Toy Story 4: Existenzkrise im Kinderzimmer

Toy Story 4: Existenzkrise im Kinderzimmer

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In diesem Film wird selbst eine Plastikgabel Mensch. Wie schon seine drei Vorgänger erweist sich Toy Story 4, der in Deutschland mit dem seltsam albernen Titel A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando erscheint, als eine existenzielle Erzählung im Gewand eines farbenfrohen Animationsfilms.

SLEAZE + Toy Story 4
Alte Freunde: Buzz Lightyear und Woody

Was heißt es, zu sein und wer bin ich eigentlich? Bin ich mehr als der von mir angenommene Grund? Was bedeutet Freundschaft? Liebe? Wohin will ich? Ja, Filmschmiede Pixar stellt auch in seinem vierten Spielzeugabenteuer wie beiläufig große Fragen und inszeniert nebenbei einen zu Herzen gehenden wie rasanten Roadtrip.

Mit Forky erleben wir eine wahre Lebensgeburt

Die Zeit bei ihrem langjährigen Besitzer Andy ist vorbei. Inzwischen leben Spielzeug-Cowboy Woody (engl. Originalstimme: Tom Hanks) und seine Freunde um Space Ranger Buzz Lightyear (Tim Allen), Cowgirl Jessie (Joan Cusack) & Co. bei der kleinen Bonnie.

Als der Gesetzeshüter mit der Schlange im Stiefel das junge Mädchen heimlich zur Einführung in den Kindergarten begleitet und Zeuge wird, wie ein anderes Kind ihre Bastelsachen wegnimmt, erweist sich ein beherzter Griff Woodys in den Abfalleimer als der Beginn einer Existenzkrise.

Ein so genannter Plastikgöffel, eine Mischform aus Gabel und Löffel, wird ausgestattet mit angeklebten Wackelaugen und Holzstielen sowie Knetmund und Stoffdrahtärmchen Bonnies neues Lieblingsspielzeug. Forky (Tony Hale) ist geboren.

Zum Leben erweckt, kennt Forky aber nur den einen Zweck, für den er ursprünglich geschaffen wurde: Nahrung in den Schlund seiner Herren schaufeln und daraufhin entsorgt werden.

Woody, seit Teil eins der Reihe eine Art Verkörperung der Loyalität gegenüber seinem Besitzer, sieht sich auf dem darauf folgenden Roadtrip mit Bonnie und ihren Eltern auf einer ständigen Rettungsmission zwischen Pflichterfüllung, Überzeugungsarbeit und dem eigenen erschütterten Dasein.

SLEAZE + Toy Story 4
So sieht neues Leben aus: Forky

Forky ist nämlich in dauernder Selbstrecyclinglaune, die ihn immerzu in die nächstbeste Entsorgungsmöglichkeit treibt. Dieser Umstand mündet in heiteren und zugleich bizarren Momenten, da er im Grunde ein akut suizidgefährdetes Spielzeugwesen wider Willen verkörpert. So liegt es an Woody, dessen und seine eigene Existenz zu ergründen und neuzudenken.

Toy Story 4 vereint Leichtigkeit mit großen Lebensfragen

Pixar macht aus Toy Story 4 aber niemals einen schwer verdaulichen Film, sondern taktet ihn in einem aus der Reihe bekannten Rhythmus aus Slapstick, Dialogwitz, eskalierenden Verfolgungseinlagen und Momenten der Ruhe, Einkehr und Reflexion.

Hierfür nimmt sich das Drehbuch aus der Feder von Pixar-Urgestein Andrew Stanton und Stephanie Folsom verschiedenen neuen wie alten Figuren an, anhand derer sie von unterschiedlichen und doch vereinenden Lebensschicksalen erzählen.

Es ist erstaunlich, mit welch verspielten Details die Macher um Regisseur Josh Cooley ihre Szenen und Sequenzen dabei mit Leben füllen. Der ganze Film strotzt vor Bewegungsfreude und prall gefüllter Ausstattung.

Die moderne Animationstricktechnik mit ihren starken Farben, scharfen Texturen und wundersamen Lichtspielen zaubert zudem Eindrücke auf die Leinwand, die im Kino nicht allgegenwärtig sind.

Hier findet der blitzende Trubel eines Rummels ebenso starke Bilder wie der romantische Sonnenuntergang mit seinen sehnenden Horizonten oder der einsame Gang durch die neblige Nacht.

Toy Story 4 ist ein rasanter und zugleich tiefgehender, herzerwärmender Film, der nur vordergründig von Spielzeugen erzählt. SLEAZE + Toy Story 4

enn so verhält es sich mit allen großen Geschichten: Es geht weniger um die reine Oberfläche des Erlebten als vielmehr um die Fähigkeit der Erzählung, uns möglichst kraftvoll und scheinbar mühelos in seine tieferen Gefilde zu entführen. Und plötzlich merken wir, wie wir selbst Woody, Buzz und Forky sind.

Alex

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