Tomorrow: Balsam für die Welt

Tomorrow: Balsam für die Welt

TEILEN

sleaze-tomorrow1
Die sympathischen Macher der Doku: Aktivist Cyril und Schauspielerin Mélanie

Berlin, Erde: Der Zustand der Murmel, auf der wir um die Sonne rasen, ist nicht gut: Bevölkerungsexplosion, Erderwärmung, Artensterben, Umweltgifte. Die Ökosysteme sind ernsthaft gefährdet, und auch wir Menschen sind ein Teil von ihnen. Wer vernünftig und verantwortungsbewusst ist, stimmt dieser Einschätzung zu.

Was also tun? Total verzweifeln, kein neues Leben mehr in die Welt setzen, sich gleich einen Strick nehmen? Die Doku Tomorrow: Die Welt ist voller Lösungen beschreitet hier einen anderen Weg. Sie wurde gemacht von der Schauspielerin Mélanie Laurent, bekannt aus dem Tarantino-Film Inglourious Basterds, und dem Aktivisten Cyril Dion. Die beiden gehen nach dem erfrischenden Motto vor: Nicht jammern, besser machen! Sie wollen nicht pessimistisch oder apokalyptisch draufkommen, sondern fragen sich stattdessen: Was kann man denn verändern, was sind bessere Lösungen als die derzeitigen? Und werden diese womöglich bereits irgendwo auf der Welt praktiziert?

Nahrung & Energie

Was folgt, ist eine Reise um die Welt zu Orten, an denen lokal bessere, nachhaltigere Ideen umgesetzt werden. Ein schönes Projekt, weit jenseits von naivem Gutmenschentum. Und ein großes Thema dabei ist selbstverständlich die Landwirtschaft, eine der Keimzellen der ökologischen Bewegung. Aber warum denn überhaupt ökologische Landwirtschaft betreiben? Nun, die industrielle mit ihren Pestiziden, Antibiotika und Monokulturen ist weder gut für Mensch noch den Rest der Natur. Besonders schlimm, so erwähnen die Experten in Tomorrow: Der größte Teil der industriellen Landwirtschaft dient der Viehfutter- und damit Fleischherstellung. Iss also weniger Fleisch und rette damit den Planeten! (Von den armen Tieren mal ganz abgesehen, die für dein Abendessen geschlachtet werden.)

sleaze-tomorrow3
Glückliche Gänse (und Menschen) auf der Bio-Farm

Aber – wir erinnern uns – was kann man denn besser machen? Nun, Mélanie und Cyril besuchen beispielsweise eine französische Bio-Farm, in der vorindustrielle Anbaumethoden genutzt werden. Oder man könnte auch sagen: alte Geheimnisse.
Gemüse wird auf diesem Bauernhof gestapelt angebaut: Zum Beispiel oben Tomaten, unten Basilikum. Die Tomaten spenden dem Basilikum noch Schatten, denn das hat das gern. So wird ganz dicht neben- und übereinander gepflanzt, an die jeweiligen Bedürfnisse der Pflänzchen angepasst. Auch Pestizide sind nicht nötig, denn man kann ein Gewächs ebenso geschickt zum Schutz des anderen einsetzen. So entsteht einerseits eine Farm, die einen wirklichen natürlichen Kreislauf darstellt, die aber andererseits auch sehr produktiv ist. Der Bio-Bauer erklärt dann auch: In der Natur vermischen sich Pflanzen immer. Das hat die industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen aber noch nie verstanden. Zehnmal so ertragreich sei die biologische Farm gegenüber einer „normalen“.

Cyril und Mélanie gehen bei ihrer Reise um die Welt in Kapiteln vor, um wirklich das gesamte Spektrum der Lösungsansätze abzudecken. Daher widmen sie sich auch: der Energieerzeugung. Das ist ein wirklich großer Brocken und ein umkämpftes Feld, denn die Ölfirmen gehören zu den größten und mächtigsten Konzernen der Welt. Gleichzeitig sind Erdöl und Erdgas endliche Ressourcen. Alternativen hierzu sind die Wasserkraft und die Solar- und Windenergie sowie, u.U. unbekannter, die Geothermie, also die Nutzung der Erdwärme. Und dann noch: Biomassekraftwerke. Gerade letzteren beiden widmet sich die Doku und besucht Kraftwerke, die solche Energie bereits heute produzieren.
Doch nicht genug mit der (emissionsärmeren) Energieerzeugung, auch das Einsparen von Energie ist wichtig! Eine Statistik aus Tomorrow, bei der man sich wirklich die Augen reibt: 65 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs könnten eingespart werden! Z.B., indem weniger Autos auf den Straßen fahren würden. Hier kann mit geschickter Stadtplanung viel erreicht werden, wie die dänische Hauptstadt Kopenhagen vorführt, die Radfahren und Laufen für ihre Bürger attraktiver macht. Vorbildlich recycelt wird dagegen in San Francisco, der liberalen Stadt in Kalifornien. Die Stadt selbst betreibt hier riesige Komposthaufen, denn, so erklärt ein hohes Tier der Stadtverwaltung: „Wir wollen der Erde zurückgeben, was aus ihr kam.“ Schön!

