direktor durch Barack Obama (obwohl James Comey für den politischen Gegner Mitt Romney gespendet hat) – und die vielen Aufgaben und Erlebnisse dazwischen. Allein seine Einschätzungen und Erfahrungen zur Personalführung und -motivation sind beeindruckend.SLEAZE + James Comey

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass das Buch nicht zu lang ist. Es ist pointiert und verstrickt sich nicht ewig in kleinlichen Scharmützeln zwischen Behörden und Paragraphen, wie es sonst gern mal passieren kann. Da haben wohl auch der Verlag und das Lektorat sehr gute Arbeit geleistet.

Das große Manko

Ja, ein Manko bleibt und das nicht zu knapp. Donald Trump schmiss James Comey raus und das Justizministerium setzte aufgrund der immer unübersichtlicheren Lage der Russland-Aktivitäten und der Verbindungen des Trump-Lagers einen Sonderermittler ein. Interessanterweise den Vorgänger von James Comey: Robert Mueller.

Nur dreht sich das gesamte Buch nicht um Trump. Jedenfalls nicht direkt. Das kann jetzt genial umgesetzt sein, dass es ausschließlich „um die Wahrheit“ gehe und den Schutz der Institutionen und Ämter (und indirekt die Anklage, dass Trump beides beschädige) – aber das, womit das Buch die ganze Zeit in Verbindung gebracht wird, beginnt erst auf den letzten 90 Seiten (von 383 inklusive Schlagwortverzeichnis).

Dann wird es allerdings auch richtig spannend. Pikante Details über „Golden Shower“ gibt es zwar – zum Glück – wenig, aber dank Donald Trump wird es auch so richtig witzig. Oft musste ich mir die Treffen zwischen diesen beiden unterschiedlichen Personen vorstellen (das psychologische Super-„Es“ trifft auf eine gut gelungene Mischung aus „Ich“ und „Über-Ich“) – und schmunzeln.

SLEAZE + James Comey
Grandios…es Kino!

Das vergeht einem natürlich schnell wieder, wenn einem wieder bewusst wird, dass man hier keinen Agenten-Thriller liest, sondern das alles echt ist – macht es aber auch umso spannender.

Was wird bleiben von dem Buch?

Das hängt wohl entscheidend davon ab, was Robert Mueller findet. Aber auch so kann das Buch etwas bewirken. Nämlich dann, wenn es seinen Weg findet zu den vielen Entscheidern in Wirtschaft und Politik, an welchen Werten man sich messen sollte.

Nicht kurzfristigen Profit und der schnelle Deal wie in der Politik so häufig, sondern an Werten, die jahrzehntelang Bestand haben. Hoffentlich liest das auch so mancher unserer Entscheider und denkt über sein eigenes Handeln mal genauer nach.

Dann würden sich Probleme wie Hungersnot, Überbevölkerung, Klimaerwärmung und selbst so ein fieses Geschwür wie die AfD ganz schnell erledigen. Aber das würde die mentale Größe eines James Comey erfordern.

danilo

Autor: James Comey
Titel: Größer als das Amt: Auf der Suche nach der Wahrheit – der Ex-FBI-Direktor klagt an
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Verlag: Droemer HC
ISBN-10: 3426277778

 

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