Mammon mal anders

Ertragreiche Bio-Farmen, „cleane“ Energie: Das wäre mal was anderes, würde die Welt aber noch nicht auf den Kopf stellen, oder? Doch angenehm ein wenig „umstürzlerischer“ werden Mélanie und Cyril dann beim Geld:

sleaze-tomorrow2
Lokales Geld in lustigen Einheiten

Das englische Städtchen Totnes ist nämlich auf die Idee gekommen, eigenes Geld zu haben, beispielsweise den auf dem Foto abgebildeten 21(!) Pfund Schein. Das ist wirklich mal „was anderes“. Das lokale Geld ergänzt die „große“ nationale Währung und ist nur im eigenen Ort etwas wert. Dadurch erhöht sich allerdings der lokale Geldkreislauf, es werden mehr lokale Produkte gekauft, das Geld „fließt“ nicht in große Finanzzentren oder an Investoren ab und ist weniger anfällig für große nationale oder weltweite Krisen. Nur Vorteile, und dazu noch eine ganz wunderbar freche Einstellung. Die Experten erklären dann auch: Großinvestoren, Aktionären und Konzernen ist es egal, wie es deiner Gemeinde geht, dir allerdings nicht!

Die Schule

Auch die Bildung der Menschen ist wichtig für die Zukunft. Dafür besuchen die Filmemacher Finnland, das in internationalen Schulvergleichtests stets hervorragend abschneidet. Die verrückten Finnen erklären, dass sie in ihren Klassenräumen die streng hierarchische Struktur aufbrechen wollen, die daraus besteht, dass der Lehrer vorne und Autoritätsperson ist, die Schüler dagegen still sitzend und stumm den Unterricht aufsaugen. In finnischen Klassenzimmern dürfen die Schüler während des Unterrichts miteinander sprechen und niemand muss Angst vorm Lehrer haben! Vielleicht lernt man in so einem System sogar mehr „social Skills“ – und die sind nun mal wirklich auch wichtig fürs Leben. Einige andere finnische Praktiken: den Kindern zuhören(!), sie nicht bestrafen, auch mal die Schüler entscheiden lassen. So sollen selbstständige kleine Menschen gefördert werden, die z.B. auch ganz neuartige Probleme lösen können oder einfach mal das Lernen gelernt haben, nicht nur den Stoff. Die spinnen! 😉

Tomorrow und die „dunkle Seite“

Tomorrow punktet neben seinen Inhalten auch mit einem frischen Soundtrack, sympathischen Filmemachern und schönen Aufnahmen aus den ganzen vorgestellten Orten und Projekten. Natürlich reden, wie in allen Dokus, oft Experten direkt in die Kamera. Dazwischen kommen jedoch auch immer wieder nette Sequenzen, nicht zuletzt öfter eine wiederholte Aufnahme davon, wie das gesamte Filmteam im Gänsemarsch irgendwo langgeht – wie einst die Beatles über den Zebrastreifen! Neben den optimistisch stimmenden Lösungsansätzen macht die eigentliche Bestandsaufnahme jedoch auch sehr, sehr nachdenklich! Zum Einen die Gefährdung des gesamten Ökosystems, doch noch interessanter ist ja, welche Kräfte eigentlich einer Veränderung des derzeitigen Zustandes entgegenstehen. Dies sind, nicht besonders überraschend, die Finanzindustrie sowie die großen Konzerne, ganz besonders Ölfirmen, doch auch beispielsweise Monsanto und ähnliche sind hier zu nennen.sleaze-tomorrow4 Sie profitieren vom Status quo, geben sich öberflächlich den Anschein, auch bio und nachhaltig zu sein (Schau dir mal das superzynische Sonnenblumen-Logo von BP an, hier in einer „überarbeiteten“ Version verlinkt!), und beeinflussen über Lobbyarbeit, Spenden und ständige Drohungen, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlegen, massiv Regierungen und Gesetzgebung in den westlichen Demokratien. Das ist schade, sollte aber niemanden verzweifeln lassen. Denn wie die Projekte in Tomorrow augenscheinlich vorführen: Es geht auch anders!

Robert

Titel: Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen
Regie: Cyril Dion, Mélanie Laurent
Laufzeit: 120 Min.
VÖ: bereits erschienen
Verleih: Pandora Film Verleih

 

 

KEINE KOMMENTARE

Kommentar verfassen